Ellen Auerbach: “Ich bin seit 100 Jahren Amerikanerin”

Die Bauhaus Fotografin Ellen Auerbach verstarb am 30.7.2004 im Alter von 98 Jahren in New York. Das folgende Gespräch wurde 1998 für den New Yorker Aufbau geführt.

Ellen Auerbach“Sie arbeiten schwer daran, mich in eine Schachtel zu stellen.” Ellen Auerbachs Augen, zwei glühende Kohlen unter buschigen dunklen Augenbrauen, blitzen mich herausfordernd an. Dabei versuche ich nur herauszufinden, wo Ellen Auerbach (Foto rechts, Erich Hartmann/MAGNUM, 1998) zuhause ist, wo sie sich hingezogen fühlt, nachdem sie ihre alte Heimat 1933 verließ, “weil man in einem Land, das Konzentrationslager hat, nicht leben kann”. Über Palästina und London kam sie dann nach New York.

Ich, die Fragende, benutze absichtlich das Wort ‘Heimat’, meine aber nicht den vom braunen Mief umgebenen Ort, der Nationalstolz vorgaukelte, sondern den Ort, der Identität formte, Wärme und Erinnerungen brachte und an dem man sich sicher fühlt. Sie blickt mich streng an und schmunzelt. “Nirgends finde ich einen Platz, wo ich sage ‘aha, das stimmt'”, erklärt sie mir in ihrem schweren Baden-Württembergischen Akzent. “Ich fühle mich nicht als Europäerin oder Amerikanerin, sondern als ganz unzureichende Weltbürgerin!”

Wir sitzen in ihrer kleinen, gemütlichen New Yorker Wohnung an der Upper East Side in Manhattan und unterhalten uns über das Leben. Sie, die 92jährige Photographin, die von Karlsruhe über Berlin, London und Tel Aviv nach New York kam, und ich, die ich ihre Ur-Enkelin sein könnte und fast den gleichen Weg hinter mir habe. Dabei ist für sie die Suche beendet, sie hat die Ruhe gefunden, das ‘Überall-Zuhausesein’ überwunden und ihren Optimismus bewahrt.

Ellen AuerbachIch bewundere sie, dass sie mit den alten Umgebungen so ohne weiteres brechen konnte. “Ich war mehrmals in Deutschland und habe Erinnerungen gesucht, die ich noch in mir hatte”, meint sie nachdenklich, “als ich diese Dinge aus meiner Kindheit wiedersah—zum Beispiel die blankpolierten Füßchen einer patinierten Bronzestatue eines Brunnens in Karlsruhe, wo wir uns früher als Kinder festhielten und schaukelten—hatten sie die Bedeutung verloren, die ich glaubte, dass sie auf mich hatten.”

Ich bewundere sie um diese Erkenntnis, denn ich frage mich immer noch, wo genau ich hingehöre. In Berlin aufgewachsen, habe ich 13 Jahre in Israel gelebt, bevor ich 1995 nach New York kam. Herausgefunden habe ich zunächst nur, dass das Wichtigste für mich meine Sprache ist—egal wo ich bin. Und was ist mit meiner ‘deutschen Identität’? Gibt es die?

 

Wo ist zuhause?

 

Ellen AuerbachIch möchte von Ellen Auerbach eine Antwort erhalten, ob man seine Kindheit nach der Emigration ganz einfach abstreifen kann, ein neues Leben aufbauen und sich seine neue Umgebung zurechtrücken kann, ganz so wie man einen glänzenden, leicht kneifenden, Schuh einlaufen muss, bevor er passt. Ellen Auerbach konnte das. “Auf die Frage ‘wo gehörst Du hin’ steht man da mit einem gewaschenen Hals”, meint sie trocken. “Aber es ist auch beneidenswert, wenn sich jemand zugehörig fühlt an einen Ort. Doch man muss den Glauben an sich finden und darf sich auf keinen verlassen.” “Sind denn die Menschen nicht in jedem Land anders?” frage ich sie. “Ja und nein”, meint sie bestimmt, “man muss sich schon an ein Land gewöhnen. Aber ich suche immer und finde, was alle Leute gemeinsam haben.”

Ich dränge weiter. “Wo fühle ich mich zuhause?”, antwortet sie nach einigem Zögern. “Da wo es gemütlich ist, wo man nicht das Gefühl von Fremdheit hat. Man weiß nicht genau, warum man sich zuhause fühlt. Es hat mit den Menschen zu tun. Uramerikanische Plätze finde ich befremdend”, schmunzelt sie. “Irgendwo muss ich ein Bild haben von einer gemütlichen, jüdisch-deutsch-amerikanischen Identität, die in manchen Leuten vorhanden ist.” Sie lehnt sich zurück und lacht.

Und dann kommt endlich die Antwort, auf die ich gewartet habe: “Ich bin seit hundert Jahren Amerikanerin.” Ich glaube ihr sofort. “Sei doch froh! Wie großartig, wenn Du in einem Land das erreicht hast, was Du Dir vorgenommen hast, und dann den Mut hast, in ein anderes zu gehen. Das ist nicht wegrennen”, zerstreut sie meine eigenen Zweifel. “Ich betrachte meine Staaten- und beinahe Globallosigkeit nicht als etwas Negatives. Manchmal jedoch als etwas Bedauerliches, wenn ich Leute sehe, die patriotisch sind gegenüber einem Land, dann denk’ ich, dass das doch etwas sehr Schönes ist.”

 

Ein koscherer Haushalt mit Schinken und Aal

 

Ihr aber war Patriotismus immer zuwider. Ellen Auerbach wurde 1906 als Ellen Rosenberg in Karlsruhe geboren, in ein “orthodoxes Elternhaus”, wie sie sagt, aber “wir aßen Schinken und Aal”. Vom Vater habe sie das Intellektuelle und ihre Mutter habe sie mit existentiellen Fragen über den Weltraum gelöchert. Ellen Rosenberg erhielt keine Antworten, “und da habe ich mir die Welt zurechtgerückt, ohne Sonne, Mond und Sterne, und das ging eigentlich sehr leicht, nur mit dem leeren Raum”. Doch, so meint sie, “es sei unpraktisch, wenn man von existenziellen Fragen sein ganzes Leben verfolgt werde”.

Nach dem Studium der Bildhauerei ging Ellen Auerbach 1929 nach Berlin und begann dort ihre Fotoausbildung bei dem Bauhäusler Walter Peterhans. Dort lernte sie Grete Stern kennen, mit der sie immer noch in Kontakt steht. Ich beneide Ellen Auerbach sofort: im Berlin der 20er Jahre gelebt, die “Goldenen Zwanziger” unter Künstlern verbracht zu haben… “Ich habe dort viele Erfahrungen gemacht”, sagt sie, ganz so als lese sie meine Gedanken. “Ich fing da eigentlich an, mein Leben zu leben.”

Sie gründete zusammen mit Grete Stern das Fotostudio “ringl & pit” (“das waren unsere Kosenamen. Ich bin pit.”) in Berlin-Steglitz, das sich auf Werbephotographie spezialisierte. Dass sie in dieser Zeit das erste Fotostudio betrieb, das von Frauen gegründet wurde, schiebt sie als beiläufig beiseite. “Wir haben für damalige Verhältnisse sündhaft gelebt, mit verschiedenen ‘boyfriends’!” Aber die Annahme, sie hätte damals schon bewusst fortschrittlich gehandelt, findet sie anmaßend: “Ich habe gelebt, und dabei merkt man die eigenen Schritte nicht”, meint sie trocken. “Aber da ich meiner Zeit derartig voraus bin, werde ich immer ausgelacht, und dann kommt man später nachgehinkt. Das ist nichts Besonderes an mir, das ist so, wie ich gebaut bin.”

 

Flucht aus Berlin

 

Ellen Auerbach1933 erhalten ringl & pit für die Werbephotographie des Haartöners “Komol” den ersten Preis bei der Deuxième Exposition Internationale de la Fotografie et du Cinéma in Brüssel, und im selben Jahr beschließt Ellen Auerbach, nach Palästina auszuwandern, raus aus dem Land der Konzentrationslager. Mit einer Freundin und ihrem zukünftigen Mann, Walter Auerbach, eröffnet sie in Tel Aviv das Fotostudio “Ishon” [hebräisch: Augapfel] für Kinderphotographie. Doch sie verlässt das Land 1939 und fährt nach London, wo sich inzwischen Grete Stern niedergelassen hat. In Israel habe sie der Nationalstolz abgestoßen, der Patriotismus, von dem sie doch aus Deutschland geflohen war: “Ich erinnere mich an ein Poster, das ein Bild von einer jüdischen Frau und einem Araber zeigte, deren Beziehung fast mit Rassenschande gleichgestellt wurde!”

Ellen Auerbachs Eltern wurden in das französische Internierungslager Gurs deportiert, überlebten und kehrten nach dem Krieg nach Karlsruhe zurück. Ihr Bruder konnte 1936 nach Buenos Aires entkommen.

Nach kurzem Aufenthalt in London, wo es ihr am besten gefallen habe, “weil ich die Sprache nicht kannte”, reiste Ellen Auerbach mit ihrem Mann 1937 nach Philadelphia und kam 1944 nach New York. Wieder beneide ich sie: New York in den Zeiten des Swing…… Ellen Auerbach schaut mich gütig an, als hätte sie ein naives Kind vor sich, das vor ihren Augen aufgeregt auf- und niederhopst, und erzählt mir, wie sie beeindruckt ist von der amerikanischen Einfachheit, der “Kulturlosigkeit”. “In Europa wird alles Alte gepflegt und geschützt”, manchmal frage sie sich, ob es dort Putzmittel für Putzmittel gäbe, “und in Amerika bekommen ungepflegte, schmuddelige Dinge etwas Schönes, Lebendiges”. Und dann beschreibt sie mir voller Wärme ein Graffiti, das ihr hier, kurz nach ihrer Ankunft, ins Auge sprang: ‘Happy New Year’ auf einer alten, schmutzigen Hauswand! “Hier will man nur das Neue und blickt nach vorne”, resümiert sie. Und das passt ihr genau.

Sie versteht die Emigranten nicht, die nach Amerika kamen und immerzu sagten, dass das und das in ihrer alten Heimat besser war. Die Amerikaner nannten diese Neuankömmlinge “Beiunsniks” und meinten die, die immerzu betonten, ‘bei uns in Deutschland ist alles besser gewesen’. Ellen Auerbach grenzte sich von diesen Emigranten ab, tauchte voll unter in die neue Umgebung. “Die Amerikaner sind zwar offener als die Deutschen, aber ein bisschen oberflächlicher. Sie meinen weder gut noch schlecht. Aber man kommt besser an sie heran.”

 

Die “Dritte Hand”

 

Ellen Auerbach“Der Mensch ist ein enorm zarter, verletzlicher Kopf”, sagt sie plötzlich, “gegen die sehr reale Angst hilft nur die Liebe.” Sie selbst habe sich zur Aufgabe gemacht, jeden Tag wenigstens einen Menschen zum Lachen zu bringen. Sie selbst lacht wenig. Früher habe sie viel Humor gezeigt, “um die Leute zum Lachen zu bringen, bevor sie mich verletzen können”.

In jedem Menschen stecke eine “dritte Hand”, wie sie sie nennt, also Neugierde, Lebenslust und Gabe. Diese dritte Hand sei alterslos, unabhängig und überbrücke damit die verschiedenen Generationen, ermögliche Kommunikation. Die Generationen können zusammenkommen, wenn sich die dritte Hand ähnelt: “Jeder sollte unabhängig von seinem Alter eine dritte Hand in sich haben, die ihn jung hält”, meint sie.

In ihrer kleinen Wohnung hängen viele ihrer Photographien und Poster von diversen Ausstellungen. “Ich bin bis 1976 anonym gewesen und wurde dann entdeckt. Es kam ganz überraschend. Ich war nie eine Berufsphotographin, sondern eine Amateurin”, sagt sie bestimmt. “Dabei meine ich nicht im Sinne von ‘gepfuscht’, sondern ich war Photographin nebenbei als Zeitvertreib.” Gute Kunst, gute Photographie ist “technisch gut und hat ein gutes Thema”. Und gute Photographie “jodelt sich”, wie sie sagt, sie lebt, hat Energie. “In meine guten Photographien kann man hineingehen.”

Dabei möchte sie in ihrer Photographie nicht als ‘typische Auerbach’ erkannt werden, will nicht unbedingt, dass man ihre Handschrift erkennt. Die Photographie war nie ihr Hauptberuf. Auch als Köchin und Gärtnerin war sie mal tätig, unterrichtete Photographie, reiste zusammen mit Eliot Porter nach Mexiko und fotografierte dort Kirchen, und sie beschäftigte sich viel mit Kindern und der Lerntherapie.

In Amerika hat sie viele europäische Freunde, fühlt sich immer zu den gleichen Menschen hingezogen. Und damit sind wir in unserem Gespräch wieder an dem Punkt angelangt, auf den ich sie bringen möchte, nämlich: was ist Zuhause? “Ich habe manche Länder lieber als andere”, gibt Ellen Auerbach zu. “Ich habe bestimmt auch Bindungen an Deutschland, wo ich einen wichtigen Teil meines Lebens verbracht habe. In Amerika habe ich einen noch größeren Teil meines Lebens verbracht. Aber beide Länder sind für mich keine Heimat und kein Zuhause.”

 

Eine pessimistische Optimistin

 

Also doch heimatlos, ein Emigrant ohne Bindung? bohre ich weiter. “Nein, meine Wohnung, in der ich schon 40 Jahre lebe, ist mein Zuhause”, und sie schaut sich um in ihrem Wohnzimmer, das mit Zimmerpflanzen, vielen Büchern, Bildern und Fotomappen und einem großen Schreibtisch aus hellem Holz angefüllt ist. Und draußen lärmt der New Yorker Autoverkehr, eine Polizeisirene, Kindergeschrei, Vögel. Hier ist es gemütlich, hier scheint die Quelle ihrer Lebensenergie zu sein, der Sitz ihrer, wie sie es nennt, “jüdisch-deutsch-amerikanischen Seele”.

Draußen dämmert es, im Zimmer wird es langsam dunkel. “Ich bin vorurteilsfreier durch die Reisen in der Welt geworden”, erklärt sie mir. “Ich bin begünstigt worden vom Schicksal, ich bin ziemlich unbestraft durch die Welt geschlampert. Ich bin nicht zufrieden mit meinem Leben, sondern dankbar. Ich muss daran arbeiten, dass ich außerdem noch zufrieden bin, weil ich immer denk’, ich hätt’ nichts Richtiges getan. Unter meinem Pessimismus ist die völlige Überzeugung, dass alles so richtig ist. Ein Teil in mir sagt, dass es gut ist, dass alles so schlecht ist in der Welt, weil es eine Gegenpartei—das Gegenstück zu all dieser Gemeinheit—stärkt. Mit dem Schrecklichen werden die Guten immer stärker.”

Ellen Auerbach lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Ob sie ein optimistischer Mensch sei, frage ich sie. Sie beobachtet mich mit prüfendem Blick. “Da kommt wieder das ‘in ein Kästchen stecken wollen'”, neckt sie mich. “Das ‘Nicht-Kästchen-Leben’ ist so schwer, dass ich gut verstehe, wenn man alles einordnen will. Es ist viel einfacher zu sagen ‘ich bin ein Pessimist’. Ich aber bin kein Pessimist und kein Optimist.”

Wenige von Ellen Auerbachs Fotografien sind noch erhalten.Im Archiv der Akademie der Künste in Berlin befinden sich ca. 200 von Auerbach autorisierte Abzüge unter Passepartout und ca. 6.000 Negative mit ca. 4.000 Kontaktabzügen; Fotografien vom Ende der zwanziger bis Mitte der sechziger Jahre: Porträts, Mode und Werbung in Berlin bis 1933 (studio “ringl + pit”), Arbeiten aus dem Exil in Palästina und England 1934 und 1935; ab 1946 Fotos von Reisen: USA (Maine, New York, Kalifornien), Griechenland 1952, Mexico 1956, Mallorca 1959.

 

 

Mehr zu Ellen Auerbach:

Ringl & Pit

Film: Ringl and Pit by Juan Mandelbaum

Jewish Women’s Archive: Ellen Auerbach

 

Mehr zum Thema:

Die Geschichte der Juden in New York: Herz der Welt

Aufbau “Unser Aller Tagebuch”

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