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Hier ist die gekürzte Fassung meines Essays, der 1999 in dem zweiten Heftchen der Kaufmann-Marx-Foundation, New York, mit dem Titel Die Zukunft von Geschichte erschienen ist. Die Heftchen sind für den deutschen Schulgebrauch gedacht. In den bisher erschienenen sechs Heftchen berichten junge amerikanische Juden und junge Deutsche über ihre sehr persönlichen Erfahrungen.
[Junge
amerikanische Juden] schreiben über ihren Alltag, wie sie als Juden leben,
was sie über die Beziehung zu Deutschland wissen und denken. Junge Deutsche
berichten ebenfalls über ihre Eindrücke und Begegnungen mit dem Judentum
in den USA, über ihre eigene Familien- und Lebensgeschichte in Deutschland
und aus der Kenntnis ihrer Geschichte und Gegenwart. Beide Seiten erfahren lebendige Gegenwart in ihrer Vielfalt. Sie setzen sich mit Stereotypen und Vorurteilen, Hoffnungen und Visionen auseinander, lernen einander zu verstehen und orientieren sich in Richtung Zukunft. Mit den vorliegenden Handreichungen möchte die Kaufmann-Marx-Foundation diesen Gedankenaustausch zwischen jungen Menschen fördern. Je ein persönlicher Bericht von beiden Seiten des Atlantiks bietet vielfältige Ansatzpunkte in diese notwendige Richtung, die sich nicht besser formulieren lässt als durch den Hinweis von Antoine de Saint-Exupery aus Der kleine Prinz: »Richtig
sieht man nur mit dem Herzen, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar«.
Artikel in Deutsch: Der Aufbau: Unser Aller Tagebuch 350 Jahre Amerikanisches Judentum Israelische Soldaten im Kreuzfeuer Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles Das Deutschlandbild in den USA Judentum ist mehr als Bagel und Lachs Sprache als Brücke Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer Der Fall Wallenberg ist lösbar Die Kosher Nostra Moses der Unterwelt Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten
Notizen aus den USA:
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als Brücke
Sprache als Brücke Von Tekla Szymanski
Wir haben etwas sehr Wichtiges gemeinsam: unsere Sprache. Obwohl ich schon seit 15 Jahren nicht mehr in Deutschland lebe, nach langen Jahren Aufenthalt in Israel, jetzt in New York als Journalistin tätig bin, ist die deutsche Sprache unsere Verbindung. Mit ihr können wir uns verständigen, könnt Ihr mich kennenlernen und meine Geschichte lesen. Vielleicht
werdet Ihr nach der Lektüre in der Sprache einen wichtigen Komplizen erkennen.
Ich bin Journalistin und Deutsche. Ich bin Jüdin und lebe seit mehreren Jahren in New York. Die Sprache ist für mich, was Tanzschuhe für einen Tänzer sind: mein Werkzeug. Die Sprache ist meine Kamera, mein Farbpinsel, ein Klümpchen Ton zum Formen von Gegenständen. Sprache ist aber auch ein Stückchen Heimat für mich, denn obwohl ich auch Englisch und Hebräisch fließend spreche, ist Deutsch meine sicherste Ausdrucksform. Ich fühle mich zwar nicht mehr als Deutsche, bin "überall-zuhause"doch meine Muttersprache ist immer noch meine Zuflucht, meine Identität. Ich
mußte um die halbe Welt reisen, um 13 Jahre nachdemich Deutschland verlassen
hatte, in New York wieder auf meine Muttersprache zu stoßen: Ich wurde Redakteurin
bei der deutschsprachigen Exilzeitung Aufbau,
die 1934 von deutschen Juden, die aus Nazideutschland fliehen mußten, gegründet
wurde. Jetzt war ich der Immigrant. Und so wie viele namenhafte Autoren und Journalisten bei dieser Zeitung eine neue Heimat gefunden hatten, um in ihrer Sprache in der Fremde publizieren zu können,so sah ich mich nun der Herausforderung gegenübergestellt, wieder auf deutsch zu schreiben. Ich kann ich mich mit den Worten von Henry Marx identifizieren, der lange Jahre Chefredakteur des Aufbau war:
Ein bunter Fisch in Berlin Meine frühesten Kindheitserinnerungen haben mit Sprache zu tun, mit Sprache, die meine Identität formte, und mich einer Religion nahebrachte, die in Deutschland fast kaum mehr vertreten war. Es war eine "versunkene" Welt, eine romantisierte Welt, die nicht mehr da war. Obwohl diese Welt natürlich nicht sang- und klanglos "versank"sondern zerstört wurde. Und dennoch ist das Aufleben jüdischen Lebens in Deutschland immer noch etwas Außergewöhnliches, ein Zustand, den man bestaunt. Jude sein in Berlin, ist immer noch wie ein bunter Fisch inmitten von einem Schwarm sich schämender Heringe zu schwimmen; einem Fabel-Wesen gleich, dem man vorsichtig entgegentritt, um es nicht zu verletzen und um nicht beschuldigt zu werden, es anfeinden zu wollen. Als ich die ersten "Judenwitze" in der Schule hörte, fühlte ich eine unglaubliche Wut in mir. Meine Verachtung lud sich auf alles ab, was mit Deutschland zu tun hatte. Erst jetzt habe ich mehr Abstand gewonnen. Ich fühle mich nicht mehr als Deutsche. Ich habe mich dem Land entfremdet. Diese sogenannten "Witze" über Juden, die die Schüler sich erzählten und vielleicht sogar immer noch in den Schulen kursieren, sind ein Schmutzfleck in meinem Gedächtnis: ich kann ihn nicht loswerden. Denn was einmal ausgesprochen wurde, bleibt haften. Dabei ist diese Leichtfertigkeit der Schüler im nachhinein schmerzlicher für mich als offener Antisemitismus von Neonazis, dem ich später auch begegnete, und den ich mit allen Waffen bekämpfen kann. Die Unwissenheit der Schüler jedoch, daß eine abfällige Sprache verletzen und aufwiegeln kann, ist für mich in sofern beunruhigender, weil daraus irgendwann einmal Apathie und Gleichgültigkeit entstehen können. Es ist schwer, Unwissenheit energisch entgegenzutreten, ohne den schwer Belehrbaren vor den Kopf zu stoßen, und ihn somit als wichtigen Verbündeten zu verlieren. [...]
Warum soll ich etwas gegen Deutsch haben? Jetzt braucht Ihr aber nicht zu erschrecken! "Woher sollen wir denn wissen, welche Ausdrücke von den Nazis mißbraucht wurden?", höre ich Euch ausrufen. "Das ist doch so lange her, damit haben wir nichts mehr zu tun!" meint Ihr empört. "Ist es denn unsere Schuld, daß vor langer Zeit die deutsche Sprache als Waffe gebraucht wurde, um Menschen zu erniedrigen?" Natürlich nicht, Ihr habt Recht. Übervorsichtigkeit und Angst, sich klar auszudrücken, führen nämlich auch nicht zum Ziel. 'Umgekehrte Diskriminierung' nennt man das, wenn eine Gruppe, zum Beispiel Juden, besonders vorsichtig behandelt wird. Wenn zum Beispiel nicht mehr das Wort "Jude" ausgesprochen wird, sondern, aus Angst vor dem Wort, nur von "jüdischen Mitbürgern" oder von "Menschen jüdischen Glaubens" gesprochen wird. Aber vergeßt darüber nie, daß Worte auch verletzen können. Viele scheinen sich eine sprachliche Verklemmtheit anzueignen, zu der kein Grund besteht, und die Juden selbst für sich ablehnen. Eine Kollegin von mir, die als Kind aus Berlin fliehen konnte und über die Schweiz nach Kriegsende in die USA kam, sagt immer: "Warum soll ich etwas gegen Deutsch haben? Wegen Hitler? Hitler hat doch Deutsch nicht erfunden. Er konnte es ja noch nicht einmal richtig sprechen!" Viktor Frankl, der jüdische Psychoanalytiker, der 1905 in Wien geboren wurde und die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz überlebt hatte, antwortete einmal auf die Frage, wie er nach Auschwitz seine Bücher noch auf deutsch, Hitlers Sprache, schreiben könne: "Und wieso haben Sie in Ihrer Küche noch Küchenmesser, wo Sie doch genau wissen, wieviele Menschen täglich erstochen werden?" Dazu fällt mir auch ein wunderbarer Text ein, den der Lyriker und Essayist Walter Mehring im Exil geschrieben hatte. Mehring wurde 1896 in Berlin geboren, floh 1933 über Paris und Wien und konnte 1941 über Marseille nach New York entkommen. Mehring schrieb 1935, daß selbst ein Diktator wie Hitler einfache Regeln der Grammatik beibehalten sollte:
Vergiftende Vorurteile in der Sprache Ich finde, man sollte lernen, welche Ausdrücke und Redewendungen von den Nazis mißbraucht wurden, schlimmer noch: geprägt wurden. Nur dann kann man umsichtig mit der eigenen Sprache umgehen. Und Sprache, wie gesagt, ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel, baut Brücken oder läßt sie einstürzen. Ich bitte Euch darum: Seid hellhörig! Redet jemand in Eurem Beisein von "Hühner-KZ", oder von der "Endlösung" in einem anderen Zusammenhang als dem Holocaust, greift ein! Hört ihr jemanden ausrufen "das haben wir ja schon bis zur Vergasung gelernt!" klagt an! Ich tue das auch, fast täglich. Dennoch: In Deutschland gelten Juden immer noch als die Autorität in Sachen Fremdenhass und Antisemitismus. So als müßten sie besonders hilfreich und gut sein, so als haben nur sie aus der Vergangenheit lernen müssen. Juden sind keine Spezialisten für Holocaust und Neonazis! Sie sind keine besseren Menschen! Feinfühlichkeit und Sensibilität im Umgang mit anderen Menschen, mit der Sprache, sollte von jedem erwartet werden. Von jungen, alten, von Deutschen oder Israelis, wer auch immer. Juden sind schlecht und gut, wie auch Christen schlecht und gut sind. Sie haben Vorurteile, Besonderheiten und Merkmale, wie jede andere Gruppe auch. Sie machen zum Teil dieselben Fehler, grenzen sich von der Masse ab, aber man kann von ihren Erfahrungen lernen. Aufbau
hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Verklemmtheit gegenüber Juden,
gegenüber der Sprache, abzubauen. In die Redaktion am Broadway kommen regelmäßig
junge deutsche Journalisten, um für drei Monate lang ein Praktikum zu absolvieren.
Viele sind mit der Thematik der Zeitung schon vertraut, also mit Emigration, Holocaust
und deutscher Geschichte. Sie gehen sensibel mit der Sprache um, wissen, daß
unsere Leser Emigranten sind, die ihre Heimat verlassen mußten und dennoch
an ihr hängendennoch sind diese jungen Praktikanten in ihrem Eifer,
nichts falsch zu machen, übervorsichtig, ja fast verklemmt. Viele dieser
jungen Deutschen, so habe ich gemerkt, sind einfach verunsichert worden. "Ich
möchte in New York gerne jüdische Menschen sehen", erklärte
mir einmal eine junge Praktikantin auf die Frage, was sie in New York erleben
möchte. "Meinst Du amerikanische Juden?" fragte ich sie. Sie nickte.
Das Wort 'Jude' kam ihr aber nicht über die Lippen. Ich mußte ihr erklären,
daß 'Jude' kein Schimpfwort sei und ausgesprochen werden darf. Und Juden
in New York? Nichts leichter als das! "Schau aus dem Fenster", riet
ich ihr. "Drei Millionen Juden leben in dieser Stadt". Sie begriff zuerst
nicht, was ich meinte. Und dann verstand ich ihre Verwirrung: Sie erwartete schwarzgekleidete
Männer mit langen Bärten, die fröhlich zu Klezmer Musik tanzen
und untereinander Jiddisch, oder wenigstens Hebräisch, reden. Stattdessen
sah sie normales Stadttreiben, Menschen wie sie auch. Ihre Verwirrung war groß.
So hatte sie sich Juden nie vorgestellt.
Mit dem Bauch denken "Wiedergutmachung".
Was für ein scheußliches, anmaßendes Wort. Kann man den Tod einer
Familie mit Geld wieder gutmachen wollen? In Deutschland wird dieses Wort immer
noch vorbehaltlos gebraucht. In Israel wird das neutralere Wort "Zahlungen"
benutzt, im Englischen spricht man einfach von "Restitution". Immerhin
gibt es auch einige Deutsche, die sich an diesem Begriff stoßen. Eine unserer
jungen Praktikantinnen redigierte gerade ein Manuskript, als sie auf "Wiedergutmachung"
stieß. Sie setzte es ohne Umschweife in Anführungszeichen. Ich war sprachlos. Da war also ein junger Mensch, der sprachliches Feingefühl besaß! Der mit dem Bauch denkt. Es entstand eine heftige Diskussion unter den Praktikanten. Einige meinten, man sollte das Wort so gebrauchen, wie es gemeint ist: als ein bürokratisches Kürzel. Ohne zu werten. Sie warfen uns Redakteuren vor, übersensibel zu sein. Andere wiederum sagten, man sollte auf sein Gefühl vertrauen: Stößt man sich an einem bestimmten Wort, ist es einem zuwider, muß man diesen Ausdruck schließlich nicht stillschweigend benutzen, nur weil er sich eingebürgert hat und es die Mehrheit tut. Was meinst Du? In der Redaktion werden verzerrende Begriffe wie "Wiedergutmachung", "Kristallnacht" oder "Machtergreifung der Nazis" nur in Anführungszeichen gesetzt. Hier sterben die Überlebenden auch nicht "aus", wie in der Tierwelt. Da fällt mir noch ein Beispiel ein, wie unbedacht manchmal mit der Sprache umgegangen wird: Ein Leser aus Deutschland wollte eine Suchanzeige aufgeben. Als früheren "Wohnort" gab er doch tatsächlich das KZ Sachsenhausen an. Auch bei einer weiteren Unüberlegtheit sollte eingeschritten werden: Viele reden immer noch wie selbstverständlich von "Halb-Juden" oder "Viertel-Juden", getreu der Rassenideologie der Nazis. Also: Entweder ist man Judeoder man ist es nicht. Vierteilen soll man ihn nicht! [...]
Eine Menorah aus Schokolade New York im Winter: Neben Weihnachtsbäumen und Krippen sieht man in jeder Schaufensterauslage auch einen Chanukah-Leuchter. Das nennt man hier "politisch korrekt", doch zeugt es nur von dem Respekt, den Amerikaner gegenüber anderen Religionen haben. Und in fast jedem Wohnhaus steht in der Lobby ein geschmückter Weihnachtsbaum neben einer Menorah. Deutsche Touristen sind immer wieder erstaunt, daß jüdische Feiertageganz wie Weihnachten und Osternihre eigenen Symbole haben, die durchaus auch in Schokolade gegossen verkauft werden. Mehr noch: Für sie ist die Freude immer wieder groß, wenn sie "deutsche" Worte aus dem Munde der New Yorker hören. Hier "shleppt" man sich nämlich, wenn man schwer zu tragen hat, man "shmirt" sich ein Brot mit Butter, und wenn es regnen könnte, hört man im Wetterbericht, es würde einen "spritz" geben. Deutsch in New York? Es ist Jiddisch, das hier wie selbstverständlich in die englische Sprache übernommen wurde und das von dem Einfluß der Millionen von jüdischen Einwanderer zeugt, die in die USA kamen. Hier ist es also vollkommen normal, mit dem "Fremden" zu lebender ja so fremd gar nicht ist. Man redet zwar vom "Schmelztiegel New York", dieser riesigen Einwanderungsstadt, aber jeder darf seine ethnischen Besonderheiten beibehalten und gehört trotzdem dazu. Es ist erfrischend zu sehen, wie unkompliziert die amerikanischen Christen mit den amerikanischen Juden umgehen: Sie werden weder herausgehoben aus der Masse, noch unterdrückt, noch in Watte verpacktsie sind einfach ein normaler Teil der amerikanischen Gesellschaft. [...] Zurück nach Deutschland. Noch immer scheint dort das jüdische Leben hauptsächlich mit Tod in Verbindung gebracht zu werden. Schenkt man den Medien Glauben, so ist es, als vermehren Juden sich über alte Männer und Grabsteine. Doch es leben Juden in Deutschland. Und Heilung kann nur beginnen, wenn nicht nur Grabsteine mit Judentum assoziiert werden, sondern junge Juden als Nachbarn, Freunde, Klassenkameraden gesehen werden, die eben einer anderen Religionsgemeinschaft angehören. Leicht ist das nicht. Es ist schwierig, den Toten ein lebendiges Andenken zu schaffen und ihre Nachkommen als einen natürlichen Teil der Gesellschaft zu sehen. Es ist der Umgang mit dem Heute, das herausfordert. Und das beinhaltet auch das Verständnis gegenüber dem Fremden. [...]
Fragt uns aus! Wer
sind aber die Überlebenden, die rechtzeitig vor Hitler fliehen konnten? Die
deutsch-jüdischen Emigranten in den USA fühlen sich als Amerikaner,
hängen aber noch an ihrem deutschen Erbe. Ganz im Gegensatz zu ihren Kindern
und Enkeln, die kein deutsch mehr sprechen und auch keine Interesse haben an ihren
deutschen Wurzeln. Dabei sind ihre Eltern wichtige Zeitzeugen, von denen man sehr
viel lernen kann. Viele von ihnen sind noch im hohen Alter von einer auffälligen
sprudelnden Lebenslust, wenige sind verbittert. Vielleicht weil ein schweres Leben
den Geist wachhält, zu immer neuen Herausforderungen anregt, Selbstmitleid
und Weinerlichkeit verdrängt.
Ich fühle mich diesem Gedicht sehr nahe. Ich sehe es als meine Aufgabe an, zu erzählen, zu hinterfragen. Und obwohl das Vergangene weit entfernt liegt, man nicht mehr direkt betroffen ist auch ich bin das nichtsollte jeder das tun. Es gibt diesen abgegriffenen Satz "aus der Geschichte lernen". Da ist etwas dran. Glaubt's mir! Denn was Du erlebst, kann keine Macht der Welt Dir rauben. [...]
Die Sprache als Brücke "Woher kommst Du?" fragte mich ein alter Israeli im Kibbutz. Er hatte eine eintätowierte Nummer auf dem Arm. "Deutschland", antwortete ich, "Berlin". "Jaja, Berlin", er blickte mich neugierig an und wurde gesprächig. "Berlin...", fast sehnsüchtig klang das, "...da komme ich her. Aber, laß' uns nicht Deutsch sprechen." So sprach er Jiddisch und ich antwortete auf Hebräisch. Er fragte mich nach seiner alten Heimat aus, erinnerte sich an Straßennamen, ging mit mir an die Orte seiner Kindheit. Er gab mir nicht das Gefühl, in irgendeiner Weise verantwortlich zu sein. Aber keine seiner Fragen formulierte er in seiner Muttersprache. Dennoch schien er glücklich. Da war es wieder: Die Sprache als Brücke. Sprache, die Erinnerungen hervorruft und wachhält, die weh tut, vor der man Angst hat, die aber auch Kommunikation ermöglicht. Ich fühle mich überall zuhause, wo ich die Sprache verstehen kann, wo ich die Zeitungen lesen kann, schreiben kann und in der Landessprache wütend werden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich jüdische Emigranten in Shanghai oder Buenos Aires gefühlt haben müssen, die nicht nur aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen wurden, sondern auch ihrer neuen Umgebung sprachlos, verständnislos gegenüberstanden. Meine eigene Wanderungvon Berlin, über Tel Aviv nach New Yorkvollzog sich reibungslos. Ich verstand meine Umgebung, sie verstand mich, ich war fähig, mich auszudrücken. Obwohl es natürlich Kulturunterschiede gab, die mir das Leben schwer machten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. In den vielen Jahren, die ich in Israel verbracht habe, wurde ich nie angefeindet oder angeklagt. Außer, wie gesagt, daß einige Überlebende mit mir nicht auf deutsch reden wollten, wurde ich nicht mit der deutschen Vergangenheit in Verbindung gebracht. Ich habe nie offene Aversion gegen mich, oder gegen Deutschland gespürt. Und das ging auch Deutschen so, die nicht jüdisch waren. Man trat ihnen mit sehr viel Neugier entgegen. Viele deutsche Touristen ziehen es dennoch vor, auf offener Straße nicht laut deutsch zu sprechen. Wie wenig verstehen sie von der israelischen Mentalität! Die jungen Israelis sehen sich nämlich nicht mehr ausschließlich als Opfer des Holocaust. Sie haben die verhaßte "Ghetto-Juden-Identität" abgestreift, sind stolz und haben ein schier unglaubliches Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein. Für junge Israelis ist Deutschland eine Demokratie, ein reiches Land, das viele gerne besuchen. Mehr nicht. Aber es gibt doch noch ältere Israelis, die niemals deutsche Produkte kaufen würden. Jedoch offene Anfeindung gegen Deutsche, die das Land besuchen? Nein. Ich übernahm eine Vermittlerrolle: Die Israelis klärte ich über das heutige Deutschland auf, erzählte ihnen von dem Willen, aus der Vergangenheit zu lernen. Den Deutschen versuchte ich bei meinen jährlichen Besuchen nach Berlin, die verzwickte Lage im Nahen Osten begreiflich zu machen, versuchte, aus den israelischen Soldaten, Menschen werden zu lassen, die auch Ängste und Wünsche haben und um ihr Leben bangen. In Deutschland ist das Gedenken an die Opfer bei vielen zu einem unpersönlichen Kranzabwerfen verkommen. Als Pflichtübung, die man eben ablegen muß. Dabei ist die große Gefahr weniger, daß der Holocaust vergessen wird, als daß vergessen wird, wie er sich ereignete. Im israelischen Verständnis dagegen steht der Holocaust in einer historischen Abfolge jüdischer Katastrophen, nach denen das Judentumwie verheerend deren Folgen auch gewesen sein mögenstets weiterlebt und zu neuer Blüte fähig ist. Und auch wenn Juden und Nicht-Juden naturgemäß aus unterschiedlichen Blickwinkeln gedenken: Die zweigeteilte Last der Erinnerung wird man auch in Zukunft gemeinsam tragen müssen. [...]
Erinnerungen wie Nüsse sammeln Wo ist Heimat? Lange habe ich über eine Antwort nachgegrübelt, habe mir darüber den Kopf zerbrochen, wo genau ich hingehöre. Die Antwort habe ich erst letztes Jahr gefunden, von einer mir sehr nahestehenden Personmeiner Mutter. Auf meine Frage, 'wo ist man zuhause' schrieb sie mir folgendes: "Die vielen Begriffe, die mir dazu einfallen, umkreisen nur, aber können nicht diesen Punkt bestimmen. Das geht schon eher: einsammeln und ausgeben, durchleben, verändern und gestalten, scheiternneu anfangen. Um in dieser schwierigen Balance, Leben plastisch zu machenda wo das möglich und lebbar ist, mit der Gewißheit zu lieben und geliebt zu werden, Vertrauen zu empfangen und zu gebenda dürfte der Punkt sein. Er kann auch an verschiedenen Orten liegen und 'zuhause' bedeuten. Du darfst sie bloß nicht vergessen, diese Punkte, und mußt sie immer wieder neu finden. Und nicht wie das schußlige Eichhörnchen, mit seinen mehreren Wohnungenangefüllt mit Nüssenvergessen." [...] Je länger ich in den USA lebe, desto mehr fühle ich mich als Israelin, als Europäerin, als Jüdinaber immer weniger als Deutsche. Das schmerzliche Abrechnen mit Deutschland bricht hier nur manchmal auf mich ein. Kann ich sagen, daß mich das stört? Nein, ich bin darüber hinweg. Obwohl ich es leid bin, amerikanischen Juden immer wieder meine ganze Vergangenheit, die Herkunft meiner Großeltern, erklären zu müssen. Ich sehe es ihnen jedoch nicht nach. [...]
Der deutschen Sprache entfliehen? Muttersprache, Kindheitssprache, Aufarbeitung der Geschichte. Ich habe einen Komplizen in dem Schriftsteller Ralph Giordano gefunden, der den Zweiten Weltkrieg versteckt in Hamburg überlebtenur kennt er mich nicht. "Ich wäre mir vorgekommen wie ein Deserteur, wenn ich den Vorsatz, Deutschland zu verlassen, wahr gemacht hätte", schreibt Giordano. "Ich wäre mir vorgekommen, als wäre ich geflohen vor der Aufgabe, zu verhindern, daß das, was ich die Zweite Schuld nenne, also die Entstrafung der Täter, geschah. Der andere Grund war die deutsche Sprache. Die deutsche Sprache war immer meine Mutter. Sie war immer das wunderbare Werkzeug meines Berufes.[...]" Ich fühle mich nicht als Deserteur. Ich bin vor meiner Aufgabe als junge Deutsche der Nachkriegsgeneration nicht geflohen. Wichtiger als alles andere ist mir der Dialog, der überall stattfinden kann. Denn nur in der Sprache liegen meine Wurzeln. Auch Rabbiner Fred Abraham Manela, 78, setzt sich für den deutsch-jüdischen Dialog ein: Er unternahm bis jetzt 25 Reisen nach Deutschland, um an deutschen Schulen und Universitäten über die Vergangenheit zu sprechen. Manelas Vater wurde in Dachau ermordet, er selbst überlebte den Holocaust versteckt bei einer christlichen Familie in Berlin. Kürzlich erhielt ich von ihm einen Brief, aus dem ich Euch hier gerne Ausschnitte zitieren möchte. Ich kann mir keinen besseren Schluß für meinen Bericht vorstellen:
Ich will die Gedanken von Rabbiner Manela mit meiner eigenen Interpretation ergänzen. Wir stehen kurz vor dem Ende eines Jahrhunderts, in dem ein zersetzender Orkan der Nichtachtung menschlichen Lebens von einem Streben nach Frieden abgelöst wurde. Rechtschaffenheit
verweilt in uns als konstante Waagschale, ist Teil des Balanceaktes von unserem
Gemüt auf der einen, und unserer unmittelbaren Ausdrucksweise auf der anderen
Seite. Und je mehr wir uns selbst in einem solchen Ausgleich erkennen, umso mehr
beteiligen wir uns an der positiven Zukunft von Geschichte.
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