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Die
jüdische Mafia im New York der 30er Jahre Von Tekla Szymanski
"Wenn Abe Reles, Bugsy Siegel (rechts), Tick-Tock Tannenbaum, Albert Anastasia, Louis Lepkeleh" Buchhalter und Bugsy "Mot'l" Goldstein mit ihrer Gang gegen die Shapiros kämpften, dann war das für sie ein Ritualfür die Italiener bedeutete die Mitgliedschaft in der Mafia, Knochen brechen zu könnenfür die Juden in der Verbrecherszene, wie Mendy Weiss, war das Töten eine Art 'Unterwelt Bar-Mizvah', bei der man Mann wurde". Das ist Rich Cohens Schlussvolgerung in seinem Buch Tough Jews. Mehr noch: Er behauptet, daß die jüdischen Gemeinden in den USA besser dran wären, treibe die jüdische Mafia der 30er Jahre noch heute ihr Unwesen, "denn", so behauptet Cohen, "jeder braucht jemanden, der einen starken Eindruck auf ihn macht". Jeder? Entgegen aller Vorurteile kann keine ethnische Gruppe in New York ausschließlich mit der Mafia in Verbindung gebracht werden. Nicht die Italiener, nicht die Iren und nicht die Juden. Daß aber in den 20er Jahren, jüdische Mafiosi New York in Angst und Schrecken versetzten, Hand in Hand mit den Italienern gegen die Iren in der Lower East Side kämpften, und daß der "Haupt-Henker" der 'Murder Incorperated' (in Brownsville von Juden und Sizilianern gegründet), ein Jude war, wissen wenige. Diese 'local shtarkes' wurden von jüdischen Gewerkschaftsführern und Fabrikanten angeheuert, um gegen die Korruption in der Bekleidungsindustrie anzukämpfen. Aber ihr Aufgabengebiet war damit bei weitem nicht beendet: Sie 'tauften', also verwässerten, während der Prohibition ganze Whiskyladungen und schafften es, eine lange Blutspur hinterlassend, mit Gewalt aus dem Ghetto der Einwanderer auszubrechen. "Für Juden war die Verbrecherszene eine Möglichkeit aufzusteigen", schreibt Cohen, um mit ihren Familien das Ghetto zu verlassen und saubere Berufe zu ergreifen. Nicht so die italienische Mafia, scheint Cohen damit implizieren zu wollen: Die seien wohl von Natur aus so brutal, um sich von der Gesellschaft abzukapseln.
Grandma, die sind längst tot! Rich
Cohen (selbst stolzer Besitzer eines Namens, der keinen schlechten Eindruck hinterlassen
hätte bei den jüdischen Mafiosi) hat ein Thema aufgegriffen, das am
Herzen lag: Sein Urgroßvater hatte einen kleinen Deli in Brooklyn, der von
den jüdischen Gangstern regelmäßig
aufgesucht wurde. Rich Cohens Buch zeugt von dieser angelernten Ehrfurcht: Mit leuchtenden Augen erzählt er von einer vergangenen Zeit, von Albert Anastasia (rechts), "als die Gangster noch der Prototyp eines neuen Juden waren: Furchtlos und stolz, bereit sich zu verteidigen. "Don't let the Yarmulke fool ya", spöttelt er, "wo ich aufwuchs war klar: Selbst der verwegenste Jude wurde später Arzt oder Rechtsanwalt". Ganz so, als muß der Zweck immer die Mittel heiligen. Koste es was es wolle. "Eine pubatäre Faszination mit der Unterwelt" bescheinigt die jüdische Zeitung Forward in ihrer Buchrezension dem Autor. Das Buch handele von "Mr. Cohen und seinen MTV gestylten Gangster-Tagträumen". Die 30er Jahre, "das waren glanzvolle Zeiten für die 'Murder Inc.': Überall gab es Tote", freut sich Cohen, "die Jungs hatten ein System entwickelt, das sich mit dem Fließbandsystem Henry Fords messen konnte". Die Wirklichkeit war weitaus brutaler, korrupter und grausamer. Es ging um Folter und Totschlag. Um Drogen, Spielhöllen und Prostitution. 'Murder Inc.' war für rund tausend Morde verantwortlich. Das waren keine schillernden jüdischen Gauner sondern Mörder. Punkt.
Get outta here!
Man schlug sich durch. Man kämpfte gegen andere Einwanderungsgruppen, denen es genauso schlecht ging. "In Amerika konnten die Juden zurückschlagen, sie waren frei, Kriminelle zu werden", schreibt Cohen. "Juden hatten weniger als alle anderen Einwanderer zu verlieren. Ihre Väter waren kleine Handwerker. Die Söhne fanden eine neue Identität für sich: als Gauner." Da gab es Walter Sage, der klaute, um sein Torah-Studium zu finanzieren; Ein Arnold Rothstein wurde zum 'Moses der Unterwelt' und ersten Drogenkönig in der Neuen Welt; da war Großmutter Rose Gold, die Gelder reinwusch und die Gangster betreute, vielleicht auch Wunden verband; da gab es Gurrah Shapiro (oben), dessen Englisch einen so starken jiddischen Akzent aufwies, daß sein geknurrtes "Get outta here!" wie ein gezischtes "Gurrah" klang. Man amüsierte sich über ihn, bis er das Messer zog. Da war Albert Tannenbaum, der als Zuschneider in der Textilindustrie arbeitete, und seinen Spitznamen "Tick-Tock" erhielt, weil er so viel redete; Pretty Levine, der einen Müllwagen besaß (mit dem er auch Leichen transportierte). Das Geld floß, und man verbrachte die Ferien in den 'jüdischen Alpen' in den Catskills, im Norden New Yorks. "Die jüdischen Gangster waren keinen Millionäre", schreibt Cohen, "Sie waren keine Kapitalisten. Sie mußten mit ihren Händen arbeiten. Und trotzdem brachten sie mehr Geld nach Hause, als sie sich je erträumt hatten." Die ältere Generation war stolz auf sie: Rich Cohen erzählt, daß seine Großmutter die Gewehre von Abe 'Kid Twist' Reles' Truppe in den Zwiebeln versteckte, wenn die Polizei in den Deli kam. "Sie haßte Gangster, aber sie haßte jeden, der Juden haßte, noch mehr." Die Kinder der Gangster hatten es bald besser: So ging Meyer Lanskys Sohn auf die Elite-Militärakademie in West Point. Italiener und Juden kämpften gemeinsam gegen die Iren, respektieren sich. Als Lucky Luciano nach Italien deportiert wurde, so erzählt man sich, sprach er nur davon, wie sehr er koscheres Corned Beef und Pastrami vermissen würde. Italiener und Juden waren arm, mußten sich behaupten. Doch es gab gravierende Unterschiede, die mit der Zeit zu Tage kamen: italienische Mafiosi ließen ihren Reichtum in ihrer Nachbarschaft, in der Umgebung. Jüdische Gangster benutzten ihre Gewinne, um das Ghetto zu verlassen. Sie wanderten weiter, zogen um, wechselten die Wohngegenden, so als folgten sie ihrem Instinkt 'mach, daß du rauskommst, bevor es zu spät ist'. Mehr noch: Die Zugehörigkeit zur jüdischen Mafia wurde nie auf die Söhne 'vererbt'. Jüdische Gangster rekrutierten nie junge Juden. Die alten schlugen sich durch, ermöglichten ihren Kindern den Ausstieg aus der Armut, ließen sie aber nie teilnehmen an ihren düsteren Geschäften. Viele junge amerikanische Juden können sich deshalb auch nicht sicher sein, daß ihre Vorväter keine Gangster waren. Niemand wußte es so genau. Rich Cohen jedenfalls würde das, so scheint es, eher gefallen.
Die Kosher Nostra kämpft gegen Nazis
Der Zweite Weltkrieg brachte neue Herausforderungen: Man kämpfte gegen Nazis. Und selbst hohe Richter in New York wandten sich an die jüdischen Gangster, "um den Nazis einen Schrecken einzujagen". "Wir waren brutal zu ihnen", erinnert sich Meyer Lansky. "Wir wollten ihnen eine Lektion erteilen. Wir wollten ihnen zeigen, daß Juden sich verteidigen können." Die jüdischen Gangster wußten, was Gewalt ist. Daß man Opfer bemittleidet, die Sieger aber ehrt. Viele von ihnen erkannten in den frühen 30er Jahren die Gewalt der Nazis bevor andere in den USA es taten, und wußten, zu was Menschen fähig sein können. Sie wußten, daß man manchmal nur mit Gegengewalt, nicht mit Diplomatie aufwarten durfte. Die jüdischen Gangster, denen so viel am Geld lag, erkannten, daß bald einige Dinge nicht mehr vom Geld abhängen. Jetzt also kämpften die jüdischen Verbrecher kurz auf der Seite des Gesetzes.
brutale Haudegen oder jüdische Opfer? "Die jüdische Mafia überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht", beklagt Cohen. "Die Ghettos lösten sich auf, die Juden zogen weiter nach oben." Damit schien sich ihr Traum zu erfüllen: Die Gemeinde wurde stark genug, um der Straße den Rücken zu kehren. Für diese "tough Jews", wie Cohen sie nennt, waren die Verbrechen wie eine Leiter, die sie hinter sich hochzogen es gab kein Zurück, nicht für die folgende Generation. Dabei trauert Cohen dem hinterher, was die jüdischen Mafiosi der nachfolgenden Generation auf keinen Fall vererben wollten: sich verteidigen zu müssen, Gewalt anzuwenden. Doch Cohen und viele andere amerikanische junge Juden, schauen wehmütig zurück. "Wir sind anders als unsere Väter", gibt Cohen zu. "Israel wurde zur Identifikationsfigur für uns, so wie es die Gangster für unsere Väter waren. Da waren sie wieder, die 'tough jews'. Juden, die zurückschlugen, Aggression mit Aggression beantworten". Diese naiven Aussagen werfen unwillkürlich Fragen auf beim Leser: Muß man Extremes mit extremem beantworten? Sollte ein mit Frieden verwöhnter junger Amerikaner, der Gewalt hinterher trauern dürfen, um so seinem Leben die Dynamik wiederzugeben, die er glaubt, zu vermissen? Man ist versucht, ihm vertraulich zuzuraunen, er solle doch ein paar Jahre in der israelischen Armee verbringen, um dort zu lernen, daß es einen Mittelweg gibt zwischen 'schweigendem Opfer' und 'brutalem Haudegen'. Und daß Mord Mord bleibt, trotz aller guten Intensionen. Aber,
alles scheint nicht verloren: "War das das Ende der 'tough Jews'? fragt Cohen
im letzten Kapitel enttäuscht. "Nein", stellt er erleichtert fest,
es gäbe sie noch "an der Wall Street und in Hollywood".
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