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Artikel in Deutsch: Unmenschliche
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Notizen aus den USA:
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Von
Tekla Szymanski
Es wird geschätzt, dass 45 Prozent aller deutschen Ärzte Mitglieder in der NSdAP waren, schreibt Pasternak. Das war die höchste Quote innerhalb eines Berufszweiges. Der Nationalsozialismus, so Rudolf Hess, "war einfache angewandte Biologie." Deutsche Ärzte sollten dabei die Rolle der Selektierenden übernehmen, um die deutsche Rasse von all dem zu "heilen", was ihr schaden könne. Viele waren mit Enthusiasmus und Elan bis zum Ende dabei, ohne eine Spur von Mitleid und Reue zu zeigen. Nach dem Krieg wurden viele dieser Ärzte Mitglieder in der World Medical Association, wurden sogar in leitende Positionen gewählt, und sie praktizierten weiter Medizin. Auch in Deutschland.
Pasternaks Buch ist keine leichte Lektüre, und natürlich kann es, und soll es das auch nicht sein. Das Buch katalogisiert die Experimente, stellt Briefe und Zeugenberichte vor, und zeigt Dokumente, Aussagen und Beweismateriale aus dem 1946-7 geführten Nürnberger Ärzteprozess der Alliierten gegen 23 Ärzte. Dr. Mengele war damals nicht dabei. Der Autor spricht ethische Fragen an, die bis heute an Wichtigkeit nicht verloren haben: Wie wurde aus dem Beruf des Heilers ein wahnsinniger, wahnwitziger Richter über Leben und Tod? Wie kam es dazu, dass deutsche Ärzte ein Arm des politischen Regimes wurden und zu aktiven, freiwilligen Ausübenden ihrer Rassenideologie? Darf man heute die Daten, die die Experimente erbrachten, sowie die zusammengetragenen medizinischen Erkenntnisse verwerten? Warum sind die meisten Ärzte nicht zur Rechenschaft gezogen worden? Wie können heutige legitime medizinische Versuche an Menschen gegen Missbrauch geschützt werden? Wie entwickelten sich in diesem Zusammenhang die ethischen Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen, vom "Nürnberger Kodex" (1947), zur "Deklaration von Helsinki" (1964), bis zum "Belmont Report" (1979)? Am Ende des Buches listet Pasternak alle Ärzte, die an den Verbrechen beteiligt waren, und ihre Biografien auf. Und es sind derer viele sie beanspruchen fast 50 Seiten des Buches. Ab 1933, lange bevor die ersten medizinischen und pseudo-medizinischen Versuche an Opfern aus den Ghettos und den Konzentrationslagern im Akkord begannen, wurden psychisch und physisch Geschädigte aus den Reihen der allgemeinen deutschen Bevölkerung, so genanntes "lebensunwertes Leben", systematisch sterilisiert oder getötet. Und ohne das Mitwissen einer grossen Zahl von Medizinern und Helfern wäre diese Vorphase der Vernichtung im Rahmen der Rassenideologie der Nazis undurchführbar gewesen. Eine breite Schicht der Bevölkerung wusste davon; sie zog vor, zu schweigen. Ungefähr 400.000 Menschen wurden zwangssterilisiert, davon 95 Prozent vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dieses Euthanasieprogramm wurde dann 1939, mit dem Einmarsch in Polen, in mobilen Gaskammern perfektioniert. Bis August 1941 wurden so 70.273 Menschen Opfer der Euthanasie, das war ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Deutsche Ärzte waren mit Eifer dabei, und wurden für ihren Erfolg belohnt manchmal mit einer extra Flasche Bier. Die Euthanasien gingen weiter, und wurden jetzt auf die jüdische Bevölkerung ausgeweitet. Der Weg zu medizinischen Massenexperimenten war frei: Man hatte jetzt genug "lebensunwürdiges Menschenmaterial" in den Konzentrationslagern zur Verfügung, an denen man medizinische Versuche vornehmen konnte, die wegen ihrer Grausamkeit per Reichsgesetz nicht an Tieren durchgeführt werden durften. Die Versuche wurden hauptsächlich in Dachau, Buchenwald, Natzweiler, Ravensbrück, Mauthausen, Sachsenhausen und Auschwitz als Teil der "Endlösung" durchgeführt und können in drei Gruppen eingeteilt werden: Versuche, die dem Militär dienten; Versuche, die die arische Rassenüberlegenheit manifestieren sollten; und Versuche, die die Neugier der Ärzte befriedigen und führenden Pharmaindustrien und medizinischen Instituten wie I.G. Farbenindustrie, Bayer und Behring und dem Robert Koch Institut beim Testen ihrer Medikamente dienen sollten. Die meisten Opfer überlebten diese Experimente nicht, und die wenigen Überlebenden trugen, und tragen, bleibende Schäden davon. Tausende von Opfern wurden mit Krankheitserregern infiziert (Typhus, Malaria, Hepatitis, TBC); sie wurden zwangssterilisiert; sie wurden auf persönlichen Wunsche Heinrich Himmlers hohem Luftdruck ausgesetzt; sie wurden in eisigen Bädern unterkühlt, bis der Tod eintrat; sie mussten Salzwasser trinken; sie wurden verwundet und verbluteten, um Blutgerinnungsmittel zu testen; sie mussten mutwillig infizierte Wunden und Abszesse ertragen; ihnen wurden operativ Knochen, Muskeln und Nerven entfernt, was zu unvorstellbaren Schmerzen führte; sie wurden mit Phosphor verbrannt und schutzlos Senf- und Phosgengas sowie Sulfonamiden ausgesetzt; sie wurden vergiftet, um Gegengifte zu testen; ihnen wurden ohne Narkose Teile der Leber entfernt; sie wurden mit Petroleum und Benzin injiziert und Bleivergiftungen ausgesetzt; sie wurden mit Stromschlägen gemartert; an ihnen wurden neue Medikamente getestet. Und nach langer Tortur wurden ihre geschundenen Gebeine und Organe eingesammelt, analysiert, katalogisiert und zur Schau gestellt, als "medizinische Indizien", dass sie "Untermenschen" seien. Abbildungen ihrer Knochen und Schädel befinden sich heute noch in renommierten Anatomiebüchern, und auch ihre Organe lagern noch in den Laboren vieler pathologischer Institute, anthropologischer Museen und renommierter medizinischer Universitäten. Pasternak hat eine beachtliche, wichtige Dokumentation zusammengetragen, die den Umfang und den Ablauf der Experimente in all ihrer Brutalität unverblümt, und doch fast reserviert, beschreibt. Es ist, als schauen der Autor und seine Leser den Ärzten bei der Folter über die Schulter, und dieses fast voyeuristische Zusehen ist unerträglich. Man möchte wegrennen, die Privatsphäre der Opfer nicht noch mehr verletzen. "Ich behaupte nicht, objektiv zu sein. Der Horror der Lager ist Teil meiner persönlichen Identität", erinnert Pasternak am Ende des Buches. Und doch stellt er dem Leser bei der Diskussion, ob und wie man die Daten der Experimente heute benutzten darf, auch Argumente vor, die dafür sprechen (neben Zitaten von Kritikern, die das wie Pasternak kategorisch ablehnen). Wir müssen selbst urteilen. Kein gehobener Zeigefinger der Moral weist uns den Weg bei dieser Qual der Wahl. Wir müssen das Unerträgliche verdauen, mit der Erkenntnis, die Last des neu gelernten Wissens für immer schultern zu müssen. Somit birst das Buch vor hochaktuellem Diskussionsstoff; es wird zum bleibenden Denkmal an die Opfer, dessen Intensität und Relevanz weit über das Lesen hinausgehen wird.
Die 116 Fotos, die zwischen Mai 1944 und Januar 1945 in Auschwitz aufgenommen wurden, zeigen nicht die Opfer, sondern die Täter beim fröhlichen Treiben. Auf vielen Bildern sind angereiste Nazigrößen neben den Lagerschergen abgebildet, so auch ein strahlender Dr. Josef Mengele (oben links im Bild) und andere notorische Lagerärzte (dies sind die einzigen Bilder, die von Mengele während des Krieges in Auschwitz existieren). In einem Foto posiert die gesamte Auschwitzer SS Hierarchie beim Rundgesang, unter ihnen der "Henker von Auschwitz", Otto Moll (dem Aufseher der Gaskammern und Krematorien), neben dem früheren Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, sowie dem "Biest von Belsen", Josef Kramer; mal sieht man SS Aufseherinnen Blaubeeren essen, mal picknicken sie, necken sich, sonnen sich in Liegestühlen. Am Ende des Albums sieht man Höcker, wie er die Kerzen an einem bis zur Decke reichenden, prächtig geschmückten Weihnachtsbaum anzündet. Unter dem Foto steht: "Julfeier 1944". Es ging gemütlich zu. Das gesamte Album kann hier eingesehen werden: Die
Schnappschüsse erschrecken in ihrer Banalität. Als Millionen von Menschen
zur gleich Zeit, an gleichem Ort, selektiert, vergast und gequält wurden,
fanden die Henker die Zeit, sich zu erholen und sogar zu amüsieren. Nur noch
ein anderes Album, das im gleichen Monat aufgenommen wurde, existiert aus Auschwitz,
das so genannte Auschwitz
Album Richard Baers, mit Fotos ungarischer Juden, aufgenommen im Mai 1944
während der Selektionen an der Rampe. Stellt man beide Alben nebeneinander
wird einem der maßlose Zynismus der Täter erst richtig bewusst. "Man
ist über die Normalität und die Menschlichkeit dieser Nazis entsetzt",
sagt Sara Bloomfield, die Direktorin des Museums. "Das ist ihre Vorstellung
von Humanität. Es würde uns leichter fallen, zu glauben, dass das eine
Horde teuflischer Monster war, und nicht normale Leute wie du und ich; es zeigt
wie sie fähig waren, ihr Verhalten zu rationalisieren und von ihrem normalen
Leben zu trennen."
Museum of Tolerance of the Simon Wiesenthal Center, Los Angeles United States Holocaust Memorial Museum: Karl Höckers Fotoalbum Nazi-Era Provenance Internet Portal
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