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Dieser Artikel erschien 2005 im Jüdischen Almanach, der vom Leo Baeck Institute in Jerusalem jährlich herausgegeben wird.
Artikel in Deutsch: Der Aufbau Unser Aller Tagebuch 350
Jahre Amerikanisches Judentum Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles Das Deutschlandbild in den USA Judentum ist mehr als Bagel und Lachs Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer Der Fall Wallenberg ist lösbar Die Kosher Nostra Moses der Unterwelt Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten
Notizen aus den USA:
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Von Tekla Szymanski New
York, vor einigen Jahren: Das Telefon klingelt in der Aufbau-Redaktion
am Broadway. "Ist das der Aufbau?" haucht eine ältere Dame
mit zitternder Stimme auf deutsch. Ich bejahe. "Kindchen, sagen Sie mir doch
bitte, wie spät es ist, ich habe meine Uhr verlegt." Solche
Anrufe waren keine Seltenheit beim Aufbau, denn die deutsch-jüdische
Emigrantenzeitung war Heimat, Helferin und Halt. Der Aufbau 1934
in New York als kleines monatliches Nachrichtenblatt des German-Jewish Club (später
umbenannt in New World Club) begründet war das Sprachrohr der deutschen
Juden in den USA. Dort konnten exilierte Schriftsteller wieder auf deutsch publizieren.
Über die Zeitung fanden die Immigranten die erste Unterkunft, die erste Arbeitsstelle
und den Mut zu einem neuen Leben; hier erhielt man Sprachunterricht und lernte
Celsius in Fahrenheit oder Meter in Inches umzurechnen. Mit Hilfe des Aufbau
"unser aller Tagebuch", so der Schriftsteller Hans Habe
konnten sich die über 130 000 deutschsprachigen Juden, die nach 1933 in die
USA flohen, einleben und sehr bald als Amerikaner fühlen.
Mit
Anwachsen der deutsch-jüdischen Einwanderung entwickelte sich das Blatt Ende
der dreißiger Jahre unter der Leitung des früheren Berliner Ullstein-Redakteurs
Manfred George zur wichtigsten wöchentlich erscheinenden Immigrantenzeitung,
die in den Jahren des Krieges und den ersten Nachkriegsjahren eine unentbehrliche
politische und menschliche Rolle spielen sollte. Durch den Aufbau entdeckten
die Leser nicht nur Amerika und lebten sich ein auch die Amerikaner entdeckten
die deutsch-jüdische Immigration. Diese wurde zum Beweis für die Existenz
eines anderen Deutschlands. Deutsche
Juden in den USA hatten es anfangs schwer, besonders nach Kriegsausbruch, denn
sie kamen aus dem Land des Feindes. Auch fanden sie sich plötzlich "unter
fremden Menschen, in fremder Sprache in einen Existenzkampf geworfen, dessen primitivste
Technik ihnen unvertraut ist. [In ihnen] regt sich im Unterbewußtsein die
paradoxe Sehnsucht nach einem Lande, das ihnen alles, aber auch alles genommen,
in dem sie aber schon einmal ihren Wert bewiesen haben" (Aufbau, 1.
12. 1936). Sie
hatten Heimweh. Doch "wer kein Heimweh hat, wird dieses Land nie lieben lernen",
hieß es in einem Leserbrief an den Aufbau im September 1940. Sie
wohnten fast ausschließlich in der Upper West Side in Manhattan oder an
der Nordspitze der Insel, in Washington Heights, im sogenannten "Vierten
Reich", auch "Frankfurt am Hudson" genannt. "Wenn [jemand]
dieses Gemeinschaftsbedürfnis nicht hat", schrieb ein Leser im Aufbau
(1. 1. 1935), "ist [er] entweder asozial oder ein Genie." Man
biß sich durch, mit eisernem Willen, Hitler zum Trotz. "So schlagt
den Mantel um die Schulter, und zögert nicht, weiterzugehen in der Nacht",
rief Carl Zuckmayer die Aufbau-Leser auf (Aufbau, 20. 3. 1942).
"Jagt einen Schnaps durch Eure Kehle, und schaut ohne Furcht in die schaurig
durchfunkelte Finsternis. Liebt und haßt, seid Menschen, bereit zu atmen,
zu kämpfen, zu zeugen und zu sterben [...]." Die
deutsch-jüdische Emigration war keine politische Emigration. "Seien
wir Juden Hitler dankbar dafür, daß er uns die Chance versagt hat,
im Lande zu bleiben und uns umzustellen. Seien wir immerhin stolz auf das kulturelle
Erbgut, das wir aus Deutschland mitgebracht haben. Aber: Laßt uns vergessen,
was war laßt uns lernen, vorwärts zu schauen" (Aufbau,
1. 12. 1936). Doch Hannah Arendt warnte (Aufbau, 30. 6. 1944): "Niemand
weiß recht, was man mit [den deutsch-jüdischen Einwanderern] anfangen
soll, wenn die Barmherzigkeit erst einmal zu ihrem Recht und zu ihrem notwendigen
Ende gekommen ist." Viele
mußten ganz von unten anfangen, Arbeiten annehmen, die ihnen in Deutschland
peinlich gewesen wären. Die Frauen, die über die Hälfte der deutschen
Immigranten ausmachten, fanden in der Regel leichter Arbeit als die Männer.
Viele waren gezwungen, zum ersten Mal in ihrem Leben Geld zu verdienen. Sie lernten
um, und es fiel ihnen oft weniger schwer, sich in der neuen Welt einzuleben. "Hier in Amerika bin ich Türvorsteher in einem Kino", schrieb ein Leser 1940. "Ich stehe [...] in schmucker Uniform mit goldenen Knöpfen, silbernen Schnüren und einem roten Generalstreifen an der Hose. Ich bin doorman Nummer 7, und damit muß ich zufrieden sein [...] Ich muß meiner Verpflichtung nachkommen und lächeln immer nur lächeln. Aber mit diesem doorman-Posten konnte ich Frau und Kind aus der Hölle des Verderbens retten und ihnen die notwendigen Papiere schicken. Und wenn ich an meinem langen Tage zehn Stunden gestanden habe und in gedrückter Stimmung nach Hause gehe, so habe ich jedesmal einen Lichtblick. Es ist wieder Donnerstag, und der Aufbau liegt vor meiner Tür." Die Frauen, die rund 56,6% der Immigranten ausmachten, fanden leichter Arbeit als die Männer. Viele waren gezwungen, zum ersten Mal Geld zu verdienen. Dies war eine Immigration, in der Frauen "vielfach ihre Männer aus den Konzentrationslagern geholt und Kinder und Kranke auf ihrem Rücken über die Pyrenäen geschleppt hatten, als die Flucht aus Frankreich begann" (Aufbau 22.12.1944). "Unvergesslich der Tag, als man sich zum ersten Male wieder ein Buch kaufen konnte [...] Da spürten wir, dass es aufwärts ging. Und das der schwere Weg der körperlichen Arbeit auch zu kulturellen Freuden führen kann und in geistiges Neuland". Innerhalb weniger Jahre waren die deutsche Juden in die amerikanische Kriegswirtschaft integriert; sie wurden Geschäftsleute, Dozenten, Professoren, Freiberufler, Ärzte und arbeiteten in der Filmindustrie (1937 gingen 40% aller Oskars an Filme, die von deutschen Juden in Hollywood produziert, gedreht, finanziert oder gespielt wurden). Viele deutsch-jüdische Einwanderer 34% aller wehrpflichtigen Immigranten kämpften in der U.S. Armee. "Du wächst ein, Immigrant welch ein steigendes Gefühl der Geborgenheit in Dir, welch ein organisch Dich einspinnendes Empfinden, dass Deine Wurzeln tiefer liegen als das Pflaster, das Du trittst" (Manfred George, 28.1.1949). "Keine andere Einwanderergruppe schaffte es wie die deutschen Juden, sich so schnell in Amerika einzuleben", zitierte der Aufbau den U.S. Commissioner of Immigration and Naturalization, Earl G. Harrison.
Die
Auflage der Zeitung stieg von 500 (1934) über 14 000 (1941) auf mehr als
30 000 (1944), bei einem Umfang von mehr als vierzig Seiten. Der Aufbau
publizierte dann auch eine Beilage für die Westküste, und jede Ausgabe
wurde durchschnittlich von zehn Personen gelesen. Augenzeugenberichte aus dem
Warschauer Ghetto, von Appellen in Konzentrationslagern oder von öffentlichen
Erschießungen wechselten sich mit Inseraten für Tanzbälle und
Anzeigen für Mieder. Der Aufbau war der Spiegel einer Generation,
die angesichts des Chaos, der furchtbaren Nachrichten aus Europa und geplagt von
der Ungewißheit über das Schicksal von Familienangehörigen versuchte,
Alltag zu leben und emotional zu überleben. Es war "eine Leserschaft,
die geistigen und materiellen Schutz gegen die Gewitter der Zeit sucht",
meinte Manfred George. "Aufbau inmitten der Ruinen", schrieb Fritz von Unruh am 22. 12. 1944: "Keiner, der besser wüßte als wir, wie schwer solches Unterfangen tagtäglich ist. Und wie leicht, es zu kritisieren oder zu bespötteln." Alfred Kerr schrieb im gleichen Jahr (Aufbau, 1. 5. 1944): "Der Aufbau ist mehr als ein Trost. Er wird etwas Geschichtliches gewesen sein. In der Diaspora das Zentripetale. In der Versprengung ein Magnet." Und Thomas Mann sagte über die Zeitung (Aufbau, 15. 7. 1949): "In diesem ereignisvollen Jahrzehnt [ist diese Zeitung] eine Macht geworden und eine wohltätige [...] Aufbau, ein rüstiger, redlicher, gutwilliger Titel. Ich bin nicht für Abenteuer der Zerstörung, sondern für das schönere Abenteuer des Werkes. Möge eine schwankende, nach Untergang halb lüsterne Welt sich ihre gute Parole zu eigen machen." Diese
schwankende Welt beschreibt auch der Dichter Berthold Viertel
"Als
der Aufbau begann, war gerade die große Sintflut der Schmerzen entfesselt
worden", reflektierte Manfred George am 22. 12. 1944 in der Ausgabe zum zehnjährigen
Jubiläum der Zeitung. "Schwer war der Kampf, das scheinbar Unglaubliche
glaubhaft zu machen. Aber immer war uns klar: Wenn je ein Blatt die Pflicht hatte,
zu sprechen, dann war es der Aufbau, der letzte publizistische Sammelpunkt
der Verfolgten und Gepeinigten. Der Aufbau mahnte und warnte. [...]
Lesergemeinschaft
war Schicksalsgemeinschaft. Die Vertriebenen Europas schrieben ihr Blatt gewissermaßen
selbst. [Der Aufbau] und seine Leser haben in diesem Land doppelt heimgefunden:
zur Freiheit amerikanischen Bürgertums und seiner demokratischen Weltanschauung
und zur Freiheit, zu sein, was unsere Vorfahren waren: Söhne und Töchter
des jüdischen Volkes. Wir haben hier ein großes Glück gefunden:
ganz sein zu können." Kaum
eine andere Einwanderungsgruppe war so verwurzelt in ihrer Sprache wie die deutschen
Juden. Sie suchten ein deutschsprachiges Forum, denn sie konnten und wollten ihre
Kultur nicht vergessen. Das Land und der Aufbau forderten
von ihnen eine schnelle Amerikanisierung; diesen Spagat Anpassung, Loyalität
und Patriotismus zu einem neuen Land auf der einen und die Sehnsucht nach der
vertrauten Kultur auf der anderen Seite erleichterte ihnen die Zeitung.
"Wir halten es keineswegs mit denen, die plötzlich vergessen wollen,
worin sie einmal gelebt haben und was, namentlich in Literatur und Kunst, ihnen
schöpferischer Lebensinhalt war. Wir bewahren das aber unsere Gedanken
und unser Wille ist nach vorwärts gerichtet, in das amerikanische Leben hinein",
erklärte Manfred George (Aufbau, 31. 5. 1940). Dennoch
entbrannte in den vierziger Jahren unter den Immigranten eine heftige Diskussion
um die deutsche Sprache, die Sprache des Feindes, nachdem der Aufbau seinen
Lesern nahegelegt hatte, "besonderen Takt bei jedem öffentlichen Auftreten"
zu üben (2. 1. 1942): "Leise, unauffällig, zurückhaltend zu
sein, das ist für die kommenden Monate und Jahre im allereigensten Interesse
das dringende Gebot für jeden Mitbürger." Die
Zeitung wollte die deutsche Sprache "von der Gewalt, die der Nationalsozialismus
ihr antut", freihalten. "Was aber das deutsche Volk betrifft, dessen
Sprache wir sprechen und pflegen, so können diejenigen von uns, die auch
heute den Mut haben zu bekennen, daß sie es geliebt haben, [...] nichts
besseres tun, als schweigend ihr Haupt in Trauer und Scham zu verhüllen"
(Aufbau, 7. 6. 1940). Viele Exilschriftsteller nahmen in den Seiten des Aufbau an der Diskussion teil. "Ein Schriftsteller vermag wohl sein Land zu verlassen, nie aber kann er sich lösen von der Sprache, die in ihm denkt und schafft", schrieb Stefan Zweig (Aufbau, 16. 5. 1941). Ernst Toller brachte es auf den Punkt: "Was ist denn ein Schriftsteller, der nicht mehr in seiner Sprache gedruckt und gelesen werden kann", und Bruno Frank erklärte: "Unsere Aufgabe im Exil ist es, die deutsche Sprache über eine Periode der Verschmutzung und Verwüstung hinwegzutragen" (Aufbau, 27. 12. 1940). Oskar Maria Graf sprach in den frühen fünfziger Jahren im Aufbau noch von einer anderen Aufgabe: "Es wollte mir vorkommen, als ginge es gar nicht mehr um das Deutsche, sondern einzig und allein um das Zurückfinden ins Menschliche bei allen Völkern." Ganz
im Sinne des Aufbau kamen nicht nur Schriftsteller zu Wort. "Kann
man wirklich auf die Sprache verzichten?" fragte ein Leser in einem Brief
an die Redaktion (Aufbau, 18. 8. 1950). "Wir würden, wenn wir
die deutsche Sprache vergäßen, trotz des Erwerbes der englischen Sprache,
ärmer werden als vorher. Die deutsche Sprache dürfen wir uns nicht nehmen
lassen, von keinem Hitler, aber auch von keinem Hitlergegner." Ein anderer
Leser bemerkte trocken: "Wer von uns neben der erlernten englischen Sprache
die Pflege des Deutschen beibehält, wird dadurch nicht ein schlechterer Patriot,
sondern ein gebildeterer Amerikaner" (Aufbau, 26. 7. 1946).
Die
ersten zehn Jahre des Aufbau geben einen faszinierenden Einblick in die
sich rapide wandelnden Belange der deutschen Juden in Amerika. In den frühen
dreißiger Jahren sprach man nur von "refugees", "Emigranten"
und "Emigration", ganz so, als sehe man sich bald wieder zurückkehren
nach Deutschland, wenn der ganze Spuk nur erst vorbei wäre. Dann aber propagierten
die Redakteure nur noch die "Immigration", die Assimilierung und schnelle
Amerikanisierung der Einwanderer. Mitte
der dreißiger Jahre kam es zu Spannungen zwischen den deutsch-jüdischen
Einwanderern. "Leider haben die deutschen Juden, zum Teil durch ihr heißes
Bemühen, sich [in Deutschland] zu assimilieren, sich die deutsche Wesenseigentümlichkeit
des Grübelns, der Schwerfälligkeit und der reaktionären Gesinnung
viel zu sehr zu eigen gemacht", hieß es im Leitartikel des Aufbau
vom 1. 8. 1936. "Welche Freundlichkeit, Ruhe und Rücksichtnahme herrscht
hier [in Amerika] im gegenseitigen Verkehr [...] Der Unterschied wird einem sofort
bewußt, wenn man sich einen Tanzabend [...] im Central Park vorstellt und
daneben ein Tanzvergnügen in Berlin in der Hasenheide. Verglichen mit [dem
Central Park], der jede Art von Publikum anlockt, kann man sich doch gar nichts
Roheres und Kulturloseres vorstellen als den Tanz in der Hasenheide. Was aber
nützt eine Kultur, die nur für die oberen Zehntausend da ist?" Doch
die Entzweiung ging tiefer. "Es gibt in New York eine Klasse von wohlhabenden
Emigranten Gott weiß, wie sie ihr Geld nach Amerika gerettet haben",
hieß es auf der Titelseite des Aufbau vom 1. 1. 1937. "Sie leben
noch genauso gedankenlos dahin wie in Deutschland [...] Sie sind gar nicht emigriert,
sie sind einfach nach New York umgezogen. Unerhörtes ist in Deutschland vor
sich gegangen [...] Hat sie das irgendwie aufgerüttelt? Nein. Sie haben ihr
Domizil gewechselt und leben genauso weiter wie vorher [...] Die deutsch-jüdische
Emigration ist nach wie vor klassenmäßig geschichtet." Auch
kam es zu Spannungen zwischen den Einwanderern, die sich aktiv am German-Jewish
Club beteiligten, um zu helfen und um sich helfen zu lassen, und denen, die "weiter
in den Ideen [leben], von denen sie in Deutschland beherrscht wurden und an die
sie sich zum Teil verzweifelt klammern in der Annahme, durch sie ihre intellektuelle,
bürgerliche, standesgemäße, oder wie wir es immer nennen wollen,
Selbstherrlichkeit zu bewahren" (Aufbau, 1. 4. 1936). Das Blatt rief
dazu auf, die einzelnen Splittergruppen und lokalen Vereine der deutsch-jüdischen
Emigration zusammenzuführen. Es sollte ihm in den nächsten Jahren gelingen. Nach Eintritt Amerikas in den Krieg durchzog den Aufbau ein glühender Patriotismus und uneingeschränkte Loyalität zu Amerika. Die Neueinwanderer wurden zu einer homogenen Gruppe. Vergessen waren die Querelen der dreißiger Jahre: Jeder saß im selben Boot. Aufbau-Leser
sammelten Landkarten und Photos aus der alten Heimat und stellten sie dem US-Kriegsministerium
zur Verfügung, sie kauften War Bonds und gründeten den Immigrants' Victory
Council die "Zentralstelle zur Aktivierung und Intensivierung des
Kampfes aller Immigranten an der Homefront" unter der Leitung Manfred Georges,
und sie spendeten der US-Armee ein Kampfflugzeug, das sie "Loyalty"
tauften. "Herz und Hirn sind erfüllt von dem einen Gedanken", proklamierte
der Aufbau am 12. 12. 1941 stolz: "Durch dick und dünn für
die Verteidigung Amerikas!" In
den späten vierziger Jahren wurde der Aufbau, der inzwischen in vielen
Ländern gelesen wurde, ein unermüdlicher Chronist der Zeit. Es gab Rubriken
wie "Gesucht wird" und das "Search Center", in denen Listen
amerikanischer Behörden und offizielle Aufrufe abgedruckt wurden. Der Aufbau
übermittelte oder veröffentlichte Briefe und Photos und führte
so Familien zusammen. Darüber hinaus berichtete der Aufbau sehr früh
über die Massenvernichtung der Juden in Europa und wurde dafür anfänglich
von ungläubigen Lesern "Aufbausch" genannt. Die Zeitung veröffentlichte
die Namen der aus den Konzentrationslagern Geretteten, druckte Photos von der
Befreiung Bergen-Belsens, Namenslisten von Kindertransporten und Totenlisten aus
den Ghettos und den Sammellagern. Doch die Sucharbeit des Aufbau fing nach
dem Krieg erst richtig an.
Das
erboste Frederick R. Lachman (Im Bild rechts, bei der allwöchentlichen
Abgabe seines Manuskriptes in der Aufbau Redaktion, Februar 1996).
Lachman war ein langjähriger Mitarbeiter des Aufbau und Verfasser
der Kolumne "Was das Judentum dazu sagt". Der 1902 Geborene sagte mir
kurz vor seinem Tod vor einigen Jahren, als das Ende der Zeitung schon besiegelt
schien: "Kindchen, das ganze Problem des Aufbau ist, daß man
glaubt, die deutschen Juden hätten mit den Nazis angefangen. Das deutsche
Judentum hat das Recht auf seine eigene Geschichte, die viel früher anfängt,
als man denkt, indem man ihre ungeheuere kulturelle und intellektuelle Leistung
in der Vor-Hitlerzeit herausschält. Sie können nicht zu irgendeinem
weinerlichen, sentimentalen Bewährten zurückgehen." Heute
erscheint der Aufbau nicht mehr in New York; er wird seit Januar 2005 als
Monatsmagazin auf Hochglanzpapier in der Schweiz herausgegeben (http://www.aufbauonline.com/aufbau/index.htm).
Dieser neue Aufbau hat mit der legendären Immigrantenzeitung nur noch
den Namen gemein, denn der New Yorker Aufbau sollte, laut Manfred George,
"eine amerikanisch-jüdische Zeitschrift in deutscher und englischer
Sprache" sein, herausgegeben "in der Neuen Welt, [der] Schatzkammer
des alten Europa". Die
Dame, die uns immer so höflich nach der Uhrzeit gefragt hat, wird in der
Redaktion in der Schweiz wohl nicht mehr anrufen. Vielleicht
lebt sie auch schon nicht mehr. Copyright © 2005 Tekla Szymanski, New York
Archivierte
Facsimile Ausgaben des Aufbau
Nachtrag Nach
Erscheinen dieses Artikels im Jüdischen Almanach, erhielt ich einen
Brief vom neuen Aufbau in der Schweiz, in dem beklagt wurde, ich sei auf
die aktuelle Wendung des altneuen Aufbau nicht genügend eingegangen.
Ausserdem hätte ich den Schluss des Textes der neue Aufbau
habe mit der legendären New Yorker Zeitung nur den Namen gemein nicht
neutral und faktengerecht formuliert, sondern mit den letzten Zeilen die neuen
Inhaber, Mitarbeiter und Intentionen diskreditiert. Ich bringe hier einige Auszüge aus meinem Antwortschreiben:
Die Schwierigkeiten, die wir durchstanden haben, die Enttäuschungen, die wir hinnehmen mussten, die vielen Tränen, die wir weinten, als wir wieder einmal vor einem Aus zu stehen schienen, können Sie nicht nachvollziehen. Lesen Sie auch nicht zwischen den Zeilen meines Artikels, "der AUFBAU [sei] eine von geldorientierten Schweizer Investoren herausgegebene Hochglanzpostille, die mit einem alten Namen und inhaltlicher Ignoranz hausieren geht." Sie tun damit mir und Ihnen Unrecht. Ich
wiederum kann nicht beurteilen, ob die "jeckischen Werte und Traditionen
für die Zukunft" im neuen AUFBAU
effektiv adoptiert werden können. Das war auch nicht mein vorgegebenes Thema
im Jüdischen
Almanach.
Der legendäre AUFBAU jedoch ist es nicht, kann es nicht sein und sollte es nicht sein. Die
Bindung an die USA und an das Klima der Erneuerung in New York, dem Schmelztiegel
der Immigranten aus aller Welt, diese gelebte tägliche Realität hat
das Entstehen des AUFBAU
in den dreissiger Jahren erst ermöglicht. Sie wird dem neuen Schweizer AUFBAU fehlen. Tekla Szymanski
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