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Von Tekla Szymanski
"Gaza
ist unser freiliegender Nerv." Und dies nicht nur nach Meinung von Amira
Hass, der in Ramallah lebenden Korrespondentin der israelischen Zeitung Ha'aretz.
Noch nie seit Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 ist in Israel so heftig
und kontrovers über die Besatzungspolitik in den palästinensischen Gebieten
diskutiert worden wie eben jetzt. Auslöser für die Debatte ist das Buch eines israelischen Soldaten namens Liran Ron-Furer. Der heute 26-Jährige verbrachte seinen gesamten dreijährigen Armeedienst in der Shimshon Brigade, die extra für die besetzten Gebiete gegründet wurde. In den Jahren zwischen 1997 und 1999, als es noch relativ ruhig war, leistete Ron-Furer seinen Dienst an einem Kontrollposten im Gaza-Streifen.
"Ich hatte Angst; ihr habt mich verändert; ich war nicht mehr ich, das war jemand anderer. Ich hab' [dem Palästinenser] kräftig in den Hintern getreten. Alle haben gelacht und gesagt, was ich für ein Schlawiner bin. Ich war glücklich. Wir sind doch eigentlich alle gute Menschen in der Armee; wir sind keine Nazis, denen es gefällt, Arabern weh zu tun. Ich muss mich zusammenreißen. Das Böse in mir darf nicht mehr überhandnehmen." Was
Ron-Furer wiedergibt, sind Szenen aus dem Alltag zynischer Soldaten und unterwürfger
Palästinenser. Die drückende Hitze, der Dreck an den Kontrollposten,
die sexuelle Frustration, die ständige Angst und gleichzeitige lähmende
Langeweile machen aus jungen, patriotischen Israelis sadistische, schamlose Nihilisten.
Nur manchmal plagen Ron-Furer Gewissensbisse. "Dana", schreibt
er seiner Freundin, "glaubst Du, ich bin ein guter Mensch?" Er scheint kein guter, aber ein sichtlich beschädigter Mensch zu sein. Das Buch sorgt in Israel für erregte Diskussionen. Sein Buch macht den Leser wütend. Laut fluchend will er es dem Autor um die Ohren hauen; es verärgert, erregt, beschämt, stösst ab. Es erweckt den Eindruck, alle Soldaten handelten so bestialisch. Viele
israelische Medien lehnen Checkpoint Syndrome deshalb ab. Buchhandlungen
und Verlage weigern sich, das Buch anzubieten. "Ron-Furer ist ein Kriegsverbrecher",
schnaubt Ra'anan Shaked in der Tageszeitung Yediot Acharonot. "Kauft
das Buch nicht! Stellt ihn vor Gericht! Ron-Furer ist ein gemeiner Petzer."
Die Kritik eines anderen Zeitungskommentars geht tiefer: "Wir sind in dieses
Land gekommen, um esund unsaufzubauen, und nicht, um ein anderes Volk
zu zerstören. Unsere Moral ist das Wichtigste, was wir haben, selbst wenn
ein anderes Volk uns zwingt, um unser Überleben zu kämpfen." Beschreibt
Ron-Furer den Normalfall in der israelischen Armee? Wohl kaum; doch ähnliche
Ausschreitungen junger Soldaten kommen vor. Ron-Furer verallgemeinert, um so die
Öffentlichkeit aufzurütteln. Fast jeder Israeli war oder ist Soldat,
und somit ist das Buch ein persönlicher Angriff gegen jeden Einzelnen, eine
Herausforderung für eine Volksarmee, die immer noch hohe moralische Ansprüche
an sich stellt. Wenn alle Soldaten sind, müssten dann nicht auch alle zur
Rechenschaft gezogen werden? Darf man sich reinen Gewissens seiner Verantwortung
entziehen? Checkpoint
Syndrome spiegelt ein Phänomen wider, das sich in Israel ausbreitet:Unangenehmes
aufzuarbeiten, und sei es noch so niederschmetternd. Das ist ein Buch für
eine Gesellschaft, die sich kollektiv den Spiegel vor die Nase hält und den
Heldenmythos ihrer bisher unantastbaren Armee beleuchtet, revidiert und zerstört.
Eine Gesellschaft, die ihre zionistische Politik und Geschichtsschreibung von
der beklemmenden ideologischen Aura zu befreien versucht. Ron-Furers Buch passt
in ein Land, in dem alles angesprochen, scharf kritisiert und brüsk zurückgewiesen
werden darf. So wie es im Nahen Osten eben nur in Israel möglich ist.
Auch
Boaz Neumann diente gegen Ende seiner Armeezeit im Gaza-Streifen und in der West
Bank, mehrere Jahre, bevor Ron-Furer dort sein Unwesen trieb. Neumanns Erlebnisse
zeigen eine andere Seite der Armee: professionelle Soldaten, die wissen, was sie
tun, und ihre Aufgaben nach genauen Richtlinien erfüllen. Bei Neumann weiß
jeder Soldat, was erlaubt ist. Ausschreitungen kommen vorund werden bestraft.
Die Täter sind Außenseiter. Seit Beginn der Zweiten Intifada hat die
Armee Hunderte solcher Ausschreitungen untersucht. Im vergangenen Jahr wurden
730 Fälle überprüftunter ihnen 18 Ausfälle an Kontrollposten.
65 Klagen wurden beim Militärgericht eingereicht. Soldaten
seien anfangs naive, verschreckte Kinder, resümiert Neumann: "Welcome
to Gaza, begrüßte mich Reservist Bubke. 'Das erste Mal hat man
immer Angst.' Mein Herz raste. Wir erhielten ein Büchlein mit dem Titel Regeln
für den Umgang mit der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen und der West
Bank: Es ist verboten, die Bevölkerung zu belästigen. Es
ist verboten, zu fluchen. Es ist verboten, auf die Straße zu spucken. Es
ist verboten, Frauen zuzuzwinkern. Es ist verboten, Frauen anzusprechen, es sei
denn, es besteht der Verdacht, dass sie eine Gefahr darstellen. Es ist verboten,
hinter den Mädchen herzupfeifen." Neumann,
ein Linker, glaubt fest daran, dass, sollten die guten Soldaten den Dienst verweigern,
an ihrer Stelle nur noch Sadisten im Gaza-Streifen landen würden. "Ein
Linker nach dem andern weigert sich, dort zu dienen, und am Ende werden die Barbaren
in der Armee wie die Verrückten dort hausen. Und warum? Weil sich die Peaceniks
die Hände nicht schmutzig machen wollen." Für
die Armee ist es ein Problem, dass seit Beginn der Zweiten Intifada, im September
2000, viele Israelis den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern: allein seit
Januar 2002 nicht weniger als 594 Reservisten, unter heftiger Kritik der Öffentlichkeit.
Organisationen wie "Ometz
Lesarev" ["Mut zur Verweigerung"] und die 2004 gegründete
Gruppe "Shovrim
Shtika" ["Das Schweigen Brechen"], unterstützen die Soldaten,
die ihren Standpunkt damit begründen, dass die Besetzung dem Staat und der
Gesellschaft mehr schade als nütze. Vielleicht
als Antwort darauf hat die israelische Armee vor kurzem einen strikten Verhaltenskodex
für den Umgang mit Palästinensern vorgestellt und Erleichterungen an
den Kontrollposten angekündigt. Und die 1989 gegründete israelische
Menschenrechtsorganisation "B'Tselem" unterhält "Checkpoint
Monitoring Teams", die israelische Soldaten an den 56 Kontrollposten in der
West Bank täglichunbehindert von der Armeebeobachten und Berichte
schreiben, Statistiken aufsetzen und Heftchen mit Verhaltensregeln an die Soldaten
verteilen (Punkt neun: "Wir sind alle Menschen"). Liran
Ron-Furer hat für diese Entwicklung nur Sarkasmus übrig. "Was soll's.
Sicher ist, dass es jetzt besser ist, ein Jude zu sein", sagte er kürzlich
in einem Interview. Aus seiner Überheblichkeit wird gegen Ende des Buches
Resignation: "Ich kann diese ganze Scheiße nicht mehr ertragen.
Wir schlurfen herum wie ein Haufen alter Männer. Ich warte darauf, dass dieser
ganze Mist endlich vorbei ist."
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