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Notizen aus den USA:
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März
2004 Von Tekla Szymanski
Auch
in Amerika werden antisemitische Vorfälle, sogenannte "bias crimes"
zu einem wachsenden Problem, werden jedoch öffentlich rigoroser angeprangert
und unmissverständlich bestraft. Die Anti-Defamation League mit Sitz in New
York hat letzten November 24 antisemitische Vorfälle verzeichnet (mehr als
doppelt so viele wie im Vorjahr), das heisst Vandalismus, Hakenkreuzschmierereien
und Übergriffe auf Synagogen. Die Vorfälle seien jedoch unbedeutend
im Vergleich zu den Ausschreitungen in Frankreich, meint der Executive Director
des AJC, David Harris. Antisemitismus
wird auch in den Vereinigten Staaten heftig diskutiert. Angesehene Zeitschriften,
wie der U.S. News & World Report und das New York Magazine, haben sich unlängst
dem Thema angenommen. Auch
die umfassende Titelgeschichte der Dezember Ausgabe des New York Magazine,
"Das Neue Gesicht des Antisemitismus" von Craig Horowitz ging der Frage
nach, wie Antisemitismus wieder stubenrein geworden ist. Doch Vergleiche mit dem
Antisemitismus früherer Generationen sind irrelevant. Es gilt, in die Zukunft
zu blicken, den Antisemitismus mit Blick auf die Zukunft zu bekämpfen und,
wie der Rechtsanwalt Alan Dershowitz sagt, "Wir müssen uns über
das Jahr 2030 Gedanken machen, nicht über das Jahr 1930". * Antisemitismus
auf der einen, Toleranz und Verständigung auf der anderen Seite: Das grösste
Treffen zwischen Vertretern der katholischen Kirche und zumeist orthodoxen Anhängern
des Judentums, das jemals ausserhalb des Vatikans abgehalten wurde, fand Ende
Januar in New York statt. Es wurde vom World Jewish Congress (WJC) organisiert,
der damit seine führende Rolle im zwischenreligiösen Dialog wieder aufnahm.
Beziehungen zwischen dem WJC und der katholischen Kirche waren in den letzten
fünf Jahren angespannt, und mit der Konferenz wird der abgerissene Dialog
wieder aufgenommen. Warum
ist eine Verständigung mit der katholischen Kirche so wichtig? "Der
Papst ist alt", so der Vorsitzende des WJC, Rabbi Israel Singer, in einem
Interview mit dem Forward. "Machen wir uns doch nichts vor: Wer wird seinen
Nachfolger wählen? Die Kardinäle, die an unserem Symposium teilnehmen!"
Die Delegation besuchte die Yeshiva Universität sowie "Ground Zero", die Stelle, wo das World Trade Center stand. Es wurde viel diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht, doch scheinen die Kardinäle und ihre Gastgeber noch Welten voneinander entfernt: So fühlten sich die Rabbiner doch etwas befremdet, als die Kardinäle Gott um Vergebung baten für die Sünden der Anführer der Anschläge vom 11. September. * Heftig wurde schon über den 1.25 Milliarden Dollar hohen Entschädigungsfonds diskutiert, der 1998 mit den Schweizer Banken ausgehandelt wurde. Gelder gingen an ehemalige Kontobesitzer, sowie an Zwangsarbeiter. Rund 600 Millionen Dollar konnten jedoch nicht an ihre ehemaligen Besitzer ausgezahlt werden, und ein Teil dieser Summe, 200 Millionen Dollar, wurde in einem humanitären Fonds zusammengefasst. Die
Gelder sollten unter verarmten Holocaustüberlebenden in der ganzen Welt aufgeteilt
werden. Die Auszahlungen richteten sich nach den Bedürfnissen der Überlebenden.
Zwei Drittel der Summe ging an Juden in der ehemaligen Sowjetunion, 10 Prozent
gingen an Roma und 14 Prozent war für Holocaustüberlebende in den Vereinigten
Staaten vorgesehen. So
weit so gut. Doch vier jüdische Vertreter der amerikanischen "Holocaust
Survivors' Coalition" mit Sitz in Florida, die für die Verteilung der
Gelder an amerikanische Holocaustüberlebende zuständig ist, haben sich
jetzt mit den restlichen Mitgliedern der Koalition zerstritten. Die vier sind
der Meinung, sowjetische Juden brauchen und bräuchten die Gelder dringender
als amerikanische Überlebende. Die Koalition jedoch besteht darauf, dass
den amerikanischen Holocaustüberlebenden mehr als nur 14 Prozent des humanitären
Fonds zustehe, da rund 25 Prozent von ihnen in bitterer Armut leben (unter ihnen
auch 51 Prozent der Juden, die nach 1965 aus der Sowjetunion in die USA einwanderten).
Die
Leidtragenden sind die Überlebenden. Wegen der Zwistigkeiten warten sie noch
immer auf die Auszahlung ihres Anteils. Sie sehen sich also Opfer einer philanthropischen
Pfennigfuchserei; ihre Bedürfnisse würden ignoriert. 121.000
Holocaustüberlebende leben in den Vereinigten Staatenviele von ihnen
haben sich in Florida niedergelassen. In einigen Wochen soll nun Edward Korman,
Richter am Zivilgericht in Brooklyn, New York, entscheiden, wie viel Geld an wen
gehen soll. Es wird fast unmöglich sein, ein salomonisches Urteil zu fällen.
"Hoffentlich
wird [mit dem Urteilsspruch] dieses schamlose Kapitel in der Geschichte abgeschlossen",
so hiess es in einem Editorial des Forward am 16. Januar. "Was als
ein Kampf um Gerechtigkeit begannnämlich die Schweiz und andere Länder
dazu zu bewegen, Milliarden von gestohlenen Geldern an ihre rechtlichen Besitzer
zurückzugebenist zu einem Wettkampf ausgeartet, bei dem konkurrierende
jüdische Interessenten um ihren Teil rangeln." Viele Überlebende sind angewiesen auf ihre spärliche Sozialhilfe und die Entschädigungsgelder, die sie aus Deutschland erhalten. So auch Aaron Stern, 85, Überlebender des Warschauer Ghettos. Er lebt in Florida und kann seine eigene Miete nicht mehr bezahlen. Gelder aus dem humanitären Entschädigungsfonds stehen ihm jedoch nicht zu. * Der
5 Milliarden Dollar umfassende Entschädigungsfonds für Zwangs- und Sklavenarbeiter,
der im Jahre 2000 zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ausgehandelt
wurde, sollte eigentlich individuelle Klagen gegen deutsche Firmen in der Zukunft
ausschliessen. Aber
Simon Rozenkier, 75, aus Staaten Island, New York, will sich nicht an die Vereinbarung
halten. Mengeles medizinische Versuche in Auschwitz machten ihn steril. Rozenkier
erhielt für seine Qualen insgesamt 8.000 Dollar Entschädigung und hat
jetzt gegen Bayer und Schering (damals eine Division von IG Farben), die Drogen
und Medikamente nach Auschwitz geliefert hatten, Klage eingereicht. Der
amerikanische Chefunterhändler Stuart E. Eizenstat, der die Entschädigungen
an Zwangsarbeiter mit Deutschland ausgehandelt hatte, meint, Rozenkiers Klage
sollte eingestellt werden, denn sie könnte den Entschädigungsvertrag
unterminieren und dem Vertrauen zwischen Deutschland und den USA schaden. Ein
anderes Abkommen mit Deutschland habe man nicht aushandeln können, so Eizenstat
zum Forward, sondern nur "ein Mindestmass an Gerechtigkeit" erreichen
können. "Wir wussten, dass wir nicht allen gerecht werden. Aber das
Abkommen sei wirkungsvoller als individuelle Klagen, die verjähren oder leicht
abgewiesen werden können. Wir haben eine Formel gesucht, um so vielen Überlebenden
wie nur möglich ein Mindestmass an Entschädigung zu ermöglichen." Auch
viele Vertreter amerikanischer jüdischer Organisationen stehen nicht hinter
Rozenkiers Forderung. Sie haben Angst, eine individuelle Klage könnte Deutschland
verärgern und gegebenfalls weitere Entschädigungsverhandlungen zunichte
machen. * Eva
Mozes Kor, 69, aus Terre Haute im Bundesstaat Indiana, ist eine starke Frau. Sie
und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden von Mengele misshandelt. Miriam starb
1993 an Krebs, und Eva Mozes Kor ist sicher, dass die medizinischen Experimente
die Gesundheit ihrer Schwester zerstört hatten. Die gesamte Familie, 117
Menschen, wurde im Holocaust ermordet. Mozes
Kor vergab den Nazis. Und sie sagt, sie wird auch dem Brandstifter vergeben, der
am 18. November 2003 ihr Holocaustmuseum niederbrannte. Das kleine Museum, das
Mozes Kor 1995 aufgebaut hatte, trägt den Namen C.A.N.D.L.E.S. (Kerzen)ein
Akronym für "Children of Auschwitz-Nazis' Deadly Lab Experiments Survivors".
Es wurde völlig zerstört; fast alle Ausstellungsexponate und Memorabilien
verkohlten. "Erinnert euch an Timothy McVeigh", schmierte der Täter
an die Wände (McVeigh verübte am 19. April 1995 einen Anschlag auf ein
öffentliches Gebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen starben.
Er wurde am 12. Juni 2001 in Terre Haute hingerichtet). Der
Brandstifter habe nicht erreicht, was er vorhatte, sagte Mozes Korin
einem Interview mit der New York Times. "Die Welt hat von unserem
kleinen Museum erfahren. Der Täter wollte unsere Botschaft zerstörenaber
er hat genau das Gegenteil erreicht". Ein Verdächtigter, ein in der
Gegend bekannter Rechtsextremist, wurde bereits festgenommen; er bestreitet jedoch
die Tat. Der Anschlag hat die Stadt erschüttert. Mozes Kor erhielt über 140.000 Dollar, Mahnwachen wurden für sie abgehalten und Kinder organisierten Geldspenden. Sie plant das Museumes war das einzige Holocaustmuseum im Staate Indiananoch in diesem Jahr wieder aufzubauen. Vier Architekten haben auf eigene Kosten Baupläne für den Neubau ausgearbeitet, von denen einer von einer Jury ausgewählt werden wird. Hass habe das Museum zerstört, so Mozes Kor, und mit Liebe werde es wieder aufgebaut. * Die
juristische Fakultät der New Yorker Yeshiva University hat eine Schenkung
von 2.25 Millionen Dollar erhalten. Das Geld ist Teil eines Entschädigungsfonds,
der im August 2002 mit der Investitionsbank J.P. Morgan Chase & Co. sowie
12 weiteren amerikanische Firmen ausgehandelt worden war. Die Firmen wurden beschuldigt,
während des Zweiten Weltkrieges Niederlassungen im besetzten Frankreich aufgebaut
und Gelder von Juden beschlagnahmt zu haben. Mit
den Geldern der Schenkung hat Yeshiva University jetzt einen neuen Lehrstuhl eingerichtet,
das "Center for Holocaust and Human Rights Studies". Hier werden junge
angehende Juristen über die "Justiz" unter den Nazis aufgeklärt
und darauf vorbereitet, Menschenrechts- "Selbst in einer Diktatur braucht ein Jurist nicht freiwillig zu marschieren", meint Eric Freedman vom Simon Wiesenthal Center, der erste benannte Professor des neuen Lehrstuhls. * Und
wieder geht es um das Passionsspiel. Wie im letzten USA Tagebuch schon erwähnt,
ist Mel Gibsons Kostümdrama, die Verfilmung der Kreuzigung Jesu, heftig kritisiert
worden. Doch Vertreter amerikanischer jüdischer Organisationen, die jetzt
den Film sehen konnten, sind sich uneinig ob er wirklich antisemitisch ist. Viele
fanden den sehr brutalen Film geschmacklos. Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal
Center in Los Angeles war "erschüttert" über den Film. Gibson
habe, trotz lauter Proteste, Filmszenen beibehalten, die den Eindruck hinterlassen,
Juden wären Schuld an der Kreuzigung Jesu. Der Film könne, so Abraham
Foxman, Direktor der Anti Defamation League (ADL) in New York, durchaus Antisemitismus
schüren. Die Juden in Gibsons Film haben alle dunkle Bärte und dunkle
Augen, verriet Rabbi Hier der New York Times, und "sehen alle aus
wie Rasputin". So
schlimm sei es doch gar nicht, meint David Elcott, Direktor für zwischenreligiösen
Dialog des American Jewish Committee (AJC). "Der Film wird keine Pogrome
auslösen", beschwichtigte er die Leser der Jewish Week in einem
Interview. "Das heisst jedoch nicht, dass wir nicht enttäuscht und frustriert
sind", fügte er hinzu. Der
Film wird ein Kassenschlager werden, der die Filmtrilogie "Der Herr der
Ringe" in den Schatten stellen wird, prophezeit Rabbi Joseph Ehrenkranz,
Direktor des Zentrums für Christlich-Jüdische Verständigung in
Connecticut. "Das wird Mel Gibsons grösster Hit". Das
AJC hat jetzt eine 47 Seiten umfassende Broschüre
mit Richtlinien herausgegeben und organisiert Diskussionsrunden in jüdischen
Gemeinden, um so viele Besucher wie möglich auf den Film vorzubereiten. Die ADL plant keinen Boykott oder öffentlichen Protest. Vielleicht kann Gibsons Passionsspiel dennoch dazu führen, dass Juden und Christen zueinander finden, um miteinander zu diskutieren. "Etwas Besseres könnte uns gar nicht passieren", meint eine Sprecherin der ADL. * Eine Mehrheit der Amerikaner glauben, dass die amerikanische Regierung auch weiterhin Israel und die jüdische Diaspora unterstützen sollte, so geht aus einer Studie der Anti-Defamation League hervor, selbst wenn dadurch die Gefahr von Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten anstiege. Die amerikanische-israelische Allianz sollte weiterbestehen. Drei Viertel der Befragten stimmen der Behauptung zu, dass zwischen Israel und den USA ein besonderes Verhältnis bestehe, da beide Länder für Freiheit und Demokratie einstehen. 61 Prozent sehen in Israel einen loyalen Partner. Die Mehrheit der Befragten, 57 Prozent, glauben, die USA haben eine "moralische Pflicht", Antisemitismus weltweit zu bekämpfen und 40 Prozent stimmen der Aussage zu, Antisemitismus habe in der Welt eine der gefährlichsten Stufen seit den 30er Jahren erreichtwas 46 Prozent nicht glauben.
Die USA Notizen sollen auch hier wieder mit der dritten Generation der selbstbewussten jungen amerikanischen Juden enden, die ihre Religion als Popkultur ansehen und für die Assimilation ein Dorn im Auge geworden ist. Diese alternative Bewegung bereitet sich in den grossen Metropolen immer weiter aus und zieht auch nicht-Juden in ihren Bann. Nur
wenige junge Juden sehen im traditionellen Judentumsei es konservativ, reform
und erst recht orthodoxeine Zukunft. Hipp sein ist "in", sagen
sie, jüdisch sein ist "cool". Man kämpft gegen die Assimilation
der Eltern und provoziert mit Nasenringen und T-Shirts mit Aufdruck "Jewcy"
(juicy ist English für saftig) oder "Shalom Scheisser!" Die
alternative jüdische Szene "klezmert" nicht mehr. Bagels, Jiddisch
und Woody Allen-Neurosen sind nicht mehr gefragt. Jüdische Rapmusik und Hip-Hop
verdrängen "Hava Nagila", "Heveinu Shalom Aleichem" und
andere israelische Volkslieder. Gefragt
sind provozierende jüdische Magazine (wie Heeb, siehe letzte USA Notizen
oder die online Publikation Jewsweek), freche Modedesigner und junge jüdische
Schriftsteller, die den Philip Roths, Chaim Potoks und Saul Bellows ostentativ
den Rücken drehend neue jüdische Literatur produzieren und feixend auf
den Bestsellerlisten landen. Man ist stolz, Jude zu sein. Time Out New York, die New Yorker Bibel über die Kulturszene der Stadt, veröffentlichte unlängst eine Titelgeschichte "The New Super Jews" (Die Neuen Super Juden): "Nebbich ist outder hinternversohlende Jude ist in". Und richtig, jüdische und nicht jüdische Schauspieler stellen stolze, selbstbewusste Juden dar, die sich nichts vorschreiben und erst recht nicht eine Opferrolle aufdrängen lassen wollen. Die Zeiten haben sich geändert. Judentum
wird in der Literatur, im Film und in der bildenden Kunst nicht mehr als eine
Kuriosität beschmunzelt oder als Makel angesehendas von der Assimilation
durchtränkt meist komische persönliche Identitätskrisen heraufbeschwörtsondern
als ein Geschenk, das von Juden wie auch nicht-Juden gefeiert werden muss. Amerikanische
Fernsehserien reservieren prominente Rollen für Juden und behandeln sehr
oft "jüdische" Themen. Kurse über Kabbala und jüdische
Mystik sind bei Hollywoodschauspielern beliebt, denen Yoga zu langweilig und die
Kirche zu konservativ geworden sind. Und
sogar eine koschere Biersorte von der "Shmaltz Brewing Company" in San
Francisco wird vermarktet: "He'Brew" (brew ist Englisch für Gebräu),
auch bekannt als "das auserwählte Bier".
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