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Notizen aus den USA:
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Dezember
2003 Von Tekla Szymanski
Clark,
der, wie Wolfgang Koydl in der Süddeutschen Zeitung so treffend schrieb,
seine Augen eng zusammengekneift "so wie Clint Eastwood das immer tat, wenn
er hinausblickte in die hitzeflirrende Wüste, den Poncho fester um die Schultern
ziehend", erfuhr erst als junger Mann von seinen jüdischen Wurzeln.
Clarks Mutter, die nach dem Tode von Clarks Vater ihren Sohn als Baptisten erzog
weil sie ihm Unannehmlichkeiten ersparen wollte, verschwieg, dass sein Vater Jude
war. Jetzt
wissen wir also warum Clark seine "flügge gewordene, koscher-style"
Wahlkampagne, wie der Forward spöttelte, in stark jüdische Staaten,
wie New York, Kalifornien und Florida trage. In einem Interview mit dem Forward
behauptete Clark, dass sein jüdischer Hintergrund sogar sein politisches
Denken beeinflusse. Jüdische
Wähler, so Clarks Devise, würden von seiner anti-Kriegskampagne besonders
angetan sein, da eine Mehrheit der amerikanischen Juden gegen den Krieg mit Irak
war. Filmemacher Steven Spielberg hat sich schon mit Clark zum Mittagessen getroffen. Etwas
Besonderes ist der sympathische General deshalb noch lange nicht: Als Al Gore
bei der letzten Präsidentschaftswahl vor drei Jahren seinen jüdischen
Vizepräsidentschaftskandidaten, Joe Lieberman, vorstellte, war das Erstaunenund
bei vielen die Vorfreudegross. Doch in diesem Jahr sind vier der zehn demokratischen
Kandidaten entweder Juden, mit einer Jüdin verheiratet oder haben jüdische
Vorfahren. Die Wähler sind trotzdem gelangweilt vom Wahlkampf. Ob Jude oder
nicht ist diesmal nebensächlich und keinen grossen Kommentar wert. Viele
Amerikaner sehen das als einen Beweis, dass die amerikanische Gesellschaft andere
Religionen, Kulturen und Minderheiten voll akzeptiere. Für Amerikaner ist
wichtig, dass ein Politiker an Gott glaubt, und es ist egal wie er oder sie zu
ihm betet. Dennoch:
Die Belange jüdischer Wähler und die Einstellung der Politiker gegenüber
Israel geben wichtige Wahlkampfthemen ab. Und da die demokratischen Kandidaten
ähnliche politische Meinungen vertreten, messen sie sich anund zanken
sie miteinander umihre Verbundenheit mit Israel und darüber wie die
US-Aussenpolitik im Nahost Friedensprozess ihrer Ansicht nach auszusehen habe.
Sie haben keine andere Wahl, denn 70 Prozent der amerikanischen Juden sind Demokraten.
Peinlich
nur, dass ihr republikanischer Kontrahent, George W. Bush, als ganz besonders
Israel-freundlich gilt. Seine Verbundenheit mit Ariel Sharons Regierung treibt
allen demokratischen Kandidaten den kalten Schweiss auf die Stirn. *
So
schlimm ist es aber gar nicht. Ein lang erwarteter revidierter "National
Jewish Population Survey 2000-2001" hat jetzt befunden, dass der ersten Studie
inkorrekte Daten zugrunde lagen, und es sich daher "nur" um 43 Prozent
handele. Man atmet auf. Doch
die neue Studie bot ein nicht weniger besorgniserregendes Bild: Die Zahl der amerikanischen
Juden nimmt ab und liegt jetzt bei 5,2 Millionen300,000 weniger als 1990.
Die Gemeinden werden älter, ärmer und säkularer. Und zwei Drittel
der Kinder aus gemischten Ehen werden erst gar nicht als Juden erzogen. Amerikanische
Juden sind scharf gespalten zwischen denen, die einer Synagoge angehören
(unter ihnen bevorzugt die Mehrheit, 39 Prozent, Reformgemeinden), und Juden,
die ihr Judentum überhaupt nicht praktizieren. "Wir haben noch viel
zu tun", so der trockene Kommentar des Präsidenten der UJC, Stephen
H. Hoffman, in einem Interview mit der New York Times. Jüdische
Kommentatoren zweifeln jedoch an der Studie. "Das
Paradoxe am amerikanischen Judentum", schreibt Saul Singer in der Jerusalem
Post, "ist das Zusammentreffen von jüdischer Renaissance auf der
einen, und Zersetzung auf der anderen Seite. Diejenigen unter uns, die nach Israel
gezogen sind damit unsere Kinder jüdisch bleiben, sehen das mit Besorgnisaber
auch mit Neid". Wie
dem auch sei, es beruhigt ungemein zu wissen, dass die UJC von der 1990 Studie
eines gelernt hat: Diesmal wurden die Telefoninterviews nicht am Shabbat abgehalten. * Präsident
George W. Bush bekam von 16 Rabbinern Schelte, die Anfang Oktober zu einem Gespräch
über die Nahost Situation und den Krieg gegen den Terror ins Weisse Haus
geladen wurden. Doch es blieb nicht bei diesem Thema. Rabbinerin
Amy Schwartzman nämlich verlangte vom Präsidenten eine Erklärung,
warum die Zahl der Armen in Amerika drastisch zugenommen habe. "Seit Ihrer
Wahl gibt es drei Millionen mehr Arme", argumentierte Rabbinerin Schwartzman.
Die
Rebbetzin hat Recht: 12,1 Prozent der Amerikaner leben unter der Armutsgrenze.
Besonders jüdische Organisationen, und ganz besonders die Reformbewegung,
nehmen sich jetzt diesem Thema an. "Jüdische Tradition verlangt von
uns: Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller,
die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe
Recht dem Elenden und Armen (Sprüche 31: 8-9)' ", zitiert Mark Pelavin,
Associate Director des "Religious Action Center of Reform Judaism".
"Der amerikanische Kongress trägt die moralische Verantwortlichkeit
[für die Armen]". Während
sich die jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren um andere Themen kümmern
musstenSolidarität mit Israel, Kampf gegen den Terror, Assimilation
und der Verlust jüdischer Identitätstieg die Zahl der armen Juden
fast unbemerkt auf rund 5 Prozent im Durchschnitt an (in New York leben sogar
21 Prozent der Juden in bitterer Armut). * Leben Juden tatsächlich im sogenannten "Bible Belt"der christlichsten aller Gegenden des Landes? In den letzten 30 Jahren ziehen immer mehr Juden vom Nordosten der USA in den protestantischen Süden und Westen des Landes, eine Zeitung sprach sogar von einer "dramatischen Migrationswelle". Das miefige Grossstadtmilieu in New YorkGeburtsstadt und Einwanderungshafen der Vorfahrenwird gegen Baumwollfelder in Georgia eingetauscht. 1970 lebten nur 10 Prozent der amerikanischen Juden im Süden des Landes. Heute ist die Zahl auf 23 Prozent angestiegen. Dem "National Jewish Population Survey" zu Folge verlagert sich die jüdische Bevölkerung langsam von Nordosten nach Süden. Gail
Hyman, Vizepräsidentin für Kommunikation der UJC, ist zufrieden: "Es
beweist, dass wir uns in allen Teilen des Landes wohlfühlen. Das ist ein
gutes Zeichen für amerikanische Juden!" * Das
gespannte Verhältnis amerikanischer Juden zu Deutschland scheint sich zu
bessern. Israel und Deutschland haben sich versöhnt, für die Amerikaner
dagegen wird Deutschland immer noch fast ausschliesslich mit dem Holocaust in
Zusammenhang gebracht. Deutsche Juen, die nach Amerika reisen, werden scharf kritisiert,
dass sie im Land der Täter leben, was als eine große Sünde angesehen
wird. Und jüdische Organisationen in Amerika haben Deutschland und seine
jüdischen Gemeinden bisher bewusst ignoriert. Diese
Zeiten sind vorbei: Die Jewish Week spricht schon von "Vergebung und
Veränderung, die in der Luft liegen". Amerikanische Juden hätten
in den letzten Jahren das jüdische Leben in Deutschland in bisher nicht dagewesener
Weise erforscht. Robert Goldmann von der Anti-Defamation League in New York bremst
jedoch die Vorfreude in einem Interview mit der Jewish Week: "Sich
gegenseitig zuhören ist nur der Anfang. Beide Seiten müssen jetzt bereit
sein, sich zu ändern". Das American Jewish Committeedie erste amerikanische jüdische Organisation, die eine Zweigstelle in Deutschland eröffnetehat jetzt mit der Stadt Berlin und der Bundesregierung ein gemeinsames Projekt ausgerufen. "Hands Across the Campus", eine amerikanische Initiative für Verständigung, Demokratie und Toleranz, die schon seit 1981 in 12 amerikanischen Städten in 85 Oberschulen läuft, wird jetzt auch in drei Berliner Schulen eingeführt. Für dieses bilaterale, deutsch-amerikanische Erziehungsprojekt werden Lehrer aus beiden Ländern zusammentreffen. Die
ersten zehn deutschen Lehrer sind bereits im Oktober in den USA eingetroffen.
* Verständigung auch mit Muslimen: Wie der Forward berichtet, ist der American Jewish Congress (AJC) im Gespräch mit amerikanischen Vertretern der islamistischen Partei Pakistans Jamaat-e-Islami und will die Kontaktetrotz heftiger Kritik von beiden Seitenweiter ausbauen und die Fundamentalisten zum Dialog bewegen. Die Washington Post berichtet, dass der AJC in einem offenen Brief "allen Muslimen Freundschaft angeboten hat, solange diese Israel anerkennen". Jüdische Vertreter hatten sich mit Pakistans Präsident Musharaf in Washington getroffen, um ihm für seine Bereitschaft, Israel vielleicht bald anzuerkennen, zu danken. Die
Kontakte sind zwar zaghaftaber ein Anfang. * Der frisch gewählte Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger (der von den amerikanischen Medien anfänglich "Schwarzenschnitzel", "Arnie" und "der Schauspieler" genannt wurde), hat Rabbiner Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles in sein Team berufen. Schwarzeneggers
Freundschaft mit Rabbiner Cooper begann vor 19 Jahren, als sich der Schauspieler
an das Simon Wiesenthal Center wandte, mit der Bitte, die braune Vergangenheit
seines Vaters zu untersuchen. Seitdem ist Schwarzenegger einer der grössten
Geldgeber aus Hollywood für das Wiesenthal Center. Und Rabbi Cooper stand
Schwarzenegger während dessen Wahlkampfes öffentlich zur Seite, als
der Schauspieler angegriffen wurde, er sei ein Verehrer von Hitler. Schwarzenegger
plant jetzt eine Reise nach Israel (wo er schon mehrmals war). Kann es sein, dass
dies als eine Geste für die vielen demokratischen jüdischen Wähler
in Kalifornien gemeint ist, die in Scharen für den republikanischen "Terminator"
gestimmt hatten? Man weiss es nicht. Wie dem auch sei, "der Mann, den ich
seit Jahren kenne, ist uneingeschränkt und ohne sich zu schämen, judenfreundlich",
versicherte Rabbi Cooper dem Forward. Das
ist schön. Und Schwarzenegger repräsentiert darüber hinaus die
Immigranten, die es in Amerika zu etwas gebracht haben. * In einem Artikel in der israelischen Tageszeitung Ma'ariv, der ins Englische übersetzt auch im Forward erschienen ist, hat der israelische Politiker Natan Scharansky auf ein Phänomen in amerikanischen Universitäten aufmerksam gemacht: Die heftigsten Kritiker Israels sind Juden. Scharansky hatte im September mehrere amerikanische Universitäten besucht und dabei interessante Beobachtungen gemacht. Die alteingesessenen Vertreter jüdischer Organisationen in Amerika sind zwar ausgesprochen pro-Israel eingestelltaber nicht mehr für lange, denn junge Juden stehen Israel viel kritischer gegenüber, und sie werden bald das Ruder übernehmen müssen. Das Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel könne sich dementsprechend drastisch ändern, gehe man von den anti-israelischen und anti-zionistischen Einstellungen vieler jüdischer Studenten in amerikanischen Universitäten aus. Scharansky
zu Folge, machen jüdische Studenten ungefähr 10-20 Prozent aller Studenten
aus. Aber nur ein Bruchteil, Scharansky meint ein Zehntel, engagiere sich in pro-israelischen,
pro-zionistischen politischen Organisationen. "Fast 90 Prozent der Studenten",
so Scharansky, "sind stumme Juden". Der
Chefredakteur der Jewish Week, Gary Rosenblatt, bestätigte Scharanskys
Befund in einem Kommentar. "Die meisten jungen Juden wissen nichts vom Zionismus,
sind verwirrt oder kümmern sich nicht um das Thema. Jüdische Studenten
tun sich im Gegensatz zu der älteren Generation schwer zwischen dem Standpunkt
der Israelis und dem der Palästinenser zu wählen". Man solle deshalb
schon in der Schule anfangen, mit den Schülern über Israels Probleme
zu sprechen. Darüber hinaus sind viele junge Juden nicht mit den historischen
Fakten vertraut. Sie sind zwar emotional mit Israel verbunden, verfügen aber
über keine ausreichenden politischen Argumente, mit denen sie der Kritik
von Seiten der Palästinenser begegnen könnten. Aber
auch kritische Stimmen wurden laut, die besagten, junge amerikanische Studenten
seien politisch engagiert: Scharansky verallgemeinere und habe mit seinen Behauptungen
mehr geschadet als geholfen. Es gelte jetzt diejenigen anzuspornen, die sich für
Israel einsetzen. * Stumm und dumm? Werden amerikanische Juden zu faulen "Kulturjuden"? Je mehr sie sich vom Gemeindeleben entfernen, desto verwässerter werde ihr Judentum, fürchten Vertreter der traditionellen jüdischen Bewegungen. In diesem Sommer wurde in New York das "Center for Cultural Judaism (CCJ)" gegründet, das sich an säkulare Juden wendet. Kritiker
warnen schon vor einer Verdummung des amerikanischen Judentums. Was macht man
jedoch mit den 75 Prozent der Jugendlichen, die sich zwar jüdisch fühlen
und "irgendwie an Gott glauben" aber trotzdem keiner Gemeinde angehören?
Wie kann man sie in das Gemeindeleben einbauen, ohne sie zu vergraulen? Und warum
sollte Gott keinen Platz mehr haben in dieser neuen amerikanischen Variante des
Judentums? "Wenn Sammy zur Klezmer Musik grooven möchte", meint
Rabbiner Avi Shafran, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit der Agudath
Israel, "dann ist das OK. Wenn Sammy aber glaubt, Klezmer kommt an Stelle
der Thora, dann irrt er". Die jüdische alternative Internet-Zeitung Jewsweek glaubt jedoch, das Kulturjudentum sei nicht mehr zu stoppen. "Kulturjudenreligiös oder nichtzeigen kein Interesse daran, wieder zu verschwinden". Nicht nur das: Sie wollen sogar Spass haben.
Eine
jüdische Zeitschrift, die zweimal im Jahr unter dem Namen Heeb erscheint,
sorgt für Aufregung. Der von jungen und hippen Redakteuren herausgegebene
"New Jew Review" sei zu gewagt, meinen Kritiker. Und der Titel: spiele
der nicht auf die "Hep! Hep! Rufe" antisemitischer Studenten in Europa
Anfang des Jahrhunderts an? Oder ist das nur ein flippiges Kürzel für
"Hebrew"? Egal:
Das alternative Magazin mit seinen 20.000 Abonnentenallesamt "junge
urbane Juden", so die New York Timesmöchte stubenrein werden,
behauptet aber weiterhin von sich: "Wir sind die Kinder, vor denen Euch die
Rabbiner gewarnt haben". Das
Magazin, das in einer kleinen Wohnung in Manhattans Lower East Side produziert
wird, wird zur Hälfte von der "United Jewish Appeal-Federation of New
York" finanziert. Es wirbt mit rauschenden Parties in Chicago, Boston, Los
Angeles und New Yorkbei denen auch Musikgruppen mit Namen wie "Drehende
Dreidl" auftretenund es bietet Kulturabende mit Märchenstunden.
Doch
der Name der Zeitschrift "erinnere doch zu sehr an die Hep!Hep! Rufe von
damals", meinen Skeptiker, und runzeln die Nase vor Heebs Chuzpe,
Tabus anzusprechen und dabei einige Heilige Kühe zu schlachten. Auch dass
Heeb zu selbstgefällig und schadenfroh sei, stösst auf Kritik.
In der New York Times war gar zu lesen, dass Heeb antizionistisch
sei. Doch die Zeitung druckte einige Tage später eine Korrektur, Heeb
sei "nur manchmal kritisch gegenüber der israelischen Regierung".
Der
Chefredakteur und Herausgeber von Heeb, Joshua Neuman, 31, hat noch viel
vor: Er hofft, Heeb werde bald das Sprachrohr der neuen jüdischen
Kulturbewegung. Schon
möglich. Das Potential dazu hätte das Magazin, das sich brüstet,
das Monopol Gottes anzuzweifeln. Ein Dorn im Auge wird es bleiben, denn, so die
Redakteure: "Wir sind das Endprodukt eines schweisstreibenden Boxkampfes
zwischen Hip-Hop und Sushi auf der einen, und Klezmer und Kugl auf der anderen
Seite. Halleluja".
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