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Home Page > Artikel in Deutsch > Eine reife Nation?

 

Dieser Artikel erschien in Heft 156, 2000, der Tribüne —der “Zeitschrift zum Verständnis des Judentums”, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint.

 

Das Deutschlandbild in den USA
Eine reife Nation?

Von Tekla Szymanski

“...Was da tatsächlich umgeht im nunmehr grösseren, im vereinten Deutschland, eruptiv, physisch, spürbar und mit dem vollen Ludergeruch des Hakenkreuzes, das ist kein zufälliger Betriebsunfall,” schrieb Ralph Giordano 1993. “Keine kurze Zwischenstörung neudeutscher Geschichte, keine vorübergehende Erscheinung...”

Er sollte Recht behalten.

Zehn Jahre Einheit feiert die Bundesrepublik, und immer noch werden Synagogen und Gedenkstätten geschändet, Gräber zerstört und Menschen niedergeschlagen. Seit Beginn des Jahres wurden in der Bundesrepublik 817 antisemitische Taten verübt. Die NPD wird zur peinlichen Bedrohung, das Holocaustdenkmal in Berlin ist immer noch nicht gebaut, und bedingt durch die Ereignisse im Nahen Osten scheinen antisemitische Zugriffe in den letzten Wochen sogar zuzunehmen. Wie sieht das Ausland Deutschlands Rolle in der antisemitischen Welle, die über Europa hereinschwappt? Hat sich das Deutschlandbild der Amerikaner in den letzten Wochen geändert?

Nimmt man die Berichterstattung der New York Times—Amerikas meinungsbildender, meist gelesener und einflussreichsten Zeitung—als Grundlage, ist das Deutschlandbild immer noch positiv, besonders anlässlich der Feier zur 10jährigen Einheit, worüber die Times ausführlich berichtete. Die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland werden als ein Mosaiksteinchen in der sich ausbreitenden Welle von Vorgängen in ganz Europa gesehen—und nur Frankreich wird als besonders militant hervorgehoben. Aber die USA ist ja selbst nicht immun gegen antisemitische Angriffe auf jüdische Einrichtungen—seit Beginn der Unruhen im Nahen Osten wurden hier neun Anschläge verübt, genausoviele wie in Deutschland—in den USA geht man damit nur beherzter um.

Nach dem neuen "Hate Crime Law", das am 10. Juli im Staate New York in Kraft getreten ist, können jetzt antisemitische Taten schärfer verurteilt werden. Ein Angriff auf eine Synagoge kann als Brandschändung und zusätzlich als "bias crime" behandelt werden, was die Mindeststrafe in die Höhe treibt. Drei muslimische Jugendliche stehen jetzt vor Gericht, am 8. Oktober eine Synagoge in der Bronx gebrandschändet zu haben. Zum ersten Mal wird das Gericht nun das neue Gesetz anwenden und die Täter werden, wenn verurteilt, mit höheren Strafen rechnen müssen.

Die Amerikaner stehen kopfschüttelnd und etwas hilflos der Gesetzgebung in Deutschland gegenüber, wo antisemitische Angriffe eher milde bestraft werden, viele Neo-Nazis noch mit 18 Jahren als Jugendliche verurteilt werden oder wegen mangelnder Beweise schnell wieder freikommen. Die amerikanische Rechtssprechung ist da rigoroser. Während man in Deutschland zum Beispiel immer noch über das für und wider streitet, gegen die NPD vorzugehen oder nicht, haben amerikanische Gerichte im September die neonazistische "Aryan Nation" zu einer Entschädigungszahlung von 6,3 Millionen Dollar verurteilt. Die Summe soll einer 44jährigen Frau und deren Sohn zukommen, die von Rechtsradikalen schwer misshandelt wurden. Das Gericht ging davon aus, dass die Führer rassistischer Gruppierungen für die Verbrechen ihrer Anhänger zur Rechenschaft gezogen werden können. Während man also in Deutschland noch heftig debattiert, haben amerikanischen Gerichte eine der gefährlichsten rechtsradikalen Gruppierungen in den USA in den Bankrott getrieben. Man beabsichtigt, der "Aryan Nation" auf legalem Wege alle Besitztümer wegzunehmen. Und auch die Sprache in den amerikanischen Medien ist unmissverständlicher: Redet man in Deutschland immer noch gerne unverbindlich von "Rechtsradikalen Jugendlichen", werden diese in der amerikanischen Presse "Neo-Nazis" genannt. Alle Zweifel werden ausgeräumt.

Die New Yorker Tageszeitung Daily News spricht von einer "dunklen Wolke", die über Europa hänge. "Der klassische Hass, aus Ignoranz und Angst geboren, liegt dieser europäischen Intoleranz zugrunde." schreibt die Zeitung. "Es verwundert nicht, dass die Brutstätte der Neo-Nazis in Ostdeutschland liegt. Aber alle Europäer—und ganz besonders die Deutschen—haben die Pflicht, Rassismus zu stoppen," heisst es weiter. "Gerade letzte Woche hat ein deutsches Gericht drei Skinheads, die einen afrikanischen Immigranten ermordet haben, zu schweren Haftstrafen verurteilt. Gut so!"

Die Anti Defamation League in New York befasst sich nicht nur mit Antisemitismus in Deutschland, sondern überwacht Vorfälle in ganz Europa, wobei Frankreich in den letzten Wochen besonders kritisiert wurde (die israelische Tageszeitung Ha'aretz spricht von der "grössten antisemitischen Welle in Frankreich seit 1945"). Aber es sei immer noch Deutschland, das wegen seiner Geschichte eine besondere Aufgabe zu erfüllen habe, meint die ADL. Und viele amerikanische Juden, die Deutschland immer noch ausschliesslich mit dem Holocaust in Verbindung bringen, fordern von der Bundesrepublik mehr Courage.

Mark Weitzman, Direktor der "National Task Force Aganist Hate" des Simon Wiesenthal Centers in New York ist der Meinung, dass das Image Deutschlands—trotz der relativ wenigen Zwischenfälle im Vergleich zu Frankreich—durchaus gelitten habe. "Die antisemitischen Angriffe in Deutschland mit Beginn der Unruhen im Nahen Osten sind nur die Fortsetzung eines antisemitischen Trends, der schon viel früher eingesetzt hat. Antisemitismus ist ein internationales Problem, aber die Angriffe in Deutschland sind nicht politisch bedingt, wie in Frankreich, [wo es eine grosse muslimische Gemeinde gibt] und wo die Ausschreitungen erst in letzter Zeit aufgetreten sind, sondern rassistisch begründet. Die deutsche Regierung war schon Monate unwillens oder unfähig, rigoros zu handeln, noch lange bevor antisemitische Vorfälle in anderen europäischen Ländern verzeichnet wurden. Die Regierungen der einzelnen Länder sollten mehr Bisskraft zeigen—und das Strafmass muss verschärft werden," fordert Weitzman.

Was viele Amerikaner nicht verstehen können, ist die Bereitschaft der Deutschen, eher die Meinungsfreiheit in ihrem Land einschränken als gegen gefährliche Trends innerhalb der Gesellschaft offen und öffentlich anzukämpfen. Dementsprechend ist ein Verbot der NPD in amerikanischen Augen nutzlos—und feige. Und es ist unbegreiflich, warum deutsche Politiker immer noch um die Kosten des Holocaustdenkmals in Berlin streiten (die sich auf rund 35 Millionen Dollar belaufen könnten), während es die Amerikaner geschafft haben, innerhalb der gleichen Zeitspanne ein nationales Denkmal für die amerikanischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in Washington zu planen, ein Konzept auszuarbeiten, einen Wettbewerb auszurufen und vom US-Kongress und von zahlreichen Kommisionen grünes Licht zu erhalten. Das Denkmal wird 2003 eingeweiht. Kosten: 100 Millionen Dollar.

Nach dem Bombenanschlag auf dem Düsseldorfer Bahnhof am 27. Juli veröffentlichte die ADL folgende Pressemitteilung. "...Die ADL sieht [den Anschlag] mit grosser Besorgnis....Die jüngste deutsche Geschichte macht Angriffe auf Ausländer und Neuankömmlinge, insbesondere Juden, ganz besonders schmerzhaft. Wir anerkennen die Bemühungen deutscher Behörden und anderer, die gegen Hass und Extremismus ankämpfen, doch Anschläge wie dieser unterstreichen die Tatsache, dass Fremdenhass immer noch ein Problem ist im neuen, demokratischen Deutschland....Die deutsche Regierung muss handeln."

Und die New Yorker Jewish Week zitierte unter der Überschrift "Deutschlands Geisteszustand" Michael Blumenthal: Die Deutschen hätten keine Verantwortung für den Holocaust und bräuchten sich nicht kollektiv zu schämen. "Aber die heutige Generation muss dafür sorgen, dass Werte wie Toleranz und Gleichheit anerkannt werden." Dennoch, die amerikanischen Medien sind sich dessen bewusst, dass Neonazismus nicht nur von Deutschland ausgeht, sondern ein akutes globales—europäisches und amerikanisches—Problem darstellt, und dass ganz besonders im Zeitalter des Internet, die alleinige Verantwortung nicht dem einen oder anderen Staat zugeschoben werden kann.

Politische Massnahmen auf Regierungsebene gegen Fremdenhass werden von den Medien herausgehoben. So wurde Gerhard Schröder im September von der "Appeal of Conscience Foundation" in New York geehrt. Rabbiner Arthur Schneier, der den Appeal 1965 gegründet hatte, zeichnete Schröder für dessen Aufruf zur Toleranz aus. Die New York Times berichtete, Schröder habe dem Rechtsextremismus in Deutschland zwar in der Vergangenheit wenig Beachtung geschenkt, da er sich auf die deutsche Wirtschaft zu konzentrieren hatte. "Es ist ihm aber klar geworden, dass es unvereinbar sei, einen "wetteifernden, globalen Mitspieler" aus Deutschland machen zu wollen, ohne sich mit den jüngsten nationalen Ausschreitungen auseinanderzusetzen."

Was in Deutschland vorgeht ist trotz Präsidentschaftswahl und der Krise im Nahen Osten "newsworthy" in den USA. So berichtete die New York Times ausführlich über beide Berliner Opernhäuser und Landowskys abfällige Äusserung gegenüber Daniel Barenboim. "Es entstand ein Feuersturm der Empörung, der sogar für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich ist," schrieb die Times. Grundsätzlich jedoch ist die Deutschland-Berichterstattung der New York Times positiv. Und diese Einstellung hat sich in der letzten Zeit nicht viel geändert. Die Times bemerkte auch, dass kein anderer Staat "eine Nationalfeier so bescheiden begehen würde...Doch wie der Anschlag in Düsseldorf zeigt, ist es schwer hier, der Geschichte zu entgehen."

Am 9. Oktober, also nach den antisemitischen Ausschreitungen in Düsseldorf, Berlin und Buchenwald, schrieb die Times in ihrem Kommentar zur 10jährigen Einheit der Bundesrepublik: "...Die Einheit Deutschlands ist ein grosser Erfolg...Rechtssprechung, Demokratie und europäische Integration sind Teil des Ethos dieser neuen, bescheidenen Bundesrepublik geworden...Deutschland muss offener gegenüber Fremden werden...doch die Tatsache, dass die Deutschen weiterhin ihre besondere Stellung in der Geschichte erkennen, zeigt, dass die Wiedervereinigung die moralische Sensibilität der Bundesrepublik nicht untermauert hat, obwohl Berlin wieder Hauptstadt ist....Deutschland hat noch viele Hürden vor sich, aber das sind Hürden einer reifen Nation. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte ist ein vereintes Deutschland eine friedliche, reiche Nation inmitten von europäischen Partnern. Das "deutsche Problem" existiert nicht mehr."

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