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Zu Anlass des 60. Jahrestages des 20. Juli 1944, zeigte die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin die Sonderausstellung

"20. Juli 1944: Vermächtnis und Erinnerung".

„Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst“—so beendete am 19. Juli 1954 der damalige Bundespräsident Theodor Heuss seine Gedenkrede zur Erinnerung an den 10. Jahrestag des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944.
Die Sonderausstellung „20. Juli 1944—Erinnerung und Vermächtnis“ greift dieses Zitat bewusst auf. Sie will an die Motive, Intentionen und Ziele der Menschen erinnern, die sich am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligten.”

Ein Katalog zur Ausstellung ist in der Gedenkstätte erhältlich.


Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Stauffenbergstrasse 13-14
Eingang über den Ehrenhof
10785 Berlin-Mitte
Telefon: (030) 26 99 50 00
Fax: (030) 26 99 50 10
E-mail: info@gdw-berlin.de

 

Spiegel

 

 

Home Page > Artikel in Deutsch > Wolf Ulrich von Hassell

 

20. Juli 1944: Der Widerstand und der preußische Adel
“Der Entschluß zum
Attentat war sehr schwer”

 Von Tekla Szymanski



Ulrich von Hassell
Über die Rolle des Militärs im Widerstand gegen den Nationalsozialismus kommen 60 Jahre nach dem mißglückten Attentat auf Hitler gegensätzliche Meinungen zu Tage. Auf der einen Seite wurde es als historisch erfolglos angesehen; auf der anderen Seite schien es ein Beweis zu sein für das 'andere Deutschland'. Es diente der Nation zur Ehrenrettung.

Besonders den konservativen Widerstandskämpfern aus den Reihen des preußischen Landadels wurde vorgehalten, Hitler erst an die Macht gebracht zu haben, um dann aus rein eigennützigen Beweggründen und aus Furcht vor Prestigeverlust, die Macht unter sich aufteilen zu können.

Dies ist ein Versuch, den 'Widerstand von innen' zu beleuchten. Ein Gespräch mit Wolf Ulrich von Hassell, (Foto oben: Erich Hartmann/MAGNUM,1998) in New York, dem Sohn des Widerstandskämpfers Ulrich von Hassell, der am 28. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet, und am
8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

Aufbau berichtete am 28. Juli 1944: "Wir wissen nicht, ob das Attentat von Himmler gestellt oder echt oder ob es eine Mischung beider Tatsachen war. Aber wir stimmen überein, daß die gegenseitige Vernichtung von Junkern und Nazis den Weg zur wahren Vernichtung des deutschen Militarismus freimacht", schrieb Manfred George im Leitartikel — acht Tage nach dem mißglückten Attentat auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Aufbau war höchst kritisch den Ereignissen in Deutschland gegenüber eingestellt, beleuchtete die langsam durchsickernden Einzelheiten des Attentates mit Geringschätzung. "Die alte Armee ist eben nicht mehr die alte Armee", heißt es in einem der Artikel, "sie hat sich Hitler verkauft. [...] Das Resultat, das sich anscheinend jetzt vorbereitet, ist, daß die beiden miteinander verstrickten Elemente in einen blutigen, giftigen Todeskampf miteinander untergehen werden. [...] Ihre Opfer könnten nie so erbarmungslos mit ihnen umgehen, wie sie, die an Grauen Gewöhnten, einander nun in ihrer Verzweiflung an die Kehle springen werden."

Im krassen Gegensatz zu diesen unmißverständlichen Worten, erklärte — nur zwei Jahre später — Deutschlands hartnäckigster Gegner, Winston Churchill: "In Deutschland lebte eine Opposition, die durch ihre Opfer [...] immer schwächer wurde, aber zu dem Edelsten und Größten gehörte, was in der politischen Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde".

Aber auch diese Position wurde mit der Zeit abgeschwächt. "Diese Männer stehen für ungezählte andere, die gleichen Sinnes und Mutes waren", sagte Carl Zuckmayer zwar in seiner Rede zum 40. Jahrestag des 20. Juli 1944. Aber: "Es waren Tausende — doch es waren Tausende unter Millionen. Unter achtzig Millionen."

Eliten im Widerstand

 

Warum rebellierte der Adel?

Die adeligen Verschwörer waren selbst innerhalb ihrer Familien isoliert und handelten als Einzeltäter; sie waren aber oft untereinander im direkten familiären Bezug und hatten engen Kontakt.

Bei Kriegsbeginn 1939 waren rund 15% der Wehrmachtsoffiziere Edelleute. Sie dominierten in den Führungspositionen. Adlige machten traditionell Karriere beim Militär und wurden nach dem Ersten Weltkrieg arbeitslos. Die Aufrüstung der Nazis war für sie eine Gelegenheit, wieder ins Militär einzutreten: Jeder fünfte SS-Obergruppenführer — die zweithöchste Rangstufe — stammte aus dem Adel.

Die Widerständler kamen aus einer Gesellschaftsschicht, die tausend Jahre lang Herrschaft ausgeübt hatte; es gab kaum absolutes Parteigängertum und Führertreue bis zum bitteren Ende. Für den Adel war es eher ein selbst gewähltes Bündnis, das sie auflösen konnten.

Die meisten adligen Mitglieder des Widerstandes sahen im nationalen Interesse, und nicht im Entsetzen über den Holocaust, den "zentralen Platz für den Hochverratsentschluss", so der Historiker Hans Mommsen.

Dennoch: Allein 20 Verschwörer haben in den Verhören der Gestapo oder vor dem Volksgerichtshof die Judenverfolgung als Grund für ihren Widerstand angegeben. Mommsen spricht von einem "Lernprozess", den "die meisten Verschwörer unter dem Eindruck von Hitlers verbrecherischer Politik durchmachten."

Ohne den Adel hätte es keinen 20. Juli 1944 gegeben — aber auch keinen 30. Januar 1933.

Wie kann man die Rolle der traditionellen Eliten in Deutschland im organisierten Widerstand angesichts der Vielfalt der Meinungen heute beurteilen? Ist sie bisher überbewertet worden, war sie gerechtfertigt? Und wer waren diese adligen Widerstandskämpfer, was waren ihre Beweggründe? "Gerade der Adel war besonders entsetzt über das Verhalten der Nazis und Hitler, weil es um Menschenrechte ging", erklärt Wolf Ulrich von Hassell, Jahrgang 1913, Sohn des hingerichteten Widerstandskämpfers Ulrich von Hassell. "Es ging um die grundsätzlichen Werte, die den Adel bewegt haben: Pflichterfüllung und die Liebe zum Vaterland.

Hitler war ein Zerstörer all dessen, für das der Adel einstand. Hitler war mißtrauisch gegenüber dem Adel, weil er ihn als fremd empfand. Der Adel bildete eine Gruppe, die alles unmenschliche an Hitler, alles unrechtliche an ihm, die Zerstörung des Lebens, die Euthanasie, die Judenvernichtung, grundsätzlich ablehnten." Und wie kam dann der Wandel von der eifrigen Unterstützung des Naziregimes über wiederstrebender Akzeptanz hin zur offenen Rebellion? "Der Adel, wie auch der Durchschnittsdeutsche, hat das Ende des I. Weltkrieges als Niederlage empfunden", so Wolf Ulrich von Hassell. "Man wollte alles tun, diese Ungerechtigkeit und die Folgen zu beseitigen. Hitlers Programm hat anfangs das Nationale in den Vordergrund gespielt.

Der Adel hat nicht gemerkt, daß das alles nicht stimmte". Also doch überrumpelt von der brillanten Demagogie und Propaganda Hitlers und Goebbels? "Die Kritik hat vom ersten Tag an eingesetzt", meint von Hassell bestimmt. "Und man hat zunächst auch gehofft, das sind Jugendstreiche, die Leute werden mit der Zeit schon zur Besinnung kommen. Der Röhm-Putsch wurde als eine Aktion empfunden, in der sich die Nazis gegenseitig umbrachten. Hitler war zuerst eine Regierung, die den vielen Regierungen vorher folgte, und die man vielleicht nach einem halben Jahr wieder ablösen konnte, bis man erfaßt hatte, daß das mit Urgewalt eine Diktatur war — und das hat einige Zeit gebraucht."

Warum dauerte es so lange, bis man sich einig war, daß Hitler beseitigt werden müßte? "Weil es sehr schwierig war. Der Entschluß zum Attentat ist für einen normalen Menschen — das waren ja alles keine Terroristen, die um sich schlugen — sehr schwer. Es waren gesetzte, hochgebildete Leute, die zuerst ein Attentat nicht als brauchbare, greifbare Lösung sahen. Das braucht einiges. Man überlegte zuerst, was für eine Verfassung aufgebaut werden sollte. Und man war sich einig, daß nach diesem Chaos, eine Rückkehr zu einer frei schaffenden Demokratie kaum möglich gewesen wäre. Mein Vater war der Ansicht, daß man nach dem Putsch nicht sofort zurück nach Weimar gehen konnte. Auf Grund dieses System, hatten die Widerständler Hitler ja zur Macht kommen lassen. Man wollte nicht wieder ein System errichten, bei dem ein Hitler zur Macht käme."

 

Zersetzende Kraft der Diktatur

Der Vater, Ulrich v. Hassell 1938Trotzdem kostbare Zeit verstrich, erkannte sein Vater, Ulrich von Hassell (rechts), die zersetzende Kraft dieser Diktatur schon früh. "In der Not des Augenblickes haben sie verbrannt, was sie angebetet und angebetet, was sie verbrannt haben, und damit ihr eigenes weltanschauliches, allerdings von jeher hohles Gebäude erschüttert", schrieb er am 10. Oktober 1939 in sein Tagebuch. "Die völlige geistige Verwirrung ist denn auch in der Partei bereits zu bemerken [...] die ganze Lage führt mich zu dem Schlusse, daß es hohe Zeit wurde, den herabrollenden Wagen zu bremsen."

Ulrich von Hassell befand sich dazu in denkbar günstiger Position: Er war Diplomat und stand bis zu seiner Zwangsentlassung 1938 im deutschen Außendienst. In den 20er Jahren war er der deutsche Botschafter in Kopenhagen, danach Belgrad und ab 1938 Botschafter in Rom. Schon kurz nach der sogenannten Machtergreifung Hitlers stellte sich von Hassell die Frage, "wie eine so geringe Qualität von Leuten einen so gewaltigen innenpolitischen Erfolg erzielen konnte. Kann man den Kopf durch das starre Drahtnetz stecken, das über das ganze Land geworfen ist? Das ist das Problem, das mich ununterbrochen beschäftigt." Ulrich von Hassell suchte, und fand eine Lösung.

 

Der Kreisauer Kreis

Von Hassell entstammte eines alten hannoveranischen Geschlechts, war Inbegriff des preußischen Adels, eine Elite, die ihre Karriere im Militär oder in der Diplomatie suchte. Er konnte aber mit den Traditionen brechen. "Je länger der Krieg dauert", schrieb er 1943 in sein Tagebuch, "desto geringer wird meine Meinung von den Generalen. Sie haben wohl technischen Können und physischen Mut, aber wenig Zivilcourage, gar keinen Überblick und Weltblick, und keinerlei innere, auf wirklicher Kultur beruhende geistige Selbstständigkeit und Widerstandskraft. Alle, auf die man gehofft hat, versagen, und zwar insofern in besonders elender Weise, als sie alles, was ihnen gesagt wird, zugeben und sich auf die tollsten Gespräche einlassen, aber den Mut für die Tat nicht aufbringen."

Zu diesem Zeitpunkt war von Hassell schon aktiv im Widerstand beteiligt: Er hatte rege Kontakte zum "Kreisauer Kreis" um Graf von Molltke. "Mein Vater war ein sehr national denkender Mensch", meint sein Sohn, Wolf Ulrich von Hassell. "Er hoffte, daß Deutschland wieder in die Reihe der brauchbaren Völker eingereiht werde." Der Kreisauer Kreis sollte sich genau das zur Aufgabe machen.

Die Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis" bestand aus Frauen und Männern, die aus unterschiedlichen sozialen, ideologischen und politischen Bereichen kamen. Viele waren Mitglieder der bürgerlichen Elite. Ihr Ziel war es, eine Neuordnung, geistige Erneuerung und Neuorientierung von Staat und Gesellschaft nach der Überwindung des Nationalsozialismus zu gestalten. Von Hassell sollte in dieser Übergangsregierung den Posten des Außenministers bekleiden. Verbindungen zu den militanteren Widerstandskämpfern wurden dabei ausgebaut: Der Kreisauer Kreis billigte, aber unterstütze nicht aktiv, das Attentat auf Hitler. Obwohl, so von Hassell, "wir alle hofften, daß es gutgehen würde".

Graf von Molltke wurde vor allem durch die nationalsozialistischen Verbrechen an Juden, Kriegsgefangenen und der Bevölkerung in den besetzten Gebieten zum Widerstand getrieben. Und Ulrich von Hassell schrieb am 25.11.1938 in sein Tagebuch: "Ich schreibe unter dem schwerlastenden Eindruck der niederträchtigen Judenverfolgungen [...]. Die wirklich schwere Sorge bezieht sich auf unserer inneres Leben, das immer vollständiger und eiserner von einem solcher Dinge fähigen System erfaßt wird. [...] [es handelte sich] um einen amtlich organisierten Judensturm — eine wahre Schande!"

Doch der "Kreisauer Kreis" befürchtete, daß der Sturz Hitlers zu Legenden führen könne, das die Bevölkerung von einem erneuten "Dolchstoß" sprechen könnte. Dennoch: Auch die Kreisauer arbeiteten bald für den Militärputsch gegen Hitler. Sie waren der Meinung, je genauer und weitblickender die Vorbereitung dafür sei, desto mehr Chancen habe der Tag X — und desto eher werde der Sturz Hitlers herbeizuführen sein.

Nach dem mißglückten Attentat auf Hitler wurden 8 der 24 Mitglieder des Kreisauer Kreises entdeckt und sofort als Mitverschwörer angeklagt. Sie wurden auf grausame Weise hingerichtet. (Mehr über den Kreisauer Kreis im Forumsbeitrag).

 

Vergebliche Bemühungen im Ausland

Ulrich von Hassell trat in seinen Bemühungen das westliche Ausland, besonders Großbritannien, von den Zielen der Hitlergegner zu informieren, für eine Westorientierung Deutschlands ein. Als Verbindungsglied zum Kreisauer Kreis, übermittelte er den Alliierten die Grundvorstellungen dieser Widerstandsgruppe, die besagte: "Weil die Mitglieder Kenntnis von den Verbrechen haben, die im Namen der Deutschen an den Völkern Europas verübt worden sind, bekennen sie sich zur Wiederherstellung des Rechts als Verpflichtung, begangenes Unrecht zu sühnen. Die Übernahme der gesamten Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen ist eine Voraussetzung des neuen staatlichen Miteinander". Die Bemühungen waren vergebens.

Hat das britische Außenministerium die Chance bewußt verpasst, Hitler zu stürzen? "Es läßt sich nicht leugnen", meint Wolf-Ulrich von Hassell, "daß die Briten Sorge hatten, daß die 'Appeaser' wieder die Oberhand gewinnen würden. Das nationale Streben der Gegenseite war ganz deutlich: Sie wollten die Gelegenheit benutzen, um einen vollständigen Sieg [über Deutschland] herbeizuführen."

Natürlich reizt es, mit heutiger Erkenntnis und Wissen über das Ausmaß des damaligen Terrors, über die Widerstandskämpfer, und mit ihnen über die Rolle des preußischen Adels, zu urteilen. Aber ist es gerechtfertigt? Der Historiker Ludolf Herbst nimmt in seiner Kritik kein Blatt vor den Mund: "Selbst aus den Kreisen der am 20. Juli beteiligten Offiziere wurde die Einsicht in den zutiefst unmoralischen Charakter des Regimes lange Zeit von der Absicht überlagert, Deutschlands Großmachtstatus zu erhalten.

Der 'Aufstand des Gewissens' [unter von Stauffenberg] war nur noch eine Ehrenrettung. Der 20.Juli war der Aufstand eines sehr privaten Gewissens; denn zu diesem Zeitpunkt hatte das nationalsozialistische Deutschland nahezu 10 Millionen Juden, Polen, Russen, Zigeuner, Behinderte und vermeintliche 'Asoziale' getötet. So aufrichtig [der Aufstand des 20.Juli] auch immer gemeint war, er stellte kaum mehr als das letzte Gefecht einer politisch längst untergegangenen Welt dar."

Von Mitläufern zum Widerstand

Die Widerstandskämpfer waren sich ihrer Mitschuld an der Machtergreifung Hitlers durchaus bewußt — aber sie erkannten auch den Unmut der Bevölkerung, aktiv gegen den Staat anzukämpfen. "Das Schlimmste ist vielleicht, nach dem blendvollen 'Sieg im Westen', das furchtbare Verwüsten der deutschen Charakters", schrieb von Hassell in sein Tagebuch, "der ohnehin oft genug Neigung zu sklavenhafter Art gezeigt hat." Sein Sohn bestätigt die Erkenntnis des Vaters: "Der Unterschied zwischen dem Widerstand in Deutschland und der Résistance in Frankreich oder dem Widerstand in Italien liegt darin, daß die Bevölkerung in Deutschland in der breiten Masse das Gefühl hatte 'es ist Krieg, und wir müssen erst mal den Krieg gewinnen und können da nicht stören'. Sie waren nicht bereit, einen Attentäter zu schützen."

Aber, erwartete man wirklich, daß Deutschland, nach allem was passiert war, als normaler Partner in die Weltgemeinschaft wieder aufgenommen werden könnte? Wolf Ulrich von Hassell überlegt eine Weile. "Man muß bedenken, daß man damals, auf der einen Seite den Umfang des Holocaust nicht kannte, und die Niederlage sehr viel weiter entfernt war, wie wir sie später erlebt hatten. Kein ausländischer Soldat war 1944 auf deutschem Boden. Der Gedanke, daß man verhandeln könnte, war nicht so fernliegend. Man muß sich zurückversetzen in die Zeit vor 1944, wenn man über die Leute urteilen will. Mein Vater war ein furchtloser Mann, ein durchaus vornehmer Mann, dem im Grunde selbst im Prozeß gegen ihn noch nicht klar war, welch einer grausamen Justiz er gegenüberstand. Weil er zu sehr in dem Begriff eines ordnungsgemäßen Staates aufgewachsen war."

Und darin liegt vielleicht die Tragik in den Bemühungen des preußischen Adels. Einer von ihnen, Ulrich von Hassell, wurde von Carl Zuckmayer "einen der nobelsten und aufrechtesten Gestalten unter denen, die für das andere Deutschland Zeugnis ablegten" genannt. Zuckmayer plädierte dafür, daß es unzulässlich sei, am Mißlingen des Aufstandes Kritik zu üben, und "seine vielfache Verspätung, seine ungenügende Vorbereitung und Absicherung zu bemängeln. Wer, der lebt, könnte von sich selbst sagen, daß er unter gleichen Umständen den gleiche Mut und die gleiche Haltung aufgebracht hätte?"

Auf der anderen Seite hatten nicht besonders die Offiziere in den hohen Positionen schon sehr früh von den Ausmaßen des Terrors und der Vernichtung gewußt? Ein Handeln kam für sie aber erst dann in Frage, so scheint es, als die militärische Oberhand Deutschland ins Wanken geriet, als der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte, und manche Offiziere die Gefahren der aggressiven Außenpolitik Hitlers zu erahnen begannen. Mehr noch: Nach Meinung des Historikers Ludolf Herbst war diese Elite "tief in die Massenvernichtung verstrickt und hatte bei einem Verlust des Krieges mehr als nur eine Prestigeeinbuße zu befürchten".

Der Erfolg der Gescheiterten

Ist der Widerstand nicht in die Geschichte eingegangen, eben weil er erfolglos war? Carl Zuckmayer ging bei diesen Gedankengängen ins Extreme: "Ich glaube, daß ein gütiges Geschick diesen Aufstand vom Gelingen bewahrt hat. Die Erfolglosen und Gescheiterten stehen heute reiner und größer da, als sie nach einem geglückten Umsturz hätten erscheinen können: nicht nur rein von der Blutschuld eines möglichen Bürgerkrieges, sondern rein von der Nötigung zu demütigenden Kompromissen und Halbheiten, die sich im Fall des Gelingens nach innen und nach außen aufgedrängt hätten.

"Ich stimme damit völlig überein!", meint Wolf Ulrich von Hassell sofort. "Man hätte ihnen Vorwürfe gemacht, trotzdem so viele Menschen gerettet worden wären. Das Volk hätte nur gesehen, daß ihnen der Sieg weggenommen wurde. Insofern wären mein Vater und seine Freunde in eine sehr schwierige Lage gekommen."

Wie sähe sein Vater das heutige Deutschland? "Gott, es ist schwer zu sagen. Ich glaube, daß er ganz froh wäre, wenn er jetzt nicht mehr im politischen Leben eingeschaltet worden wäre. Er war schon während des Krieges für einen Zusammenschluß von Europa. Aus diesem europäischen Gefühl heraus mag er nach Europa zurückgekehrt sein — aber nicht unbedingt nach Deutschland."

 

Man kann sein ganzes Leben nicht von Rache leben

Wolf Ulrich von Hassell, der Sohn, begann nach dem Krieg auch eine diplomatische Karriere. Er war damals nie im Kreisauer Kreis aktiv, wußte aber von den Bestrebungen seines Vaters. Den Krieg verbrachte er meist in der Schweiz, nachdem er, wegen seines Gesundheitszustandes ausgemustert worden war. Bei der Verhaftung seines Vater war er in Deutschland. Haben Sie jemals an Auswanderung gedacht? "Das war gar nicht denkbar. Wie sollte man im Krieg auswandern?" Und vorher? "...war keine Veranlassung dafür."

Nach dem Krieg verbrachte Wolf Ulrich von Hassell die meiste Zeit im Ausland—und viele Jahre lebte er in New York, wo er im März 1999 verstarb.

Was bedeutet Deutschland für ihn? Verspürt er Haß? "Ich bin Deutscher, hänge an dem Land, aber habe nicht mehr so viele Wurzeln da. Die Wurzeln werden mit der Zeit schwächer. Ich habe aber nie Haß verspürt. Ich finde, das was 1944 passiert ist, liegt weit hinter uns. Die meisten sind tot. Wenn jetzt ein Prozeß eröffnet würde, gegen einen der Leute, die im Verfahren gegen meinen Vater beteiligt waren, dann würde ich sagen 'bitte, macht, was ihr wollt'. Ich bin der Ansicht, daß man nicht sein ganzes Leben lang von Rache leben kann."

Ulrich von Hassell benützte nach seiner Verhaftung am 28. Juli 1944 die Zeit des Wartens im Konzentrationslager Ravensbrück und die Zeit zwischen den Verhören in der Gestapozentrale in der Prinz-Albrechtstraße in Berlin, mit dem Niederschreiben seiner Lebenserinnerungen auf insgesamt 150 enggeschriebenen Schreibmaschinenseiten. "Eine Gefängniszelle", so heißt es am Anfang, "ist ein guter Ort, um Lebenserinnerungen zu beginnen. Man hat Zeit, zu viel Zeit, nachzudenken. Das verflossene Leben gestaltet sich vor dem geistigen Auge in stereoskopischer Plastik, man sieht es und sich ohne Hülle".

"Sonst ist in den Aufzeichnungen auf die Gegenwart kaum Bezug genommen", bemerkt sein Sohn, der diese kurz vor Einmarsch der Russen in Berlin aus den erlahmenden Händen der Gestapo für die Familie rettete. "Aber ohne Zusammenhang mit dem Inhalt hat mein Vater gegen Schluß an den Rand diese Verszeilen geschrieben:


'Du kannst uns durch des Todes Türen
Träumend führen
und machest uns auf einmal frei.' "

 

Ulrich von Hassel wurde am 8. September 1944 in Plötzensee zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tage hingerichtet.

 

 

Mehr zum 20. Juli 1944 und dem Deutschen Widerstand:

Online-Ressourcen zur Geschichte des deutschen Widerstands, zusammengetragen von Zeitgeschichte-Online

World War II Multimedia Database: http://www.worldwar2database.com/html/julyplot.htm

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Der 20. Juli, 1944, Reden und Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag

Gedenkstätte Plötzensee

Stiftung Kreisau, Gedenkstätte Kreisauer Kreis

Film: "The Restless Conscience: Resistance to Hitler Inside Germany 1933-1945" von Hava Kohav Beller (in Englisch)

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