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Das Jüdische Museum, Berlin, zeigt noch bis 19. Juli 2009 die Ausstellung, "Tödliche Medizin — Rassenwahn im Nationalsozialismus".

Weitere Informationen: www.jmberlin.de/toedliche-medizin

Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch im Wallstein Verlag, mit 132 Seiten und 60 Abbildungen, erschienen.

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Home Page > Artikel in Deutsch > Unmenschliche Forschung


Diese Buchrezension über die Menschenversuche der Nazis in den Konzentrationslagern erschien im Dezember 2007 in meiner Kolumne "USA Notizen" in der Tribüne, Frankfurt.



Alfred Pasternak über die Menschenversuche der Nazis
Unmenschliche Forschung

Von Tekla Szymanski

Pasternak: Inhuman ResearchDie bestialischen medizinischen Versuche, die Ärzte im Namen der Nazis und im Namen der medizinischen Forschung an tausenden von Opfern innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager durchführten, sind hauptsächlich mit dem Namen Dr. Josef Mengele verbunden. Dr. Mengele führte Experimente in Auschwitz durch, wo er seine Opfer, viele davon Zwillinge, schon an der Rampe selektierte. Doch diese Experimente waren nicht nur Dr. Mengeles Domäne. Es waren keine Ausnahmen inmitten des Horrors, insgeheim durchgeführt von wenigen Abtrünnigen, sondern ein von der braunen Partei-Ideologie durchzogenes Phänomen, an dem viele deutsche Ärzte im Namen einer perversen Rassenideologie willentlich und wissend teilnahmen. Zwischen 1939 und 1945 wurden in den Konzentrationslagern mindestens 70 verschiedene medizinische Studien an Menschen durchgeführt.

Alfred PasternakDer ungarische Gynäkologe und Geburtshelfer Dr. Alfred Pasternak (rechts im Bild), der seit 1956 in den USA lebt und an der Universität Kalifornien arbeitet, hat in seinem Buch Inhuman Research, Medical Experiments in German Concentration Camps (Akadémiai Kiadó, Budapest, Ungarn, 2006, 397 Seiten) akribisch dargelegt, welches Ausmaß diese Experimente wirklich hatten. Pasternak, der das Konzentrationslager Auschwitz als Junge überlebte und selbst viele Familienmitglieder im Holocaust verlor, geht es in seinem Buch in erster Linie darum zu dokumentieren, dass die Zahl der Ärzte, die der Ideologie der "Rassenhygiene", der "Volksgesundheit" und der Eugenik anhingen und in ihrem Namen unermüdlich die grausamsten Menschenversuche ausklügelten und inspirierten, weit größer war, als bisher angenommen. Mehr noch: Sie nahmen an den Versuchen freiwillig und begierig teil, weiteten sie in ihrer schamlosen, grenzenlosen Neugier unerschöpflich und beharrlich aus und standen im engsten Kontakt mit der Parteispitze. "Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass die Horrors der Nazizeit auf eine handvoll teuflische Männer, die furchtbare Dinge taten, beschränkt werden kann", schreibt Pasternak. "Viele waren involviert, und sie konnten tun, was sie taten, eben weil sie das intellektuelle Gedankengut der Nazis als das für sie richtige akzeptierten."

Es wird geschätzt, dass 45 Prozent aller deutschen Ärzte Mitglieder in der NSdAP waren, schreibt Pasternak. Das war die höchste Quote innerhalb eines Berufszweiges. Der Nationalsozialismus, so Rudolf Hess, "war einfache angewandte Biologie." Deutsche Ärzte sollten dabei die Rolle der Selektierenden übernehmen, um die deutsche Rasse von all dem zu "heilen", was ihr schaden könne. Viele waren mit Enthusiasmus und Elan bis zum Ende dabei, ohne eine Spur von Mitleid und Reue zu zeigen. Nach dem Krieg wurden viele dieser Ärzte Mitglieder in der World Medical Association, wurden sogar in leitende Positionen gewählt, und sie praktizierten weiter Medizin. Auch in Deutschland.

Aribert HeimHunderte Naziärzte flohen nach dem Krieg nach Süd Amerika, wo sie bis zu ihrem Tode unbehelligt lebten. Doch jüdische Organisationen haben noch nicht aufgegeben, die noch lebenden schuldigen Ärzte zu stellen. Im November 2007 hat das Simon Wiesenthal Center in Jerusalem unter Dr. Efraim Zuroff verkündet, es verstärke seine Bemühungen, den nach Südamerika geflohenen und als "Doktor Tod" gefürchteten Nazi Arzt Aribert Heim (links) — einer der meist gesuchten NS-Kriegsverbrecher — zu finden (Tefefonnummer für Hinweise: 00-972-50-7214156). Das Center, zusamenn mit den Regierungen in Deutschland und Österreich, hat einen $460.000 hohen Finderlohn ausgesetzt für Informationen, die zur Erfassung Heims führen. Heim, heute 93 Jahre alt (wenn er noch am Leben ist), führte grausamste medizinische Experimente in Mauthausen (Österreich) durch. Es existiert immer noch ein Bankkonto in Deutschland in seinem Namen mit einem Vermögen von mehr als $1 Million. Heims Tochter lebt in Chile.

Pasternaks Buch ist keine leichte Lektüre, und natürlich kann es, und soll es das auch nicht sein. Das Buch katalogisiert die Experimente, stellt Briefe und Zeugenberichte vor, und zeigt Dokumente, Aussagen und Beweismateriale aus dem 1946-7 geführten Nürnberger Ärzteprozess der Alliierten gegen 23 Ärzte. Dr. Mengele war damals nicht dabei.

Der Autor spricht ethische Fragen an, die bis heute an Wichtigkeit nicht verloren haben: Wie wurde aus dem Beruf des Heilers ein wahnsinniger, wahnwitziger Richter über Leben und Tod? Wie kam es dazu, dass deutsche Ärzte ein Arm des politischen Regimes wurden und zu aktiven, freiwilligen Ausübenden ihrer Rassenideologie? Darf man heute die Daten, die die Experimente erbrachten, sowie die zusammengetragenen medizinischen Erkenntnisse verwerten? Warum sind die meisten Ärzte nicht zur Rechenschaft gezogen worden? Wie können heutige legitime medizinische Versuche an Menschen gegen Missbrauch geschützt werden? Wie entwickelten sich in diesem Zusammenhang die ethischen Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen, vom "Nürnberger Kodex" (1947), zur "Deklaration von Helsinki" (1964), bis zum "Belmont Report" (1979)? Am Ende des Buches listet Pasternak alle Ärzte, die an den Verbrechen beteiligt waren, und ihre Biografien auf. Und es sind derer viele — sie beanspruchen fast 50 Seiten des Buches.

Ab 1933, lange bevor die ersten medizinischen und pseudo-medizinischen Versuche an Opfern aus den Ghettos und den Konzentrationslagern im Akkord begannen, wurden psychisch und physisch Geschädigte aus den Reihen der allgemeinen deutschen Bevölkerung, so genanntes "lebensunwertes Leben", systematisch sterilisiert oder getötet. Und ohne das Mitwissen einer grossen Zahl von Medizinern und Helfern wäre diese Vorphase der Vernichtung im Rahmen der Rassenideologie der Nazis undurchführbar gewesen. Eine breite Schicht der Bevölkerung wusste davon; sie zog vor, zu schweigen.

Ungefähr 400.000 Menschen wurden zwangssterilisiert, davon 95 Prozent vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dieses Euthanasieprogramm wurde dann 1939, mit dem Einmarsch in Polen, in mobilen Gaskammern perfektioniert. Bis August 1941 wurden so 70.273 Menschen Opfer der Euthanasie, das war ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Deutsche Ärzte waren mit Eifer dabei, und wurden für ihren Erfolg belohnt — manchmal mit einer extra Flasche Bier. Die Euthanasien gingen weiter, und wurden jetzt auf die jüdische Bevölkerung ausgeweitet. Der Weg zu medizinischen Massenexperimenten war frei: Man hatte jetzt genug "lebensunwürdiges Menschenmaterial" in den Konzentrationslagern zur Verfügung, an denen man medizinische Versuche vornehmen konnte, die wegen ihrer Grausamkeit per Reichsgesetz nicht an Tieren durchgeführt werden durften.

Die Versuche wurden hauptsächlich in Dachau, Buchenwald, Natzweiler, Ravensbrück, Mauthausen, Sachsenhausen und Auschwitz als Teil der "Endlösung" durchgeführt und können in drei Gruppen eingeteilt werden: Versuche, die dem Militär dienten; Versuche, die die arische Rassenüberlegenheit manifestieren sollten; und Versuche, die die Neugier der Ärzte befriedigen und führenden Pharmaindustrien und medizinischen Instituten — wie I.G. Farbenindustrie, Bayer und Behring und dem Robert Koch Institut — beim Testen ihrer Medikamente dienen sollten. Die meisten Opfer überlebten diese Experimente nicht, und die wenigen Überlebenden trugen, und tragen, bleibende Schäden davon.

Tausende von Opfern wurden mit Krankheitserregern infiziert (Typhus, Malaria, Hepatitis, TBC); sie wurden zwangssterilisiert; sie wurden auf persönlichen Wunsche Heinrich Himmlers hohem Luftdruck ausgesetzt; sie wurden in eisigen Bädern unterkühlt, bis der Tod eintrat; sie mussten Salzwasser trinken; sie wurden verwundet und verbluteten, um Blutgerinnungsmittel zu testen; sie mussten mutwillig infizierte Wunden und Abszesse ertragen; ihnen wurden operativ Knochen, Muskeln und Nerven entfernt, was zu unvorstellbaren Schmerzen führte; sie wurden mit Phosphor verbrannt und schutzlos Senf- und Phosgengas sowie Sulfonamiden ausgesetzt; sie wurden vergiftet, um Gegengifte zu testen; ihnen wurden ohne Narkose Teile der Leber entfernt; sie wurden mit Petroleum und Benzin injiziert und Bleivergiftungen ausgesetzt; sie wurden mit Stromschlägen gemartert; an ihnen wurden neue Medikamente getestet. Und nach langer Tortur wurden ihre geschundenen Gebeine und Organe eingesammelt, analysiert, katalogisiert und zur Schau gestellt, als "medizinische Indizien", dass sie "Untermenschen" seien. Abbildungen ihrer Knochen und Schädel befinden sich heute noch in renommierten Anatomiebüchern, und auch ihre Organe lagern noch in den Laboren vieler pathologischer Institute, anthropologischer Museen und renommierter medizinischer Universitäten.

Pasternak hat eine beachtliche, wichtige Dokumentation zusammengetragen, die den Umfang und den Ablauf der Experimente in all ihrer Brutalität unverblümt, und doch fast reserviert, beschreibt. Es ist, als schauen der Autor und seine Leser den Ärzten bei der Folter über die Schulter, und dieses fast voyeuristische Zusehen ist unerträglich. Man möchte wegrennen, die Privatsphäre der Opfer nicht noch mehr verletzen. "Ich behaupte nicht, objektiv zu sein. Der Horror der Lager ist Teil meiner persönlichen Identität", erinnert Pasternak am Ende des Buches. Und doch stellt er dem Leser bei der Diskussion, ob und wie man die Daten der Experimente heute benutzten darf, auch Argumente vor, die dafür sprechen (neben Zitaten von Kritikern, die das — wie Pasternak — kategorisch ablehnen). Wir müssen selbst urteilen. Kein gehobener Zeigefinger der Moral weist uns den Weg bei dieser Qual der Wahl. Wir müssen das Unerträgliche verdauen, mit der Erkenntnis, die Last des neu gelernten Wissens für immer schultern zu müssen. Somit birst das Buch vor hochaktuellem Diskussionsstoff; es wird zum bleibenden Denkmal an die Opfer, dessen Intensität und Relevanz weit über das Lesen hinausgehen wird.

Mengeles SchergenWährend die Menschenversuche in Auschwitz in vollem Gange waren, führten SS-Lagerleiter und Helfer, Schergen, Kommandanten und Adjutanten, ein fröhliches, unbeschwertes Leben. Man sang, trank, aß Blaubeeren und ging auf die Jagd. Das United States Holocaust Memorial Museum in Washington erhielt Anfang des Jahres von einem anonymen Spender ein Fotoalbum der ganz besonderen Art, wie jetzt bekannt wurde. Das Fotoalbum, das von einem amerikanischen Offizier 1946 in Frankfurt gefunden wurde, war das private Album von SS Obersturmführer Karl Höcker, dem Adjutanten des Auschwitz Kommandanten Richard Baer.

Die 116 Fotos, die zwischen Mai 1944 und Januar 1945 in Auschwitz aufgenommen wurden, zeigen nicht die Opfer, sondern die Täter beim fröhlichen Treiben. Auf vielen Bildern sind angereiste Nazigrößen neben den Lagerschergen abgebildet, so auch ein strahlender Dr. Josef Mengele (oben links im Bild) und andere notorische Lagerärzte (dies sind die einzigen Bilder, die von Mengele während des Krieges in Auschwitz existieren). In einem Foto posiert die gesamte Auschwitzer SS Hierarchie beim Rundgesang, unter ihnen der "Henker von Auschwitz", Otto Moll (dem Aufseher der Gaskammern und Krematorien), neben dem früheren Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, sowie dem "Biest von Belsen", Josef Kramer; mal sieht man SS Aufseherinnen Blaubeeren essen, mal picknicken sie, necken sich, sonnen sich in Liegestühlen. Am Ende des Albums sieht man Höcker, wie er die Kerzen an einem bis zur Decke reichenden, prächtig geschmückten Weihnachtsbaum anzündet. Unter dem Foto steht: "Julfeier 1944". Es ging gemütlich zu. Das gesamte Album kann hier eingesehen werden:

Die Schnappschüsse erschrecken in ihrer Banalität. Als Millionen von Menschen zur gleich Zeit, an gleichem Ort, selektiert, vergast und gequält wurden, fanden die Henker die Zeit, sich zu erholen und sogar zu amüsieren. Nur noch ein anderes Album, das im gleichen Monat aufgenommen wurde, existiert aus Auschwitz, das so genannte Auschwitz Album Richard Baers, mit Fotos ungarischer Juden, aufgenommen im Mai 1944 während der Selektionen an der Rampe. Stellt man beide Alben nebeneinander wird einem der maßlose Zynismus der Täter erst richtig bewusst. "Man ist über die Normalität und die Menschlichkeit dieser Nazis entsetzt", sagt Sara Bloomfield, die Direktorin des Museums. "Das ist ihre Vorstellung von Humanität. Es würde uns leichter fallen, zu glauben, dass das eine Horde teuflischer Monster war, und nicht normale Leute wie du und ich; es zeigt wie sie fähig waren, ihr Verhalten zu rationalisieren und von ihrem normalen Leben zu trennen."

 

Mehr zum Thema:

"Tödliche Medizin — Rassenwahn im Nationalsozialismus", Jüdisches Museum, Berlin,

Museum of Tolerance of the Simon Wiesenthal Center, Los Angeles

United States Holocaust Memorial Museum: Karl Höckers Fotoalbum

Nazi-Era Provenance Internet Portal

The Doctors' Trial

Nuremberg Code, 1949

 

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