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Home Page > Artikel in Deutsch > 350 Jahre Amerikanisches Judentum




350 Jahre Amerikanisches Judentum
Zauberformel Pluralität

Von Tekla Szymanski


"Wir, die Katastrophen überlebt haben, können auch die Freiheit überleben", prophezeite 1945 der amerikanisch-jüdische Intellektuelle Elliot Cohen angesichts der Herausforderung, das amerikanische Judentum dem Geiste des amerikanischen Pluralismus anzupassen.

Finding Refuge in America, Joseph Keller, 1909Seither ist die trennende Formulierung "Juden versus Amerikaner" genauso unvorstellbar geworden wie eine ethnische und religiöse Einkapselung oder gar der Gedanke, dass die amerikanischen Juden die Diaspora als etwas Temporäres, als ein ungewolltes Exil, als eine soziale Ausgrenzung und nicht als ein zutiefst gewünschtes Heimatland empfinden sollten.

Im Jahre 2005, 350 Jahre nachdem sich die ersten Juden in der niederländischen Kolonie New Amsterdam, später New York genannt, ansiedelten, finden in jedem US Staat Feierlichkeiten, Ausstellungen und Vorlesungen statt, und die jüdischen Zeitungen und Organisationen nehmen den Jahrestag zum Anlass, zu reflektieren, ob das amerikanische Judentum in 350 Jahren überhaupt noch existieren werde. Kritische Selbsteinschätzungen wechseln sich so mit Freudentaumel ab, und man ist stolz, es in so kurzer Zeit, so weit gebracht zu haben.

Angefangen hatte alles mit der immensen Freiheit, die Zukunft selbst zu gestalten. Die 23 Juden aus Recife fanden in Amerika keine verwurzelten, spezifisch amerikanischen Traditionen vor. Vor 350 Jahren war die Stunde null des Judentums in Amerika, und Juden konnten sich hier leichter von den alten Zwängen der Diaspora befreien.

Jede Generation steuert seither ihre religiösen, kulturellen, politischen und sozialen Nuancen bei, und schon drei Jahrhunderte später können amerikanische Juden heftig über Assimilation, religiöse Freiheit, politische Repräsentanz, Immigration, Emigration und Antisemitismus diskutieren.

Dabei streitet niemand ab, dass die amerikanischen Juden wesentlich zur Pluralisierung der amerikanischen Gemeinschaft beigetragen haben. Sie mussten ihre Identität und ihr Selbstverständnis immer wieder neu definieren. Israel wurde dabei immer weniger als Identitätshilfe angesehen, sondern als "eine Imaginierung der antiken Herkunft [benutzt], mit Hilfe derer [die Juden] sich einer respektbietenden Altzivilisation rühmen können", so die Neue Zürcher Zeitung; ganz im Gegensatz zu den christlichen Amerikanern, die auf eine viel kürzere Geschichte blicken.

Es ist ganz so, "als habe Ellis Island [der Einwanderungshafen in New York] den Berg Sinai als Epizentrum der jüdischen Identität abgelöst, und je mehr die amerikanischen Juden sich von der Einwandergeneration entfernten, desto mehr verblasste ihr Judentum", meint der Journalist und Autor Jonathan Rosen in einem Kommentar in der New York Times. "Paradoxerweise ist der Selbstbestimmungsdrang der amerikanischen Juden und der Nichtjuden ein und derselbe: Amerikanische Juden sind wie jeder andere Amerikaner, aber sie sind auch anders — sie kamen als Einwanderer an, aber ihre jahrtausendlange Geschichte ging ihnen voraus. Der Exodus aus Ägypten und die Idee eines Gelobten Landes sind zwar Teil der jüdischen Geschichte, wurden aber auch von den frühen amerikanischen Protestanten, den Pilgern, für sich beansprucht und ausgelegt".

Auch dass jüdische amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg in Europa kämpften und den Kontinent vom Nazismus befreiten, stärkte das Selbstbewusstsein der amerikanischen Juden immens, was auch auf spätere Generationen einen grossen Einfluss hatte. Diese jüdischen GIs waren die ersten Juden ihrer Generation, die gesellschaftlich und wirtschaftlich aufsteigen konnten, die Colleges und Universitäten besuchten und die typisch jüdischen Ballungsstädte gen Westen verliessen. Die Zugehörigkeit zum Judentum wurde zu einer privaten und freiwilligen Angelegenheit. Man war vorerst Amerikaner.

Die amerikanischen Juden personifizieren also den ur-amerikanischen Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Doch viele Juden befürchten, dass sie deshalb auch Opfer ihres eigenen Erfolges, ihrer reibungslosen Integration, werden könnten: Ihre Säkularisierung nimmt zu, ihre Anbindung an das religiöse Judentum, an die alten Traditionen, nimmt ab. Die amerikanischen Juden werden zunehmend zu "Kulturjuden", zu hebräischen Analphabeten.

Es gibt in den USA 4 Millionen "halachischer Juden", also jene, die dem orthodoxen Judentum nach jüdisch sind. Insgesamt sehen sich jedoch 6 Millionen Amerikaner als Juden an. Die Hälfte bezeichnet sich als reformorientiert, und die Rate der interreligiösen und interkulturellen Ehen liegt bei 51 Prozent. Die Vielfalt der jüdischen Lebensformen nimmt zu — und sie werden nicht als weniger authentisch eingestuft als die alten Traditionen.

Was hält diese aufgesplitterte Gemeinde zusammen? Es ist, so der amerikanische Historiker Peter Novick, der Holocaust, über den sich die amerikanischen Juden definieren, denn "er ist der kleinste gemeinsame Nenner. Der Holocaust ist die Tatsache, die alle Juden gemeinsam haben. Wenn man definieren will, was Juden von Nichtjuden unterscheidet, kann man nicht auf religiöse Überzeugungen zurückgreifen, weil solche der Mehrheit der amerikanischen Juden ohnehin fehlen. Was alle amerikanische Juden jedoch gemeinsam haben, ist das Bewusstsein, dass sie — wenn ihre Eltern und Grosseltern nicht rechtzeitig ausgewandert wären — gar nicht leben würden. Ein Rabbiner hat mir einmal gesagt, man habe sich auf den Holocaust geeinigt [als Zentrum der jüdischen Identität], 'weil Gott und Israel zu kontrovers seien'".

Wie sieht das amerikanische Judentum aus im Jahre 2005? War es bis vor kurzem noch streng in reform, konservativ, rekonstruktiv und orthodox aufgeteilt, vermischen die Grenzen immer mehr zu einer "Transdenomination". Die verschiedenen Strömungen — zwar immer noch verzankt — sind jetzt einander toleranter eingestellt. Es herrscht eine Atmosphäre des "leben und leben lassen". Neue, alternative Gemeinden entstehen, und selbst innerhalb des orthodoxen Judentums wird der Ruf nach Reformierung, insbesondere wenn es um die Rolle der Frau geht, laut. Reformjuden wiederum streben jetzt verstärkt traditionelle Werte an.

Das amerikanische Judentum teilt sich immer mehr in orthodox und unorthodox auf. Und dann gibt es auch die vielen alternativen Strömungen, wie die Buddhismus-orientierten Juden, zum Beispiel, die sogenannten "Jew-Bus", und Juden, die ein individualisiertes Judentum anstreben. Aber dieser Trend ist in ganz Amerika anzufinden: Es gibt rund 296 Millionen verschiedene Religionen in den USA — jeder Amerikaner praktiziert seine eigene.

Eine neue Studie des American Jewish Committee mit dem Titel: Im Westen Nichts Neues? Jüdische Einheit, Denomination und Postdenomination in den USA, spricht von einem "Waffenstillstand" der verschiedenen Strömungen im Judentum; doch der sei trügerisch: Unter dem Mantel der Solidarität, der Zusammenarbeit und des Konsensus, brodele es. "Amerikanische Juden glauben an die Zauberformel Pluralismus; das ist eine gute Idee, geht aber doch nur einer ehrlichen Konfrontation und einer positiven Hervorhebung der Unterschiede aus dem Wege".

Die meisten amerikanischen Juden gehören keiner Synagoge an. Ihre Kinder — 2 Millionen Jugendliche unter 18 Jahren leben in den USA — wachsen als Kulturjuden, ohne rigorose religiöse Einschränkungen und Pflichten auf.

Nennen wir sie Marc Green (seine Grossmutter hiess Sara Grünbaum) und Rochelle Simon (ihre Grossmutter hiess Terze Szymanowicz). Beide haben eine Bar/Bat Mitzvah gehabt (seitdem besuchen sie die Synagoge nur noch selten); Marc ist beschnitten; Rochelle isst gerne Schinken und Steak mit Sahnesosse und Marc liebt Bagel mit Lachs (gelegentlich auch an Pessach); sie können ein paar hebräische Buchstaben erkennen und "Hava Nargila" leidlich singen, das sie im jüdischen Ferienlager gelernt haben (wo beide jedes Jahr ihre Sommerferien verbringen); Marc und Rochelle waren noch nie in Israel und wollen auch gar nicht hin; sie gehen am Yom Kippur in die Synagoge und fasten vielleicht manchmal auch ein bisschen; zu Chanukkah erhalten sie Geschenke — Weinachten feiern sie natürlich nicht. Aber sie haben einen 'Chanukkahbaum' mit elektrischen Kerzen, an den sie Plastikdreidel und glitzernde blaue Davidsterne aus Folie hängen, und sie essen Lebkuchen (in Form von kleinen Menorahs), dekoriert mit blau-weissen Zuckerstreuseln.

Beide fühlen sich als Juden, sind stolz, Juden zu sein.

Auf der anderen Seite gibt es junge orthodoxe Juden, so wie der beliebte Reggaesänger Matisyahu, die sagen "Shul ist Cool", und sie haben ihren eigenen "hipster brand" des orthodoxen Judentums aufgebaut. Und dann gibt es die steigende Anzahl von streng gläubigen chassidischen Juden, deren Kinder man auf der Strasse hören kann, wo sie laut auf Jiddisch über den letzten Superman Film diskutieren.

Einen "jüdischen Boom" nennt Professor Jack Wertheimer vom Jewish Theological Seminary das Ausbreiten des emanzipierten Judentums in Amerika im 350. Jahr. Reformierte Synagogen werden gebaut, jüdische Gemeinden wachsen, selbst das christliche Amerika findet alles Jüdische "cool". Aber unter der selbstbewussten Fassade sind sich die amerikanische Juden weiterhin ihrer inneren Verwundbarkeit und Unsicherheit bewusst, was die Gemeinden dazu anspornt, ihre Mitgliederschaft zu erweitern und immer wieder neu — manchmal bis zur grotesken Verwässerung — zu definieren. Herausgekommen ist "eine der pluralistischsten und kreativsten jüdischen Gemeinden der Welt", so Wertheimer.

Und es ist auch eine der freiesten und demokratischsten Gemeinden. Doch amerikanische Juden sind heute an einer Wegkreuzung angelangt: unaufhaltbare Assimilation auf der einen, oder eine Erneuerung unter Wiederentdeckung alter Werte auf der anderen Seite.

Dennoch: Heute geniessen weitaus weniger Kinder eine jüdische Erziehung als ihre Eltern sie noch erhielten. "Jeder ist besorgt über Antisemitismus, aber zu wenige scheinen sich darüber Gedanken zu machen, ob es hier bald noch Juden geben wird, über die man sich Sorgen machen muss", meint Rabbi Steven Burg, Direktor der National Conference of Synagogue Youth.

 

Mehr zum Thema:

Jews in America — Our Story, The Center for Jewish History, New York

www.celebrate350.org

After 350 Years, Still A Lot To Do, Anti Defamation League, New York

The Jewish Communal Register of New York City, 1870-1918

Jewish Education in New York City, 1918


 

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