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Artikel auf Deutsch

 

Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

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TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.

 

Dezember 2004
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

U.S. Präsidentschaftswahl
Bushs neue Nahostpolitik
Spionageaffaire um AIPAC
Der U.S. "Global Anti-Semitism Awareness Act"
Krise innerhalb des World Jewish Congress
Berufung wegen Restgelder des Schweizer Bankenfonds
New Jerseys deftiger politischer Skandal
Masseneinwanderung aus Israel?
Dukes kontroverse palestinänsische-israelische Konferenz
Politischer Boykott der Kirchen gegen Israel
Alon Pinkas wechselt zum AJC
Holocaustmuseum in Terre Haute wiedereröffnet
New Yorks Israelparade langweilt
Ellen Auerbach verstirbt in New York
Orthodoxe Frauen kochen gerne koscher — gegen Bezahlung

 

 

Chanukah 2004 im Weissen Haus

Noch einmal vier Jahre George W. Bush. Was bleibt, was wird sich ändern? Eines ist sicher: Diese Wahl hat der sogenannten "Jewish Vote" ein Ende gesetzt. George W. Bush hat es geschafft, die von jeher demokratisch eingestellte jüdische Wählerschaft zu spalten.

So wie christliche Amerikaner entweder konservativ religiös (republikanisch) oder liberal säkular (demokratisch) wählen, tritt die jüdische Wählerschaft zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht mehr als eine homogene religiöse Wählergruppe an, sondern teilt sich in republikanisch und demokratisch. Die Mehrheit der Juden ist zwar immer noch demokratisch eingestellt, eine wachsende Zahl jedoch — vor allem unter den orthodoxen Juden, die weniger als 10 Prozent ausmachen — identifiziert sich immer stärker mit den Republikanern.

"Bush hat der jüdischen Wahl ein Ende gesetzt", schreibt Peter Beinart in der Washington Post. Und das zum ersten Mal. Denn 2000 wählten die amerikanischen Juden noch — wie seit Jahrzehnten schon — fast geschlossen für einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten, Al Gore, und seinen orthodoxen Vize Joe Lieberman. Dieses Jahr schlossen konservative Juden zum ersten Mal die Reihen mit gleichgesinnten konservativen, christlichen Wählern.

Vor der Wahl wurde spekuliert, dass jüdische Wähler Bushs Israelpolitik anerkennen würden, und viele Demokraten gezwungen seien, für die Republikaner zu stimmen. Man sprach sogar davon, dass Bush die jüdischen Wähler en masse für sich gewinnen könnte. Das Wahlergebnis hat jedoch gezeigt, dass Bush viele orthodoxe Juden für sich einnehmen konnte (da Bushs Mantra über Israels Sicherheit sie ganz besonders angesprochen hat, und sie, wie Bush, für Israels Siedlungspolitik sind); die Mehrheit der amerikanischen Juden hat jedoch weiterhin demokratisch gewählt.

Was bleibt sind zwei polarisierte jüdische Gruppen mit scheinbar unüberbrückbaren Differenzen. Sie sind so tief gespalten, wie auch das ganze Land gespalten ist. Für amerikanische Juden geht jetzt eine politische Ära zu Ende, denn in Amerika gibt es jetzt nur noch zwei politische Kulturen: religiös oder säkular — egal ob christlich oder jüdisch.


*

 

Wie wird sich Bushs zweite, und letzte, Amtsperiode auf die U.S. Nahostaussenpolitik auswirken? Es mag sein, dass sich Bush etwas mehr mit dem Nahost Friedensprozess beschäftigen und seine "Roadmap" vorantreiben wird, aber bahnbrechende Kursänderungen sind nicht zu erwarten, so wie es von einer Kerry Administration erwartet wurde. Bush wird sich hauptsächlich mit Irak und Nordkorea beschäftigen und vielleicht versuchen, die transatlantischen Beziehungen zu reparieren. Aber ihm wird wenig Zeit und Energie bleiben, sich in seinen letzten vier Jahren im Weissen Haus auch noch intensiv mit Israel zu befassen.

Einige Beobachter glauben, dass Bush in seiner zweiten Amtszeit die Samthandschuhe gegenüber Israel abstreifen werde. Er habe jetzt seine letzte Chance im Weissen Haus und müsse nicht mehr um seine Wiederwahl bangen, oder um politische Punkte bei den jüdischen Wählern ringen.

Israelis bergrüssen Bushs Wiederwahl, was immer das über die Zukunft der israelisch-amerikanischen Beziehungen aussagt. Nach einer Umfrage von Yediot Aharonot zu Folge, wünschten sich 56 Prozent der Israelis George W. Bushs Wiederwahl und nur 15 Prozent hätten John Kerry als Präsident bevorzugt. Israel stand damit an zweiter Stelle der wenigen Staaten, die Bush als Präsidenten bevorzugen — nach den Philippinen. Die einzigen anderen Länder, die angaben, Bush Kerry vorzuziehen, waren Nigeria und Polen. Und, so hat sich jetzt gezeigt, Amerika.

*

 

Erst redete man von einer Spionageaffaire; dann wurde es merklich still. Das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), die einflussreiche Lobby der amerikanischen Juden in Washington, wurde im September beschuldigt, es habe einen geheimen Bericht über Irans Atompolitik von einem Mitarbeiter im Pentagon erhalten und an Israel weitergeleitet. AIPAC und die israelische Regierung bestritten die Anschuldigungen vehement, und das FBI investigierte — kam aber zu keinem Ergebnis. Jüdische Organisationen sprachen von einer antisemitischen Schmierkampagne: der 1991 von Bush ernannte FBI Agent, der die Vorwürfe gegen AIPAC untersucht, sei ein Antisemit.

Doch AIPAC nahm Schaden. Die Öffentlichkeit kritisierte die Machtposition der Organisation und die amerikanischen Juden fürchten, böse Zungen sehen sich in ihrem Vorurteil bestätigt, dass die amerikanischen Juden engere Beziehungen zu Israel als zu Amerika unterhielten. Der Skandal kann sich ausserdem negativ auf die israelisch-amerikanischen Beziehungen auswirken und politische Initiativen, die darauf zielen, Irans Atompolitik zu stoppen, behindern.

Die Affaire wirft ausserdem die Frage auf, ob die politische pro-Israel Lobby loyal gegenüber den Vereinigten Staaten bleiben kann. AIPAC setzt sich für eine starke amerikanisch-israelische Allianz ein, vertritt aber gleichzeitig indirekt eine fremde Regierung. Manchmal verwischen so die Grenzen: Martin Indyk, zum Beispiel, war früher ein Mitarbeiter bei AIPAC und wurde später von Präsident Bill Clinton zum U.S. Nahostvermittler ernannt. Nach einer Umfrage der Anti Defamation League zu Folge, glaubt jeder dritte Amerikaner, dass Juden Israel gegenüber loyaler eingestellt sind als Amerika.

AIPAC erklärte in einer Pressemitteilung eifrig: "[Wir] sind eine amerikanische Organisation stolzer, loyaler U.S. Bürger, und wir streben danach, U.S. Interessen durchzusetzen. Wir nehmen unsere Verantwortung als amerikanische Bürger ernst".

War alles doch nur ein Sturm im Wasserglas? Am 29. Oktober fand AIPACs jährlicher nationaler Kongress statt, zudem auch Vertreter der Bush Regierung als Redner eingeladen waren.

Festgenommen wurde bis heute niemand, und AIPAC verkündet: "business as ususal".

*

 

Sei es um politischen Nutzen zu schlagen (und jüdische Wähler zu gewinnen), sei es aus gutem Willen: das State Department, unter Vorsitz von Colin Powell, hat sich nach langem hin und her bereit erklärt, eine Sonderabteilung einzurichten, die sich mit Antisemitismus befassen und regelmässig Berichte abliefern wird.

Der Vorschlag kam von Tom Lantos, einem Demokraten und einzigen Holocaustüberlebendem im Senat, der einen Gesetzesentwurf eingebracht hatte — den "Global Anti-Semitism Awareness Act" — der die Gründung einer gesonderten Abteilung gegen Antisemitismus im State Departments vorsieht.

Eine Mehrheit der Abgeordneten im Senat und im Kongress, Republikaner wie Demokraten, stimmten Anfang Oktober dafür, das "Office to Monitor and Combat Anti-Semitism" ins Leben zu rufen. Ende September rief der Senat eine zweitägige Sondersitzung ein, bei der es um den ansteigenden Antisemitismus in der Welt ging; sieben Senatoren hielten Reden über das Thema und der Senat diskutierte die Befunde ausführlich.

Die Bush Administration hatte anfänglich Bedenken, eine gesonderte Abteilung im State Department einzurichten, da es schon regelmässig über Antisemitismus berichten würde und eine eigene Abteilung als eine Bevorziehung ausgelegt werden könnte. Lantos nannte diese Bedenken absurd: Antisemitismus nehme in der Welt besorgnisserregende Ausmasse an, und die Behauptung, man könne zu viel darüber berichten und dürfe das Problem nicht gesondert angehen, sei unhaltbar. Die neue Abteilung wird jährlich Berichte über antisemitische Vorfälle verfassen und Ausschreitungen in aller Welt überwachen.

Ein separater Gesetzesentwurf, der von zwei Republikanern eingegeben wurde und vom Senat im Mai ratifiziert wurde, verpflichtet das State Department bis zum 15. November einen umfassenden Bericht an den Kongress abzugeben, der den globalen Antisemitismus beleuchtet.


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Es krieselt innerhalb der Führung des World Jewish Congress (WJC). Wie der Forward und die Jewish Week berichten, soll Senior Vice President Isi Leibler ein Memorandum veröffentlicht haben, das vor finanziellen Unregelmässigkeiten innerhalb des WJC warnt. Die Jewish Agency soll einen 1.2 Millionen Dollar hohen Pensionierungsplan für den WJC Vorsitzenden Israel Singer genehmigt haben. Ausserdem soll Singer vom WJC eine jährliche Summe von 165.000 Dollar versprochen worden sein, obwohl Singer letztes Jahr seinen bezahlten Posten innerhalb des WJC verlassen hatte, um als ehrenamtlicher Vorsitzender des WJC zu fungieren. Leibler behauptet, der WJC hätte keine adäquate Kontrolle über die Finanzen, und er ruft zu einer unabhängigen Rechnungsprüfung auf.

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Eine Gruppe jüdischer Institutionen, unter Leitung der "Holocaust Survivors' Foundation (HSF)", ist gegen die Entscheidung eines Richters in Brooklyn in Berufung gegangen, die besagt, dass Restgelder des 1.25 Milliarden Dollar betragenden Schweizer Bankenfonds, die nicht an ihre ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden können, hauptsächlich an Holocaustüberlebende in der ehemaligen Sowjetunion aufgeteilt werden sollten, da diese sie am meisten benötigen würden (Siehe USA Notizen, Hefte 169, 170, 171, 2004).

Vier namenhafte jüdische Sozialhilfen haben sich der Berufung angeschlossen: Die 30 Jahre alte "Association of Jewish Family and Children's Agencies (AJFCA)", die 1939 in New York gegründete "Blue Card", das "NACHAS Health and Family Network", sowie das "Margaret Tietz Nursing and Rehabilitation Center". Die Organisationen meinen, dass die Mehrheit ihrer Klienten bettelarm und abhängig von Sozialhilfe sind, und somit nicht von der Auszahlung der Gelder ausgeschlossen werden dürften.

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Die jüdische Gemeinde in New Jersey ist aufgebracht, nachdem eine Reihe politischer Skandale den kleinen Bundesstaat erschüttert haben. Es geht um einen homosexuellen Politiker, seinen israelischer Liebhaber, einen reichen jüdischen philantropischen Immobilienmakler — und um Erpressung.

Es begann im Juli, als der angesehene Makler Charles Kushner, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde und Spendentreiber von New Jerseys Gouverneur James McGreevey, beschuldigt wurde, seinen Schwager erpresst zu haben. Kurze Zeit später legte McGreevey sein Amt plötzlich nieder und verkündete, er sei homosexuell.

McGreeveys Liebhaber, so fanden die Medien heraus, war ein israelischer Mitarbeiter des Governeurs, der unter mysteriösen Umständen zu einem hohen Posten in McGreeveys Kabinett gekommen war. Der Israeli, Golan Cipel, wird beschuldigt, McGreevey erpresst zu haben, bestritt aber eine Liebschaft mit dem Gouverneur und dass er ihn erpresst habe. Cipel kehrte nach Israel zurück und Kushner, so kam später heraus, hatte Cipel ein Arbeitsvisum besorgt, damit dieser bei McGreevey arbeiten konnte.

Die Medien freuten sich. McGreevey hat Anfang November seinen Posten verlassen, Cipel ist immer noch in Israel (selbst das FBI kann ihn nicht zum Reden bringen), und Kushner wird wegen Steuerhinterziehung und illegaler politischer Spenden im November verurteilt; er kann mit einer Gefängnisstrafe von 18 bis 24 Monaten rechnen.

Das Drama liess die 360.000 starke jüdische Gemeinde in New Jersey verblüfft und beschämt zurück. Kushner, 50, der Sohn von Holocaustüberlebenden, hat über die Jahre immense Summen an jüdische Institutionen und Krankenhäuser gespendet und war einer der einflussreichsten Philanthropen der kleinen Gemeinde. Und man fragt sich jetzt, woher das Geld wohl kam. Kushner war politisch sehr aktiv und hat viele Freunde in hohen politischen, meist demokratischen, Posten (er ist ein Duzfreund Bill Clintons).

Natürlich ist die Gemeinde nicht in Kushners bizarre Geschichte verstrickt; das Politdrama wird aber jetzt zur kollektiven Geschichte der jüdischen Gemeinde in New Jersey gezählt werden. Oft wurde die Gemeinde schon beschuldigt, einen zu grossen politischen Einfluss im Bundesstaat New Jersey zu haben. Böse Zungen sehen jetzt natürlich diese Behauptung bestätigt.

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"Die grosse Auswanderung", nannte es Israels Tageszeitung Yediot Aharonot unlängst. Seit 1971 sind 138.858 Israelis nach Amerika ausgewandert. Alleine im letzten Jahr erhielten 2.038 Israelis die amerikanische Staatsbürgerschaft und rund 15.000 eine Arbeitserlaubnis. Seit Israels Staatsgründung wanderten 138.858 Israelis in die Vereinigten Staaten aus. Diese sogenannten "Jordim" wurden damals von vielen Israelis verpönt und erst seit ein paar Jahren wurde ihnen das Stigma genommen, feige Fahnenflüchtige zu sein.

Amerika war schon immer das Land an dem alles gemessen wurde. Spötter behaupten, Israel wäre der 51. amerikanische Staat. Letztes Jahr besuchten 303.632 Israelis die Vereinigten Staaten. Für die jungen Zabres, die nach dem Armeedienst in die USA fliegen, ist besonders New York ein Anlaufpunkt. New Yorker Umzugsfirmen, Limousinenservices und Schlüsseldienste sind in fester israelischer Hand. Letztes Jahr wurden jedoch 34 Prozent weniger Anträge auf eine Green Card, der unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung, gestellt als 2002. Schätzungen zu Folge lebten 2003 rund eine Million Israelis illegal in den Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich sind es aber viel mehr.

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Im Oktober fand in der Duke Universität in North Carolina eine kontroverse pro-palästinensische Konferenz statt, die für grossen Wirbel sorgte. Fünfhundert Palästinenser waren zur 4. Palästinenserkonferenz zusammengekommen und riefen zum "Ende der Besatzung" und der "Einstaatenlösung" auf. Zu gleicher Zeit fanden Protestdiskussionen und Lesungen statt, die von jüdischen Studenten einberufen worden waren.

Die gespannte Atmosphäre in der Universität bestärkt amerikanische Juden in ihrer Befürchtung, dass viele Universitäten offen gegen Israel und pro-palästinensisch eingestellt sind. Bestätigt wurde dieser Eindruck noch durch den zynischen Artikel eines Studenten, der am 18. Oktober in der Studentenzeitung der Duke Universität The Chronicle unter dem Titel "Die Juden" erschienen war.

In dem Artikel wird die "Holocaustindustrie" angegriffen, und dass die amerikanischen Juden ihre Sonderposition als eine der am meisten privilegierten Minderheiten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft ausnützen würden, ohne sich in ihrer "Machtposition" für andere, ärmere Minderheiten, insbesondere der Afro-Amerikaner, einzusetzen. Juden seien "überrepräsentiert" in der amerikanischen Politik, in den Medien und in akademischen Institutionen. Jeder, der gegen die Konferenz der Palästinenser sei, sei damit auch "gegen die Meinungsfreiheit".

Der Artikel löste eine Welle der Entrüstung aus und wurde heftig diskutiert. Die Meinungsfreiheit machte das möglich.

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Die protestantische Presbyterian Church U.S.A. hat diesen Sommer mit 431 gegen 62 Stimmen entschieden, dass sie nicht mehr in amerikanische Firmen investieren werde, die Geschäfte mit israelischen Firmen eingehen, deren Produkte oder Dienste den Palästinensern in den besetzten Gebieten und im Gazastreifen indirekt, oder direkt, Schaden zufügen könnten. Zu den betroffenen Firmen gehört zum Beispiel die amerikanische Caterpillar Inc., die an Israel unter anderem kugelsichere Panzer liefert. Darüber hinaus haben die Presbyterianer in einer zweiten Resolution den Bau des israelischen Sicherheitszaunes scharf verurteilt.

Jüdische Organisationen sind erstaunt über den drastischen Schritt der Kirche, indirekte Sanktionen gegen Israel zu verhängen; sie befürchten, diese Entscheidung könne wegweisend sein für andere Kirchen. Sie verurteilen den Boykott israelischer Firmen als einseitig und gefährlich. Auch die Anti-Defamation League befürchtet, dass bald andere Kirchen dem Beispiel der Presbyterianer folgen werden.

Der Dialog zwischen den Kirchen und den jüdischen Organisationen in Amerika ist in den letzten Jahren merklich abgekühlt. Die protestantische Kirche in Amerika unterhält enge Beziehungen zu den christlichen Arabern in Israel und ist ihnen politisch zugeneigt. Im September haben sich jetzt Vertreter der Presbyterianer und Mitglieder der grössten jüdischen Organisationen in New York getroffen, um über die Krise in ihren Beziehungen zu diskutieren, und um weitere Boykottmassnahmen zu verhindern.

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Der ehemalige israelische Konsul in New York, Alon Pinkas, wurde im August unerwartet zum Direktor des American Jewish Congress (AJC) ernannt. Pinkas hatte seinen Posten nach drei Jahren Dienst in New York gekündigt, nachdem er sich mit dem israelischen Aussenminister Silvan Shalom zerstritten hatte.

In Israel sieht man den Karrierewechsel eines der höchsten israelischen Diplomaten ungern; ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Israel und der Diaspora sei verletzt worden: Es ist in Israel verpönt, dass ein israelischer Politiker oder Diplomat einen Posten im Ausland annimmt. Israelis sehen darin einen Vertrauensbruch, ja fast Fahnenflucht.

Pinkas ist links eingestellt und befürwortet eine Landabgabe an die Palästinenser. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der AJC jetzt von einem Israeli geleitet. Pinkas ist mediengewandt, fliessend in Englisch und Israels effektivster Sprecher. Er setzt sich für den Friedensprozess mit den Palästinensern ein und wird dafür von seinen Kritikern "Peres' Schosshund" genannt.

"Pinkas ist einer der intelligentesten Akteure in der internationalen Nahostdiplomatie", schreibt der Forward in einem Kommentar. "Unter seiner Führung wird der AJC wieder eine zentrale Rolle einnehmen können. Als ehemaliger Journalist und Experte in der israelischen Diasporapolitik, kennt Pinkas das amerikanische Judentum besser als jeder andere, Israeli oder Amerikaner. Unter ihm wird der AJC seine intelligente, scharfe Stimme für das liberale amerikanische Judentum wiederfinden."

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Das kleine Holocaustmuseum in Terre Haute, im Bundesstaate Indiana, das am 18. November letzten Jahres von einem antisemitischen Brandstifter niedergebrannt wurde (siehe USA Notizen Heft 169, 2003), wird jetzt wieder aufgebaut.

Die Gründerin, Eva Mozes Kor, 69, wurde zusammen mit ihrer inzwischen verstorbenen Zwillingsschwester Miriam von Mengele in Auschwitz misshandelt. Im Jahre 1995 gründete Mozes Kor das kleine C.A.N.D.L.E.S Museum (Akronym für Children of Auschwitz Nazi Deadly Experiments Survivors).

Bis jetzt hat Mozes Kor 300.000 Dollar in Spenden erhalten, und sie wird ihr Museum jetzt auf der gleichen Stelle, um eine der verkohlten Wände des alten Museums, errichten. Spenden kamen aus aller Welt; eine Schulklasse in Terre Haute sammelte rund 25.000 Dollar für den Neubau. Die Brandstifter sind bisher noch nicht gefasst worden. Noch werden 150.000 Dollar benötigt, das Museum soll aber schon im Februar 2005 eingeweiht werden.

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Seit 1964 findet jährlich im Spätsommer die Israelparade entlang der 5th Avenue in New York statt. Jedes Jahr werden verschiedene solcher ethnischen und nationalen Paraden abgehalten — Paraden der Italiener, der Iren, die Steubenparade der deutsch-Amerikaner, Paraden der Inder, der Pakistaner, der Puertoricaner und der Dominikaner. Diese Paraden unterscheiden sich in ihrer Musik und den Kostümen, haben aber eines gemeinsam: sie sind unpolitisch. So auch die Israelparade, obwohl gerade diese als ein politisches Ereignis ins Leben gerufen worden war.

In den letzten Jahren hat das Interesse an der Parade merklich abgenommen, und dass obwohl in New York eine große israelische Gemeinde lebt und hier die grossen amerikanischen, jüdischen Organisationen ihren Hauptsitz haben.

Die Amerikabeilage der israelischen Zeitung Yediot Acharonot hat unlängst in einem längeren Artikel versucht, den Gründen nachzugehen. Selbst die Gegendemonstranten, die jedes Jahr entlang der Paradenroute mit Plakaten gegen Israels Politik aufmarschierten, zogen es diesmal vor, zu Hause zu bleiben. Israelis in New York verwundert der blau-weisse Umzug von jeher, und sie sehen in den Aufzügen ein archaisches, naives, blutleeres Schauspiel, das mit der Realität und dem modernen Israel wenig zu tun habe.

Die erste Israelparade wurde 1964 von der American-Zionist Youth Federation ins Leben gerufen und fand als eine spontane politische Zusammenkunft auf dem Broadway statt, um Solidarität mit Israel zu bekunden. Jahre später wurde der Umzug auf die 5th Avenue verlegt, hatte allen Anschein nach einen immer unpolitischeren Charakter und sollte nur die Verbundenheit und Liebe der New Yorker Juden mit Israel ausdrücken, egal welche Regierung in Israel regiere.

Die meisten Teilnehmer waren Schüler diverser jüdischer Schulen und Yeshivas und nicht-jüdischer Organisationen in New York — wie Vertreter der Feuerwehr und der New Yorker Polizei — sowie jüdischer Organisationen und Vereine (dieses Jahr nahmen 400 Gruppen teil). Israelis nehmen an dem Umzug nicht teil, weil sie keinen eigenen Organisationen angehören sondern in den amerikanischen jüdischen Organisationen integriert sind. Das Zuschaustellen politischer Plakate und Manifeste ist untersagt.

Der aufgezwungene apolitische, amorphe Charakter macht die Parade unglaubwürdig. Und viele Israelis in der Stadt haben das Gefühl, dass die Israelparade nicht ihre Parade sei. Ganz anders in Los Angeles: dort organisieren israelische Gruppen und Organisationen, die in Kalifornien stark vertreten sind, die Umzüge an Israels Unabhängigkeitstag. Die jüdische Stadt New York hat noch viel zu lernen, will sie nicht auch noch die letzten Zuschauer bei den kommenden Paraden verlieren.

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Am 30. Juli verstarb die Avantgarde Bauhausfotografin Ellen Auerbach im Alter von 98 Jahren in New York. Ich habe Ellen vor einigen Jahren in ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung in New York besucht und mich lange mit ihr unterhalten. Sie war eine faszinierende Frau.

Ellen wurde 1906 als Ellen Rosenberg in Karlsruhe geboren, in ein "orthodoxes Elternhaus", wie sie sagte, aber "wir aßen Schinken und Aal". Nach dem Studium der Bildhauerei ging Ellen 1929 nach Berlin und begann dort ihre Fotografieausbildung bei dem Bauhäusler Walter Peterhans. Dort lernte sie Grete Stern kennen, mit der sie bis zum Ende ihres Lebens in Kontakt stand. "Ich habe in Berlin viele Erfahrungen gemacht", erklärte sie mir. "Ich fing da eigentlich an, mein Leben zu leben."

Ellen gründete in Berlin-Steglitz zusammen mit Grete Stern das Fotostudio ringl & pit ("das waren unsere Kosenamen; ich bin pit"), das sich auf Werbefotografie spezialisierte. Dass sie in dieser Zeit das erste von Frauen gegründete Fotostudio betrieb schob sie als beiläufig beiseite. "Wir haben für damalige Verhältnisse sündhaft gelebt, mit verschiedenen 'boyfriends' ", aber die Annahme, sie habe damals schon bewusst fortschrittlich gehandelt, fand sie anmaßend: "Ich habe gelebt, und dabei merkt man die eigenen Schritte nicht. Aber da ich meiner Zeit derartig voraus bin, werde ich immer ausgelacht, und dann kommt man später nachgehinkt. Das ist nichts Besonderes an mir, das ist so, wie ich gebaut bin."

1933 erhalten ringl & pit für die Werbefotografie des Haartöners "Komol" den ersten Preis bei der Deuxième Exposition Internationale de la Fotografie et du Cinéma in Brüssel, und im selben Jahr wanderte Ellen nach Palästina aus, "raus aus dem Land der Konzentrationslager", wie sie sagte. Mit einer Freundin und ihrem zukünftigen Mann, Walter Auerbach, eröffnete sie in Tel Aviv das Studio Ishon [hebräisch: Augapfel] für Kinderfotografie. 1939 ging sie nach London, wo sich inzwischen Grete Stern niedergelassen hatte. In Israel habe sie der Nationalstolz abgestoßen und der Patriotismus, von dem sie doch aus Deutschland geflohen war.

Ellen Auerbachs Eltern wurden in das französische Internierungslager Gurs deportiert, überlebten und kehrten nach dem Krieg nach Karlsruhe zurück. Ihr Bruder konnte 1936 nach Buenos Aires entkommen. Nach kurzem Aufenthalt in London, wo es ihr am besten gefallen habe, "weil ich die Sprache nicht kannte", zog Ellen mit ihrem Mann 1937 nach Philadelphia und 1944 nach New York.

"Der Mensch ist ein enorm zarter, verletzlicher Kopf", sagte sie mir damals bei unserem Gespräch. "Gegen die sehr reale Angst hilft nur die Liebe." Sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, jeden Tag wenigstens einen Menschen zum Lachen zu bringen, und ich bin mir sicher, sie hat das geschafft.

Sie selber lachte wenig. "Unter meinem Pessimismus ist die völlige Überzeugung, dass alles so richtig ist. Ein Teil in mir sagt, dass es gut ist, dass alles so schlecht ist in der Welt, weil es eine Gegenpartei — das Gegenstück zu all dieser Gemeinheit — stärkt. Mit dem Schrecklichen werden die Guten immer stärker."

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Orthodoxe Frauen kochen gerne koscher. Das scheint nicht weiter zu verwundern, doch sie wollen jetzt daran verdienen und haben begonnen, ihre Kochkünste geschickt zu vermarkten. Beim 16. "Kosherfest" — einem Lebensmittelhandelkongress, der jährlich in New York stattfindet — nahmen dieses Jahr besonders viele Frauen teil. Frauen in Perücken, in Kopftüchern, attraktiv frisiert, jung, alt. Rund 20 Prozent der 440 Aussteller waren orthodoxe Geschäftsfrauen, die sich im Lebensmittelgrosshandel selbständig gemacht haben.

Noch vor ein paar Jahren wäre das unmöglich gewesen. Die Frauen finden gar nichts dabei. Es sei normal, dass eine Frau, deren Kinder aus dem Haus sind und die ihr ganzes Leben lang koscher gekocht hat, jetzt damit Geld verdienen und sich ausser Haus beschäftigen möchte. "Lilly", "Carol Ann", "Rosie", "Aunt Gussie", "Steve's Mom" und "My Mother's Delicacies" haben sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Bei einigen fing es damit an, dass Freunden und der Familie der Matzebrei oder der Gefilte Fisch ganz besonders gut schmeckten. Von dahin bis zur Vermarktung, Massenverkauf und Profit war es dann nur noch ein kurzer Weg.

Das New Yorker "Kosherfest" ist besonders beliebt, da es orthodoxen Frauen die Möglichkeit gibt, ihre Waren vorzustellen ohne mit der männlichen Kundschaft und mit Händlern alleine verhandeln zu müssen, wie es bei Geschäftsreisen oft üblich ist. In den orthodoxen Gemeinden war es bisher verpönt, dass Frauen ausserhalb des Hauses arbeiten. "Die Zeiten haben sich geändert", meint Tee Lieberman, Gründerin von "Lilli's Home Style Bake Shop". "Frauen erwachsener Kinder haben Zeit, und sie suchen etwas zu tun."

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