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USA Notizen

 

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Artikel auf Deutsch

 

Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

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TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.

 

September 2004
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Jüdische Gemeinschaft feiert 350 Jahre Bestehen
Streit um Restgelder des Schweizer Bankenfonds
Sind jüdische Wähler noch demokratisch?
Wilde Wahl in Virginia
World War II Memorial in Washington eröffnet
Umstrittene Partnerschaftstadt
Zum 100. Geburtstag Isaac Bashevis Singers
Die Kaballah erobert Hollywood

 

 

350 Jahre Amerikanisches JudentumDie jüdische Gemeinschaft in den USA feiert ihr 350jähriges Bestehen. Die Feierlichkeiten werden ein Jahr andauern. Und das mit gutem Grund. Im Jahre 1654 kamen 23 jüdische Einwanderer aus Recife, Brasilien, nach "New Amsterdam", dem heutigen Manhattan. Amerikanische Juden haben viel Anlass, diesen Jahrestag zu feiern, ist doch das Judentum in relativ kurzer Zeit zur dritt stärksten Religion in den USA aufgestiegen.

Angefangen hatte alles mit der immensen Freiheit, die Zukunft selbst zu gestalten. Die 23 Juden aus Recife fanden in Amerika keine verwurzelten, spezifisch amerikanischen Traditionen vor. Vor 350 Jahren war die Stunde null des Judentums in Amerika, und Juden konnten sich hier leichter von den alten Zwängen der Diaspora befreien.

Jede Generation steuert seither ihre religiösen, kulturellen, politischen und sozialen Nuancen bei, und schon drei Jahrhunderte später können amerikanische Juden heftig über Assimilation, religiöse Freiheit, politische Repräsentanz, Immigration, Emigration und Antisemitismus diskutieren.

Die Feierlichkeiten werden ein ganzes Jahr andauern und umfassen Ausstellungen, Lesungen, Filmreihen und Studienkurse. Eine Internetseite wurde eingerichtet, www.celebrate350.org — der gleichnamigen Organization in New York, die sich um die Festivitäten kümmert — auf der auch eine ausführliche Zeittafel über das jüdische Leben in Amerika in den letzten 350 Jahren zu finden ist. Auch das "Center for Jewish History" in Manhattan — eine Zusammenarbeit der American Jewish Historical Society, der American Sephardi Federation, des Leo Baeck Institute, des Yeshiva University Museum und des YIVO Institute for Jewish Research — hat eine interactive Internetseite eingerichtet: "Jews in America — Our Story" (http://www.jewsinamerica.org/).

Die Veranstalter rufen dazu auf, "die Geschichte neu zu entdecken, über die Gegenwart zu reflektieren und die Zukunft zu planen, die bisherigen Errungenschaften anzuerkennen, die Herausforderungen und Probleme anzusprechen, sowie das amerikanische Judentum und das jüdisches Leben in Amerika zu ehren".

Einen "jüdischen Boom" nennt Professor Jack Wertheimer vom Jewish Theological Seminary das Ausbreiten des emanzipierten Judentums in Amerika im 350. Jahr. Reformierte Synagogen werden gebaut, jüdische Gemeinden wachsen, selbst das christliche Amerika findet alles Jüdische "cool". Aber unter der selbstbewussten Fassade sind sich die amerikanische Juden weiterhin ihrer inneren Verwundbarkeit und Unsicherheit bewusst, was die Gemeinden dazu anspornt, ihre Mitgliederschaft zu erweitern und immer wieder neu — manchmal bis zur grotesken Verwässerung — zu definieren. Herausgekommen ist "eine der pluralistischsten und kreativsten jüdischen Gemeinden der Welt", so Wertheimer.

Und es ist auch eine der freisten und demokratischsten Gemeinden. Doch amerikanische Juden sind heute an einer Wegkreuzung angelangt: unaufhaltbare Assimilation auf der einen, oder eine Erneuerung unter Wiederentdeckung alter Werte auf der anderen Seite.

*

 

Die jüngste Entscheidung Richter Edward Kormans aus Brooklyn (siehe USA Notizen vom Mai), den Grossteil der verbleibenden Gelder aus dem Schweizer Entschädigungsfonds hauptsächlich auf Holocaustüberlebende in der ehemaligen Sowjetunion aufzuteilen, da ihm diese am Bedürftigsten erscheinen, bewegt immer noch sehr die Gemüter der amerikanischen Juden. Die gesamte jüdische Gemeinschaft, inklusive aller jüdischen Organisationen (unter ihnen auch die Claims Conference, sowie 11 der 12 Organisationen, die in der World Jewish Restitution Organization zusammengefasst sind) beklagen die Ungerechtigkeit der Verfügung; ein Ende der Protestbekundungen ist nicht in Sicht. Richter Korman wird in ein paar Monaten seine endgültige Entscheidung über die Verteilung der Gelder treffen, nachdem auch die israelische Regierung ihren kritischen Bericht angesichts der Verfügung abgegeben hat.

"Die Entscheidung über die Verteilung der Gelder sollte etwas mit dem Holocaust zu tun haben", sagte Leon Rechter, Direktor von NAHOS (National Association of Jewish Holocaust Survivors) in seiner Ansprache vor dem Richter. Korman hatte am 29. April eine 11-stündige öffentliche Anhörung einberufen, zu der über 100 offizielle Protestschreiben eingingen und Hunderte von Holocaustüberlebenden aus dem ganzen Land zusammenkamen; jeder Interessierte durfte Korman seine Bedenken vortragen. "Es handelt sich nicht um einen "allgemeinen Hilfsfonds", so Rechter weiter. "Das ist kein "Hilfsfonds für Opfer des Kommunismus" und keine "jüdische Aufbauhilfe im ehemaligem Feindesland". Lasst alle hilfsbedürftigen Holocaustüberlebenden ihren fairen Anteil erhalten, wo immer sie auch leben!"

Schätzungen nach fehlen den amerikanischen jüdischen Hilfsorganisationen rund $30-80 Millionen Dollar, um die Bedürfnisse der armen Holocaustüberlebenden im Lande zu decken. Fünfzehn bis 17 Prozent aller Holocaustüberlebenden in der Welt leben in den USA. Die einzige jüdische Organisation, die sich dem Urteil Kormans angeschlossen hat, ist das American Jewish Joint Distribution Committee. Und sie wird für die Verteilung der Gelder zuständig sein.

*

 

Sind amerikanische Juden automatisch noch Demokraten? Werden sie traditionell auch weiterhin den demokratischen dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten vorziehen? Die "jüdische Wählerschaft" ist bei den Politikern immer mehr gefragt, obwohl sie nur 2.5 Prozent aller Wähler ausmacht, aber innerhalb ihrer Wählergruppe die höchste Wahlbeteiligung unter allen Minderheiten im Land hat.

Dieses Mal könnten es tatsächlich die amerikanischen Juden sein, die die Wahl entscheiden, da diese zu grosser Zahl in den sogenannten "swing states" leben, in denen 78 Prozent der so genannten electoral votes zu holen sind: das könnte in einem so engen Wahlkampf wie diesem das nationale Gesamtwahlergebnis entscheiden, denn um als Präsident zu gewinnen, muss ein Kandidat landesweit die Mehrheit der 212 electoral votes für sich verbuchen können. Swing states wie Florida, Pennsylvania und Ohio (noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurde ein Kandidat, der die Wahl in Ohio verlor, zum Präsidenten gewählt) haben einen grossen jüdischen Bevölkerungsanteil, so auch grosse Bundesstaaten wie Kalifornien und New York, in denen viele electoral votes zu holen sind.

Kein Wunder also, dass jetzt George W. Bush/Dick Cheney und John Kerry/John Edwards ganz besonders Israel freundlich wirken — obwohl sie noch nicht Hora-tanzend und blau-weiss gekleidet im Wahlkampf auftreten. Aber viel mehr dazu fehlt nicht. Kerrys Wahlrekord als Senator im Hinblick auf Israel und Themen, die die amerikanischen Juden besonders angehen, wird jetzt von den Republikanern unter die Lupe genommen. Und inzwischen haben alle auch mitbekommen, dass Kerrys Grosseltern väterlicherseits Juden waren, und dass Kerrys jüngerer Bruder, Cameron Kerry, vor 21 Jahren zum Judentum konvertierte und mit seiner jüdischen Frau Kathy Weinberg John Kerrys Neffen jüdisch erzieht. Na also.

Bush trägt zwar noch keine Kippa, er trifft sich aber in den letzten Wochen immer eifriger mit Vertretern jüdischer Organisationen und der politisch einflussreichen jüdischen Lobby in Washington, der AIPAC (American Israel Public Affairs Committee). Dabei hebt er grinsend seine israelfreundliche Politik sowie seine engen Beziehungen zum israelischen Premierminister Ariel Sharon hervor. Kein Präsident sei je so Israel zugeneigt gewesen, prahlen Bushs Anhänger. Das ist so fast richtig, aber abgesehen von Bushs Israelpolitik gibt es keine weiteren nennenswerten Berührungspunkte zwischen Bushs Innen- und Aussenpolitik und den sozialen Anliegen und politischen Prioritäten der amerikanischen Juden, die schon immer liberal eingestellt waren.

Können diese es sich aber leisten, dem Präsidenten den Rücken zu kehren? Was geschieht dann mit der positiven Israelpolitik, sollte Bush nicht — oder ohne die jüdischen Wahlstimmen — wiedergewählt werden? Die New York Times jedenfalls nannte Bushs Strategie einen "aggressiven Versuch, um jüdische Geldspenden zu buhlen".

Dennoch versucht die Bush-Administration, die Zahl der jüdischen, republikanischen Wähler in dieser Wahl zu verdoppeln. Vor vier Jahren wählten 19 Prozent der jüdischen Wähler für Bush. Nach einer neuen Umfrage zu Folge, sehen sich 50 Prozent der amerikanischen Juden als Demokraten und nur 16 Prozent als Republikaner; 73 Prozent sehen sich als liberal und nur 23 Prozent als konservativ. Dieser Trend ist in den letzten 12 Jahren unverändert geblieben. Nur die wachsenden orthodoxen Gemeinden tendieren zu den Republikanern. Im amerikanischen Kongress sitzen 24 Juden und es gibt 11 jüdische Senatoren und zwei jüdische Gouverneure (Pennsylvania und Hawaii). Aber selbst eingefleischte Gegner Bushs geben zu, dass sie seine Israelpolitik anerkennen, und sie glauben Kerrys Versprechungen hinsichtlich Israel nur zögernd.

Auch U.S. Vizepräsident Dick Cheney schüttelt eifrig jüdische Hände. Verwunderte es da jemanden, als er im Mai eine Rede vor der "Jewish Federation of South Palm Beach" im Staate Florida hielt, wo die grösste Konzentration von jüdischen Wählern in den USA lebt? Cheney wurde als "unser Freund, Israels Freund", vorgestellt, und er betonte in seiner Rede, dass der Krieg mit Irak langfristig auch Israel nützen werde.

Nein, eine Kippa trug er dabei nicht.

*

 

Eine kleine, sonst eher nur am Rande vermerkte Wahl in Virginia, schlug Wellen, die über die Grenzen des kleinen Staates an der Ostküste, südlich von Washington D.C., hinausschwappten.

James P. Moran, 59, demokratischer Vertreter Virginias im Repräsentantenhaus in Washington, stand zur Wiederwahl an und wurde auf dem Höhepunkt seines Wahlkampfes heftig wegen einer angeblich antisemitischen Äusserung angegriffen. Moran habe im März einem engen Mitarbeiter eine antisemitische Verleumdung ins Ohr geraunt, die aber niemand ausser diesem gehört zu haben schien. Moran streitet diese Behauptung vehement ab, obwohl er schon einmal, vor einem Jahr, eine kontroverse Bemerkung gemacht hatte. Moran hatte behauptet, der starke Druck von Seiten der jüdischen Gemeinden habe die Entscheidung, einen Krieg gegen den Irak zu führen, beschleunigt.

Und was hat Moran zu der Anschuldigung zu sagen, er möge keine Juden? "Ist doch dummes Zeug!" wurde er in der New York Times zitiert. "Meine Tochter ist Jüdin. Sie ist übergetreten. Meine Enkelkinder sind Juden. Der Grund für diese Anschuldigungen ist, dass ich nicht immer so gewählt habe, wie es das AIPAC gewollt hat. Ich bin schon oft in meiner Karriere mit Dreck beworfen worden, aber das ist das Schlimmste."

Moran gewann mit 59 Prozent der Wahlstimmen dann doch seine Wiederwahl.

*

 

Im Zweiten Weltkrieg dienten unter den 16 Millionen Amerikanern 550.000 jüdische Soldaten und Soldatinnen in allen Einheiten der amerikanischen Armee. Von den jüdischen Soldaten wurden 40.000 verwundet, 11.000 getötet und 52.000 mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Der Armeedienst, und besonders die Befreiung Deutschlands, war für sie eine besondere Genugtuung aber auch eine grosse Herausforderung. Das Museum of Jewish Heritage in Manhattan zeigt noch bis Ende des Jahres eine Ausstellung unter dem Titel "Ours To Fight For: American Jews in the Second World War", über die Rolle der jüdischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Für die U.S. Veteranen — Juden wie nicht Juden — wurde nun am 29. Mai endlich das lang geplante World War II Memorial in Washington eingeweiht.

Es dauerte 17 Jahre bis das Projekt vollendet wurde. Es wurde um den Stil des Monumentes, den Standort und die Finanzierung debattiert. Es dauerte sechs Jahre bis der Kongress per Gesetzesentwurf den Plan billigte, weitere sieben Jahre, um sich über das Konzept im Klaren zu werden, und es kostete insgesamt $175 Millionen Dollar, es zu realisieren.

Der Schauspieler Tom Hanks wurde zu seinem Sprecher sowie der ehemalige Präsidentschaftskandidat und Kriegsveteran Bob Dole. Jetzt endlich wurde es mit Swing Musik und feierlichen Reden diverser Politiker, unter ihnen George W. Bush und Bill Clinton, bei strahlender Sonne und vor vielen geladenen Veteranen (weniger als ein viertel aller Veteranen des Zweiten Weltkrieges sind noch am Leben) eingeweiht.

Jedoch über die Ästhetik des Monumentes streiten sich die Gemüter. Der österreichische Architekt Friedrich St. Florian konzipierte ein ovales, in den Boden eingelassenes Wasserbecken. An jedem Beckenende stehen zwei, wie Mausoleen anmutende, Türme, mit den Aufschriften "Pazifik" und "Atlantik". An die Türme grenzen zwei Semizirkel steinerner, mit eisernen Kränzen behangener, Stelen, auf denen die Namen aller Bundesstaaten, sämtlicher Militäreinheiten, berühmter Schlachten und Schauplätze eingraviert sind. Neben dem Wasserbecken steht eine Wand mit 4.000 Goldsternen, ein Stern für je 100 amerikanische Soldaten, die im Krieg gefallen sind.

Die Medien reagierten auf das neoklassizistische Monument eher kühl. Und so wurde es auch genannt: unnahbar, mit dem steinernen Pathos faschistischer Architektur. "Mussolini würde es gefallen", schrieb TIME Magazine. Es sei zwar nicht unpatriotisch, lüde aber nicht wie das Vietnam Memorial, das ganz in seiner Nähe steht, zum Reflektieren und Trauern ein, und der jüngeren Generation vermag es die Bedeutung des Zweiten Weltkrieges gar nicht erst zu vermitteln.

"Die Frauen und Männer haben ein Monument verdient, dass ihre Opfer würdigt", schrieb Richard Lacayo in einem beissenden Kommentar im TIME Magazine (3. Mai 2004). "Was haben sie dafür erhalten? Pure Banalität, in Trauer und Glorie verpackt. Das Monument hat nicht die Kraft, zu bewegen. Die Reihe von Stelen? Il Duce würden sie gefallen. Das Monument ist so farblos wie die Architektur des bürokratischen Washingtons. Es weckt keine Gefühle. Denkmäler dürfen nicht lauwarm sein. Der Zweite Weltkrieg fand nicht bei Zimmertemperatur statt. Kann man ihm mit Aufgewärmten gerecht werden?"

*

 

Wenn eine Stadt eine andere zur Partnerschaft einlädt, ist das in den meisten Fällen eine freundliche Geste und wird als etwas Positives angesehen, etwas, das zu einem regen kulturellen Austausch beiträgt. Nicht so in Madison, im Staate Wisconsin. Die politisch links gerichtete 5.000-Einwohner Stadt wollte eine Partnerschaft mit dem palestinänsischen Rafiah, im Gazastreifen, aufnehmen. Dazu kam es aber wegen heftiger Proteste von nicht-Juden und vielen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde (die eine Unterschriftenpetition initiierte), sowie unter antisemitischen Beschimpfungen nicht.

Rafiah sei eine Enklave der Hamas und die Auswahl einer Partnerschaftsstadt dürfe nicht politisiert werden meinten die Kritiker. Befürworter (unter ihnen auch 100 Juden, die in einem offenen Brief das Projekt guthiessen, da Frieden und Gerechtigkeit Grundsätze des Judentums darstellen), meinten dagegen, dass eine Städtepartnerschaft das Gute, Menschliche heraushebe, und die Menschen aus ihrer Isolation befreien könne.

"Zu glauben, dass eine Städtepartnerschaft Einfluss auf Politik und Frieden im Nahen Osten habe könne ist kindisch und naiv", meinte dagegen Steven Morrison, Direktor des Madison Jewish Community Council in einem Artikel in der New York Times. Und Jennifer Loewenstein, Jüdin und Gründerin des "Madison-Rafiah Partnerschaft Projekt" beklagte in derselben Zeitung: "Es ist wohl leichter, eine Partnerstadt mit Bagdad einzugehen, als mit Rafiah".

Die Stadtverwaltung von Madison, die über den Vorschlag zu entscheiden hatte, versuchte zwischen den beiden Seiten zu vermitteln und liess Kritiker und Befürworter zu Worte kommen, um einen Kompromiss auszuhandeln. Sie bot eine zusätzliche Partnerschaft mit einer israelischen Stadt an, um die Gemüter zu beschwichtigen. Der Bürgermeister von Madison zog hingegen seine anfängliche Zustimmung wieder zurück, da ihm die Debatte zu kontrovers wurde.

Nach einer öffentlichen Anhörung am 21. Juli, bei der über 100 Einwohner zu Worte kamen (die Hälfte von ihnen gegen, und die andere Hälfte für das Projekt), stimmte die Stadtverwaltung 9 zu 8 für eine Partnerschaft mit Rafiah. Es hätte jedoch 11 Ja-Stimmen benötigt, um das Projekt zu ratifizieren.

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Ein alter Mann mit Hut und Glatze. Gepunktete Krawatte, tadellos gekleidet. Spazierstock. Nobelpreisträger und sprachgewandter Repräsentant einer zerstörten, für immer verlorenen Welt. So sehen ihn die einen. Die anderen beschimpfen ihn als einen Nestbeschmutzer. Einer, der nicht wusste wovon er schrieb. Ein Betrüger und Scharlatan, in dessen Büchern die Protagonisten mit dem Ostjudentum so wenig zu tun haben wie ein Antisemit mit Toleranz.

Amerika feiert den 100. Geburtstag Isaac Bashevis Singers, dem grossen jiddischen Schriftsteller, der den Amerikanern die Welt der Dybbuks und des Stetls schenkte. Amerika war Singers Wahlheimat, wo er von 1935 bis zu seinem Tode 1982 lebte.

Ein Jahr zum Feiern — und es fliegen die Fetzen. Singer wäre es nur Recht. Wie in seinen vielen Büchern, spiegelt das Wortgefecht doch menschliche Mängel, Eifersüchteleien und alte Missverständnisse wider. Die Kritiker — angeführt von Inna Grade, der Witwe des jiddischen Schriftstellers Chaim Grade, die es Singer nie verzeihen konnte, dass dieser den Nobelpreis erhielt — sehen in Singer einen aufgeblasenen Gotteslästerer, einen Pornografen, einen närrischen Gimpel, der es wagte, jiddische Kultur zu verweltlichen und zu amerikanisieren und daher das postume Tohuwabohu um sein Lebenswerk nicht verdiene. Denn während andere jiddische Schriftsteller in Osteuropa unter Partisanen um ihre Existenz und ihr Leben kämpften oder vergast wurden, sass Singer am Broadway im Anzug und mit steifem Hut und verschlang Bagel mit Lachs, die Hosentaschen angefüllt mit Dollarnoten.

Seine Anhänger wiederum sehen in ihm einen authentischen Vertreter des osteuropäischen Judentums, der den Sieg des Bösen über das Gute und des Grotesken über das Realistische symbolisch verarbeitete, und den jiddischen Weltschmerz an die Weltöffentlichkeit brachte. Er war der Erste, der das Stetl von seiner künstlichen, verschönten Aura befreite, seinem Pathos und Martyrium enthob, und menschliche Unvollkommenheit, jiddische Folklore, Aberglauben, Mystik, Fatalismus, Teufel und Huren und Schlemihls, Liebe und Sexualität, ohne Schönmalerei und mit tiefer Verbundenheit zum Leben erweckte.

"Die jüdischen New Yorker Intellektuellen brachten Singer zur amerikanischen Literatur wie man einen lieben Onkel aus der Alten in die Neue Welt brachte", schreibt Peter Schjeldahl in der Zeitschrift The New Yorker, für das Singer in den 50er Jahren oft schrieb. "Aber der Onkel weigerte sich, sich gut zu benehmen." Und immer mehr verschwamm die Grenze, bis der fremde jiddische Schriftsteller in Amerika ein amerikanischer Schriftsteller, der über Jiddischkeit schrieb, wurde.

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Sie trägt ein rotes Bändchen am Handgelenk, ein Magen David baumelt im tiefen Dekolleté, sie singt, tanzt, legt Tefillin an und springt, sich wiegend wie ein geübter Hassid, über eine mit hebräischen Buchstaben geschmückte Bühne. Sie nennt sich Esther, hört aber auf den Namen Madonna.

Die egozentrische Pop Ikone ist der Kabbala verfallen, der jüdischen Mystik. Wie so viele andere Hollywoodgrössen und Popstars — Demi Moore, Winona Ryder, Mick Jagger und Barbara Streisand (obwohl "richtig" jüdisch), die alle rote Bändchen tragen und sich mit Vorliebe weiss kleiden — hat Madonna das Judentum, oder besser gesagt, das rituelle, bequeme "New Age Judentum mit seiner Pop-Kabbala" (New York Times), für sich entdeckt. Ja, und am Schabbat tritt Madonna nicht mehr auf.

Die Israelis freuen sich. "Esther kommt zu Rosh Hashanna!" verkündete die Tageszeitung Yediot Acharonot vor kurzem in einen fetten Überschrift. Denn Philosemiten gibt es immer weniger in der westlichen Welt. Madonna aber wird eine Gruppe Kabbalisten aus dem "Kabbala Center in Los Angeles" nach Israel begleiten; und Demi Moore plant in Jerusalem in einer kabbalistisch gefärbten Zeremonie zu heiraten.

Besorgte Gemüter in den amerikanischen jüdischen Gemeinden fürchten den wachsenden Einfluss der modernen Kabbala, die zu einem Kult für ihre Anhänger geworden ist. Diese suchen verbissen nach dem ewigen Leben und der immerwährenden Jugend, kaufen teures "heiliges Wasser" in Fläschchen und rote Baumwollbändchen für $30 Dollar das Stück. Doch Madonna ist zufrieden. Sie ist seit Jahren dabei, spendet viel Geld und Zeit, rezitiert Segenssprüche und schreibt nebenbei auch noch ein kabbalistisch angehauchtes Kinderbuch: "Yakov und die sieben Diebe".

Was einige Juden hier mit Schmunzeln, Ärger oder Desinteresse begegnen, sehen andere mit Ironie und Toleranz und als eine gute Werbung für die eigene Sache. "Ich glaube nicht, dass das ein Ausdruck von Liebe zum Judentum ist", meint Samuel Hailman von der City University in New York in einem Artikel in the New York Times. "Aber im Hinblick auf andere Minderheiten im Land, wirken die Juden jetzt plötzlich ganz besonders amerikanisch."

Und Rabbi Ephraim Buchwald, Direktor des National Jewish Outreach Program in Manhattan fügt hinzu: "Die grössten Rabbiner Amerikas versuchen, die Juden davon zu überzeugen, koscher zu essen, und niemand hört zu. Aber wenn Madonna das sagt...." Den Satz braucht er nicht zu vollenden.

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