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USA Notizen

 

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Home Page > Artikel in Deutsch > Notizen aus den USA

TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.


Juni 2012
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Wie jedes Jahr: Hoch die Jüdischen Wähler!
Die Eskapaden von Günter Grass

Das Phänomen der "amerikanischen Juden"
Amerikanische Juden reisen nach Israel
"60 Minutes" wegen Israelreportage kritisiert
Weiterhin Humus im Supermarkt Co-op in Brooklyn!
Synagogenschändung in Chicago
Antisemitismusstudie in Deutschland
Junge Juden in Deutschland
Matza aus...Israel?

 

Wie immer vor Wahlen in den USA, diskutieren die jüdischen Medien (und nicht nur diese), um die sogenannten "jüdischen Wähler." Sind sie immer noch in der Mehrheit demokratisch? Sind sie enttäuscht von Präsident Obama, seiner Nahostpolitik oder seinem Verhalten gegenüber Israel? Werden die Republikaner diesmal mehr jüdische Wahlstimmen erhalten?

Die Antwort ist immer dieselbe: Den "jüdischen Wählern" geht es vorrangig nicht um die Nahostpolitik der US Administration oder um das Verhältnis zur israelischen Regierung, sondern um die Wirtschaftslage im eigenen Land. Aber auch, wie liberal die Kandidaten in sozialen Bereichen sind und wer das soziale Netz ausbauen, oder zu mindestens nicht einreißen will. Obama steht immer noch ganz vorne in den Augen der jüdischen Wähler, denen es um soziale Gerechtigkeit, eine fairere Steuerlast zwischen Arm und Reich, Umweltschutz sowie um persönliche Freiheiten geht, wie Abtreibung und Trennung von Religion und Staat.

Doch diese Hingabe bröckelt. Mehr als 62 Prozent der amerikanischen Juden werden Obama im November wiederwählen — weniger als noch vor vier Jahren, wo 78 Prozent für ihn stimmten — aber immer noch eine Mehrheit.

Republikaner kontern, dass kein US Präsident in der Geschichte je so kritisch gegenüber Israel eingestellt war wie Obama. Doch ein Vergleich zwischen den diversen Präsidenten macht diese Behauptung zunichte. So war es Reagan, der 1981 Israel für den Angriff auf Iraks Atomreaktor damit strafte, dass er eine Lieferung von US Kampfflugzeugen nach Israel stoppte. Und George H. W. Bush sagte 1990 bei einer Pressekonferenz, er widersetze sich der israelischen Siedlungspolitik in der West Bank und in Ostjerusalem und machte dann eine $10 Milliarden US Anleihe an Israel davon abhängig, dass Israel die Siedlungspolitik komplett einstelle. Sein Sohn, George W., von den Republikanern als höchst Israel-freundlich gepriesen, sperrte im Jahre 2003 aus demselben Grund rund $290 Milliarden Finanzhilfe an Israel.

"Die amerikanisch-israelischen Beziehungen hatten in der Vergangenheit viel mehr auszuhalten als jetzt unter Obama", schreibt Yair Rosenberg im Internet Magazin Tablet. "Und Israel hatte noch viel konservativere Regierungen als die unter Benjamin Netanyahu." Das nächste Mal also, wenn jemand sagt, Obama wäre der am "meisten anti-Israel eingestellte US Präsident", denkt an Reagan und die Bushs.

*

 

 

Von den Eskapaden Günter Grass' wurde auch hier berichtet (sie wurden aber kaum in den jüdischen Medien kommentiert). Unter dem Titel "Giftfeder" schrieb D.G. Meyers im Jewish Ideas Daily, "Wenn ein ehemaliger SS Soldat Israel beschuldigt, ein anderes Land auslöschen zu wollen, schweigt das literarische Publikum. Wenn aber Israel diesen Mann im Land als unerwünscht erklärt, regen sich alle auf und schimpfen über Zensur. In Deutschland ist man darüber empört — anderswo, großes Schweigen."

Aber auch viele jüdische Leser und Kommentatoren schimpften über diese Zensur der Israelis: Die Meinungsfreiheit ist für amerikanische Juden unantastbar; man könne eine Meinung angreifen und vehement ablehnen, meinen sie. Diese Meinung dürfe aber nicht mit einem Einreiseverbot in ein demokratisches Land bestraft werden. Eine weitere kulturelle Kluft also zwischen Israel und den USA.

"Es ist nicht so, dass ein Deutscher Israel nicht kritisieren darf", schreibt ADLs Abraham H. Foxman im Forward. "Was hier erschreckt ist [Grass'] nicht existierendes Einfühlungsvermögen in die Israelis, die in ihrer Existenz bedroht sind und entscheiden müssen wie sie, 70 Jahre nach dem Holocaust, jetzt handeln sollen. Das ist für mich die größte Sünde hier, die er verbrochen hat. Man muss mit Israel nicht immer einverstanden sein, man muss aber die speziellen Umstände dieses Landes sehen; dass die Israelis mit einer besonderen Bedrohung leben, und das Deutsche, anders wie andere Völker, diesen Umstand anerkennen müssen. Und zu glauben, dass Israel den Iran auslöschen will, ist antisemitisch."

Doch Grass scheint nur das ausgedrückt zu haben, was Millionen andere Deutsche insgeheim denken, so fürchtet man hier. Und das ist es, was zu denken gebe.

*

 

 

Es gibt immer wieder neue Analysen über das Phänomen der "amerikanischen Juden". Der Economist veröffentlichte im März ein "Klagelied für Amerikas Juden" und kam zu dem Schluss, dass der Zionismus in einer Krise sei. Die amerikanischen sind Juden hin und hergerissen sind zwischen den großen pro-Israel PACs, die sich kritiklos hinter die konservative Regierung Benjamin Netanyahus stellen, und ihren eigenen Ideologien, die eigentlich viel liberaler und kritischer sind. Der Economist beruft sich auf ein Buch von Peter Beinart, "Die Krise des Zionismus" ("The Crisis of Zionism") sowie Beinarts Blog "Open Zion", und fragt, ob die Zukunft der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft als homogene soziale und politische Gruppe gar gefährdet sei.

Beinart ist ein politischer Soziologe und ehemaliger Chefredakteur des liberalen, pro-Israel eingestellten Magazins New Republic. Seiner Ansicht nach müsse Israel im Namen der Demokratie die besetzten Gebiete verlassen, und er ruft die amerikanischen Juden auf, diese Gebiete das "nicht-demokratische Israel" zu nennen und die Siedlungen zu boykottieren. Das helfe denjenigen amerikanischen Juden, die sich von Israels Politik distanzieren aber gleichzeitig das Land unterstützen wollen.

Der New York Times Kolumnist und Nobel Preisträger der Wirtschaftswissenschaften, Paul Krugman, schloss sich der Forderung Beinarts an, und rät zu einem Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen. Für Krugman, einem liberalen Juden, der, wie er sagt, "wie die meisten liberalen Juden nicht viel darüber nachdenkt, welchen Weg Israel einschlägt", ist Israels "engstirnige, nationalistische Politik" eine "graduelle, langsame Form des nationalen Selbstmordes"; und das sei schlecht für Juden überall. "Aber ich habe andere Probleme zu bekämpfen", meint er. "Und sich als Israel Kritiker in die Debatte einzumischen heißt die Gefahr einzugehen, von organisierten Gruppierungen als Antisemit bezeichnet zu werden."

Für Beinart ist Israel "ein moralisch sinkendes Schiff", und er zeichnet ein Dilemma nach, das viele amerikanische Juden kennen: Für sie ist der Liberalismus zum zentralen kollektiven Merkmal ihrer Glaubensgemeinschaft geworden, der immer weniger mit der Politik Israel vereinbart werden kann und immer weniger von den dominanten jüdischen politischen Organisationen vertreten wird. Um in den letzten Jahrzehnten mit diesem Dilemma fertig zu werden, haben "die amerikanischen Juden" die Existenzgefahr des Staates Israel und die Verwundbarkeit der Israelis sowie den Holocaust als neuen Identifizierungspunkt verinnerlicht, um so von ihrem Liberalismus und Pazifismus vorerst ablassen zu können. Jetzt aber, mit zunehmender Stärke Israels (und auch in dem Bewusstsein, dass nicht mehr nur Israel das Land ist, wo Juden sicher aufgehoben sind), müsse sich die amerikanische Gemeinschaft von dem vorgesetzten Weg der jüdischen großen jüdischen Organisationen verabschieden, und für sich entscheiden, welchen ideologischen Weg sie in Zukunft einschlagen will.

Viele wählen dabei den Weg des Antizionismus. Für viele junge Juden spielen die renommierten, bei ihrer Gründung liberal eingestellten Organisationen, (die von ihrer Ideologie Abstand nahmen, um sich weiterhin öffentlich hinter Israel stellen zu können), immer weniger eine Rolle. Sie bevorzugen und unterstützen jetzt andere liberale Gruppierungen, wie die American Civil Liberties Union oder die National Organisation of Women — die nicht jüdisch sind.

Einige jüdische Vertreter, wie der Herausgeber des Forward, J. J. Goldberg, finden die Debatte um Beinart dagegen völlig überzogen und hysterisch. Für Goldberg beweist sie die Zerrissenheit und Panik der konservativen amerikanischen Juden. "Der letzte Anschlag auf Israel ist fünf Jahre her, ein Staat innerhalb eines Staates entsteht, und die Palästinenser gehen zu friedlicheren Protesten über. Sind die Rechten hier [in den USA] in Panikstimmung weil sich die Schlinge zuzieht?"

Beinart wiederum erinnert daran, dass die großen politischen Organisationen, wie AIPAC, von diesem Trend innerhalb der jungen amerikanischen Gemeinschaft nicht wirklich beeinträchtigt würden: Sie werden von wenigen, jedoch gewichtigen Spendern (sowie von den meisten orthodoxen Juden), unterstützt und sind finanziell nicht mehr von der breiten jüdischen Gemeinschaft abhängig.

Der israelische Schriftsteller A. B. Yehoshua scheint die These Beinarts von der Entfremdung der amerikanischen Juden mit Israel zu teilen, sieht aber die Juden in der Diaspora als die Hauptschuldigen. "Wir sind verschieden", sagte Yehoshua in einer Rede. "Amerikanische Juden sollten öfter hierher kommen. Sie lieben Israel, kommen aber nie zu Besuch. Sie sind partielle Juden — während ich ein kompletter Jude bin. Auf keinen Fall sind wir ein und dasselbe. Wir sind Israelis — und Juden. Wir sind komplett."

Soweit zur Völkerverständigung. Doch Yehoshua stützte sich auf falsche Zahlen: Mehr als 45 Prozent der amerikanischen Juden haben Israel, oft mehrmals, besucht. Doch sie verstehen die Israelis deswegen nicht besser. "Wir leben in zwei ganz verschiedenen Kulturen; wir sind vollkommen amerikanisch geworden", schreibt Leonard Fein im Forward. "Und egal wie viele [McDonalds] Israel hat, es liegt nicht in New Jersey sondern im Nahen Osten."

Die schweigende Mehrheit der Juden sieht sich nicht als im Exil lebende, halbwertige Juden. Sie sehen sich nicht als ethnische Gruppe in der Diaspora, mit Heimat in Israel. Judentum ist für sie keine Nationalität, sondern eine Religion mit universellen Werten. Amerikanische Juden sind Amerikaner jüdischer Religion, so wie andere Amerikaner Christen oder Moslems sind. Und viele glauben sogar, dass der Zionismus das Judentum korrumpiert und politisiert hat.

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Wie dem auch sei, amerikanische Juden reisen nach Israel, und bringen dort sogar ihre Kinder zur Welt. Was nicht immer ohne Komplikationen abläuft. So kann ein Kind amerikanischer Eltern, das in Jerusalem zur Welt gekommen ist, immer noch nicht auf seinem US Reisepass, Israel als Geburtsland angeben. Und selbst das Oberste Gericht in Washington kann da nicht helfen.

Ari Zivotofsky, der mit diesem Dilemma um den Pass seines Sohnes Menachem, der in Jerusalem geboren wurde, konfrontiert wurde, hatte nicht mit dem politischen Vakuum gerechtet, das dem zu Grunde liegt. Ari zog sogar bis vor das Oberste Gericht, das jetzt aber urteilte, nicht urteilen zu können — und den Fall wieder einem niedrigeren Gericht übergab, das schon vorher gegen Zivotofskys Anliegen geurteilt hatte.

Worum geht es? Der US Kongress hatte 2002 ein Gesetz verabschiedet, das in Jerusalem geborenen Amerikaner ermöglichte, Israel als ihr Geburtsland auf ihrem Pass und anderen offiziellen Dokumenten anzugeben. Präsident George W. Bush hatte damals das Gesetz zwar unterschrieben, warnte aber, er würde es nicht einhalten können, da es die Autorität des Präsidenten in der US Außenpolitik untermauere. Seitdem hat sich das Innenministerium (State Department) geweigert, das Gesetz anzuerkennen, mit der Begründung, nur der Präsident könne über solch ein prekäres, außenpolitisches Thema, wie den Status Jerusalems, entscheiden. Nächstes Jahr in Jerusalem?

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Das renommierte TV Nachrichtenmagazin "60 Minutes" auf CBS ist für eine Reportage von Bob Simon über christliche Araber in den Besetzten Gebieten und Jerusalem von christlichen und jüdischen Organisationen in den USA scharf kritisiert worden. Der Bericht beschuldigte Israel, christliche Palästinenser im Land zu dilegitimieren und sie mit dem stetigen Anwachsen israelischer Siedlungen aus ihren Ballungsgebieten in Nazareth und Bethlehem zu verdrängen, ohne dass CBS dabei auf die wahren historischen, politischen Gründe für die Abwanderung christlicher Palästinenser einging oder darauf hinwies, dass die einzige christliche Minorität im Nahen Osten, die nicht unterdrückt wird, in Israel lebt. Christliche Palästinenser, so meinen Kritiker der Reportage, leben unter ständiger Angst vor ihren moslemischen Nachbarn und haben deshalb Angst, die Palästinenser selbst für ihre Misere verantwortlich zu machen. Der Fingerzeig auf Israel sei da natürlich viel leichter (und ungefährlicher), und CBS wäre darauf hereingefallen.

Israels Botschafter in Washington, Michael Oren, hatte sich vor der Ausstrahlung der Reportage an CBS gewandt und darauf hingewiesen, wie gefährlich es für Israel sei, einen solchen Bericht auszustrahlen. Bob Simon hinterfragte Orens Kritik in einem daraufhin ausgestrahlten Interview mit ihm, das Teil der Reportage wurde; es sei ihm in seinen langen Jahren als Journalist noch nie vorgekommen, dass jemand vor Ausstrahlung einer Reportage Widerspruch einräumt, schimpfte Simon. Und Oren konterte es gäbe für alles ein erstes Mal.

In der Reportage zeigt Bob Simon wie die Siedlungspolitik Israels und der Schutzwall, den Israel um die Besetzen Gebiete gebaut hat, das Leben der christlichen Araber beeinträchtigt hat. Doch die Ursachen für Israel Politik, egal ob man nun dagegen oder dafür ist, werden nicht erwähnt.


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Ein 1973 gegründeter Supermarkt Coop in Brooklyn darf weiter Humus aus Israel verkaufen. Mit 1.005 zu 653 Stimmen haben die Mitglieder der "Park Slope Food Coop" eine Petition einer kleinen Splittergruppe innerhalb ihrer Organisation zurückgewiesen, ein halbes Dutzend israelischer Produkte in ihrem Supermarkt zu boykottieren, um damit Missbilligung über Israel Siedlungspolitik zum Ausdruck zu bringen.

"Park Slope Food Coop" ist ein von rund 16.300 Mitgliedern getragener, sozial bewusster Markt, der hauptsächlich organische Produkte zu verbilligten Preisen seinen Mitgliedern anbietet, die im Gegenzug Stimmrechte erhalten und sich verpflichten, dort alle vier Wochen eine Arbeitsschicht einzulegen. Der kleine Supermarkt, der auf die Barrikaden ging, machte von sich reden — und mehrere New Yorker Bürgermeister, von Ed Koch bis Michael Bloomberg, mischten mit.

Der Grund für den öffentlichen Aufschrei der Politiker ist vielleicht damit begründet, wo der Coop liegt: Park Slope ist eine gehobene Gegend in Brooklyn. Die meist sozial-bewussten Einwohner dort sind politisch aktiv; ihre Beteiligung in lokalen und nationalen Wahlen ist immer sehr hoch. Und die nächste Wahl kommt bestimmt bald.

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In Chicago ist Ende März eine der ältesten Synagogen geschändet worden. Antisemitische Schmierereien wurden an den Wänden der 140-Jahre alten Anshe Emet Synagoge entdeckt, in der sich auch eine jüdische Schule befindet. Videoaufnahmen von einer Sicherheitskamera zeigen eine Frau, die die Tat in der Nacht begangen hatte. Das American Jewish Committee in Chicago beklagte den Anschlag als eine traurige Erinnerung daran, wie hartnäckig Antisemitismus in den Köpfen vieler Menschen immer noch sei.

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Der Forward berichtete ausführlich über eine vom deutschen Bundestag initiierte Studie über Antisemitismus in Deutschland, mit dem Titel "Antisemitismus in Deutschland — Erscheinungsformen, Bedingungen,
Präventionsansätze"
, die im Januar vorgestellt wurde und zu dem Ergebnis kam, dass 20 Prozent aller Deutschen, also jeder fünfte, "latente" Antisemiten seien. "Latent antisemitische Einstellungen, also Denkmuster, die sich nicht in Straftaten äußern, sind nach Meinung der Experten in Deutschland in erheblichem Umfang bis in die Mitte der Gesellschaft verankert".

Der Forward verweist noch auf eine andere Schlussfolgerung des Berichtes: Studien über den Holocaust an Schulen — die Debatte um eine Gesamtschuld und der besonderen Verantwortung der Nachgeborenen — macht alles nur noch schlimmer. Dan Fleshler schreibt im Forward von einer "Holocaust-Ermüdung" (und eine Studie aus dem Jahre 2008, herausgegeben von der Universität Bielefeld, bestätigt, dass eine Mehrheit der Befragten sich darüber ärgert, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden").

"Kein Volk hat mehr getan als die Deutschen, um Rechtsextremismus und Rassismus zu bekämpfen", schreibt Fleshler. "Doch Deutsche haben eine besondere Obligation, ihre Kinder über den Holocaust aufzuklären, ohne Judenhass zu schüren. Denn obwohl immer mehr Juden in Deutschland leben — sie sind vielen Deutschen fremd."

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Und doch machen immer mehr Nachfahren von Holocaustüberlebenden, ob aus Israel oder den USA, Deutschland zu ihrer Wahlheimat und beantragen einen deutschen Pass. So haben zwischen 2003 und 2010 rund 3.663, meist amerikanische Juden, die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Unter ihnen auch die 83-jährige Dr. Ruth Westheimer, die in Frankfurt geborene Sexual-Therapeutin, die mit einem der letzten Kindertransporte über die Schweiz nach New York fliehen konnte und als einzige von ihrer Familie überlebte. Sie beantragte 2007 ihre deutsche Staatsbürgerschaft. "Hitler wollte nicht, dass ich Kinder kriege. Und jetzt werden diese deutsche Staatsbürger."

Für viele junge amerikanische Juden ist der Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft eine Geste an ihre Eltern oder Großeltern — die in Deutschland geboren wurden, dort lebten, verfolgt wurden, umkamen oder aus Deutschland fliehen konnten. Für die Nachgeborenen ist der Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft ein Weg, wiederzuerhalten, was ihren Angehörigen genommen wurde. Doch manchmal wundert sich Edward Levy, 30, aus Chicago über seine Wahlheimat: "Ich frage mich, was die ältere Generation [in Deutschland] wirklich denken würde, wenn sie wüsste, dass ich Jude bin."

Es sind besonders die Großeltern, mit denen sich die jüngere Generation identifiziert, um mit der Geschichte fertig zu werden. Gerade die dritte Generation der Holocaustüberlebenden ist aktiv mit der Aufarbeitung und Verarbeitung des Holocausts beschäftigt — anders als die erste Generation, die von ihren Eltern wenig über den Holocaust erfahren konnte oder wollte. Für viele Überlebende ist es jetzt leichter, ihre Erinnerungen mit ihren Enkeln zu teilen. Der Zeitabstand ist grösser.

Und die Enkel gründen uneigennützige Organisationen, wie die vor sieben Jahren von dem 35-jährigen Daniel Brooks initiierte 3GNY in New York. Die Gruppe hat über 1.500 Mitglieder, die sich einmal im Monat treffen; sie besuchen Schulen und geben weiter, was sie von ihren Großeltern erfahren haben. Andere tauschen ihre Erfahrungen auf Facebook aus — z.B. auf der Seite Grandchildren of Holocaust Survivors und einer gleichnamigen Facebook Gruppe, beide 2006 von Aaron Biterman, 27, gegründet.

Die Enkel erinnern an die Geschichte ihrer Großeltern. Und auf ihren Facebookseiten steht: "An alle Holocaustverleugner: Redet mit uns! Wir sind wirklich da! Unsere Familien haben gelitten. Wir werden nicht vergessen." Es ist zwar nicht dasselbe, als wenn die Überlebenden selbst reden. Aber die Enkel tragen deren Geschichten in sich. Also auch eine Art Zettelkasten mit Steckbriefen — um Hans Sahl aus seinem Gedicht "Die Letzten" zu zitieren — den jetzt die dritte Generation trägt.


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Pessach ist kaum vorbei und doch muss noch einmal über Matza gesprochen werden. Denn in den USA werden sie immer teurer und mit Billigimporten ersetzt — aus Israel.

Das geht dann doch zu weit, trotz aller amerikanisch-israelischen Verbundenheit. Israelische Firmen drängen die alteingesessenen US Firmen, wie Streit's und Manischewitz, vom Markt. Israelische Matza machten letztes Jahr 40 Prozent des Marktanteils aus (2009: 28 Prozent), und die Kunden kaufen und kaufen, das ganze Jahr lang. In Israel wird Matza nach Pessach kaum verkauft. "Wir essen das Zeug nur an Pessach", erklärt Kobi Afek von der Firma Osem. "Wir haben es hier schwer genug."

Amerikanische nicht-jüdische Firmen haben da keine Chance. Die koscheren Bedingungen sind viel zu aufwendig, kostspielig und kompliziert, um im Matzageschäft mitzumischen. Und die Supermärkte verkaufen die importierte Matza aus Israel zu Schleuderpreisen, weil die Produkte in Israel viel billiger hergestellt werden und sie mit koscheren Produkten jüdische Käufer anlocken wollen.

Firmen wie Streit's, das seit fast 100 Jahren an der Lower East Side in Manhattan mit viel höheren Produktionskosten seinen Teig mischt, haben da kaum eine Chance. Aber sie geben nicht auf und preisen ihre Matza als den "Geschmack der Kindheit" an. Einige Kunden stimmen dem zu. Anderen ist egal, welche Matza sie essen: Es bleibt ihnen eh im Hals stecken.

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