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Artikel auf Deutsch

 

Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

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TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.

 

März 2004
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Antisemitismus in Amerika
Judentum und Christentum im Dialog
Streit um Restgelder des Schweizer Bankenfonds
Sklavenarbeiterfonds angegriffen
Brandanschlag auf Holocaustmuseum in Terre Haute
Lehrstuhl über Holocaust-"Justiz" in New York
Und wieder geht es um Mel Gibsons Passionsspiel
Amerikanisch-israelische Freundschaft
Die jungen, wilden Juden Amerikas

 


ADL Antisemitism ReportsAmerikanische Juden sind sehr besorgt über den aufkeimenden Antisemitismus in Europa. Nach einer Studie des American Jewish Committee (AJC) zufolge, sehen mehr als die Hälfte der amerikanischen Juden—55 Prozent, im Gegensatz zu 41 Prozent im Vorjahr—Antisemitismus in Europa als ein "sehr ernstzunehmendes Problem" an. Jedoch eine noch grössere Zahl, 67 Prozent, glauben, dass Antisemitismus zu einem globalen Phänomen geworden sei und daher in den kommenden Jahren weltweit "sehr stark" zunehmen werde.

Auch in Amerika werden antisemitische Vorfälle, sogenannte "bias crimes" zu einem wachsenden Problem, werden jedoch öffentlich rigoroser angeprangert und unmissverständlich bestraft. Die Anti-Defamation League mit Sitz in New York hat letzten November 24 antisemitische Vorfälle verzeichnet (mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr), das heisst Vandalismus, Hakenkreuzschmierereien und Übergriffe auf Synagogen. Die Vorfälle seien jedoch unbedeutend im Vergleich zu den Ausschreitungen in Frankreich, meint der Executive Director des AJC, David Harris.

Antisemitismus wird auch in den Vereinigten Staaten heftig diskutiert. Angesehene Zeitschriften, wie der U.S. News & World Report und das New York Magazine, haben sich unlängst dem Thema angenommen.
"Das Mythos des Neuen Antisemitismus" lautete die Überschrift eines Leitartikels vom 2. Februar in der linksgerichteten Zeitschrift The Nation. Der Autor, Brian Klug, bestreitet darin, dass es einen "neuen" Antisemitismus gebe und glaubt, dass dieses Wort, zu Unrecht, jeden treffe, der Kritik an Israels Politik nehme. Antizionismus werde mit Antisemitismus gleichgesetzt. "Das ist eine Phobie. Sie erinnert an den militanten Antikommunismus in der McCarthy Ära—die Antisemitismus unter jedem Bett vermutet", beklagt Klug. "Das Argument, Feindlichkeit gegenüber Israel und gegenüber Juden sei ein und dasselbe, hiesse, dass Juden und Israel ein und dasselbe seien....Es wird kein globaler Krieg gegen Juden geführt, ebensowenig wie es eine globale jüdische Verschwörung gibt....Wenn man überall Antisemitismus zu erkennen glaubt, wenn jeder Antizionist ein Antisemit ist, werden wir bald den wahren Antisemitismus nicht mehr erkennen—er wird an Bedeutung verlieren."

Auch die umfassende Titelgeschichte der Dezember Ausgabe des New York Magazine, "Das Neue Gesicht des Antisemitismus" von Craig Horowitz ging der Frage nach, wie Antisemitismus wieder stubenrein geworden ist. Doch Vergleiche mit dem Antisemitismus früherer Generationen sind irrelevant. Es gilt, in die Zukunft zu blicken, den Antisemitismus mit Blick auf die Zukunft zu bekämpfen und, wie der Rechtsanwalt Alan Dershowitz sagt, "Wir müssen uns über das Jahr 2030 Gedanken machen, nicht über das Jahr 1930".

*

 

Antisemitismus auf der einen, Toleranz und Verständigung auf der anderen Seite: Das grösste Treffen zwischen Vertretern der katholischen Kirche und zumeist orthodoxen Anhängern des Judentums, das jemals ausserhalb des Vatikans abgehalten wurde, fand Ende Januar in New York statt. Es wurde vom World Jewish Congress (WJC) organisiert, der damit seine führende Rolle im zwischenreligiösen Dialog wieder aufnahm. Beziehungen zwischen dem WJC und der katholischen Kirche waren in den letzten fünf Jahren angespannt, und mit der Konferenz wird der abgerissene Dialog wieder aufgenommen.

Warum ist eine Verständigung mit der katholischen Kirche so wichtig? "Der Papst ist alt", so der Vorsitzende des WJC, Rabbi Israel Singer, in einem Interview mit dem Forward. "Machen wir uns doch nichts vor: Wer wird seinen Nachfolger wählen? Die Kardinäle, die an unserem Symposium teilnehmen!"

Die Delegation besuchte die Yeshiva Universität sowie "Ground Zero", die Stelle, wo das World Trade Center stand. Es wurde viel diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht, doch scheinen die Kardinäle und ihre Gastgeber noch Welten voneinander entfernt: So fühlten sich die Rabbiner doch etwas befremdet, als die Kardinäle Gott um Vergebung baten für die Sünden der Anführer der Anschläge vom 11. September.

*

 

Heftig wurde schon über den 1.25 Milliarden Dollar hohen Entschädigungsfonds diskutiert, der 1998 mit den Schweizer Banken ausgehandelt wurde. Gelder gingen an ehemalige Kontobesitzer, sowie an Zwangsarbeiter. Rund 600 Millionen Dollar konnten jedoch nicht an ihre ehemaligen Besitzer ausgezahlt werden, und ein Teil dieser Summe, 200 Millionen Dollar, wurde in einem humanitären Fonds zusammengefasst.

Die Gelder sollten unter verarmten Holocaustüberlebenden in der ganzen Welt aufgeteilt werden. Die Auszahlungen richteten sich nach den Bedürfnissen der Überlebenden. Zwei Drittel der Summe ging an Juden in der ehemaligen Sowjetunion, 10 Prozent gingen an Roma und 14 Prozent war für Holocaustüberlebende in den Vereinigten Staaten vorgesehen.

So weit so gut. Doch vier jüdische Vertreter der amerikanischen "Holocaust Survivors' Coalition" mit Sitz in Florida, die für die Verteilung der Gelder an amerikanische Holocaustüberlebende zuständig ist, haben sich jetzt mit den restlichen Mitgliedern der Koalition zerstritten. Die vier sind der Meinung, sowjetische Juden brauchen und bräuchten die Gelder dringender als amerikanische Überlebende. Die Koalition jedoch besteht darauf, dass den amerikanischen Holocaustüberlebenden mehr als nur 14 Prozent des humanitären Fonds zustehe, da rund 25 Prozent von ihnen in bitterer Armut leben (unter ihnen auch 51 Prozent der Juden, die nach 1965 aus der Sowjetunion in die USA einwanderten).

Die Leidtragenden sind die Überlebenden. Wegen der Zwistigkeiten warten sie noch immer auf die Auszahlung ihres Anteils. Sie sehen sich also Opfer einer philanthropischen Pfennigfuchserei; ihre Bedürfnisse würden ignoriert.

121.000 Holocaustüberlebende leben in den Vereinigten Staaten—viele von ihnen haben sich in Florida niedergelassen. In einigen Wochen soll nun Edward Korman, Richter am Zivilgericht in Brooklyn, New York, entscheiden, wie viel Geld an wen gehen soll. Es wird fast unmöglich sein, ein salomonisches Urteil zu fällen.

"Hoffentlich wird [mit dem Urteilsspruch] dieses schamlose Kapitel in der Geschichte abgeschlossen", so hiess es in einem Editorial des Forward am 16. Januar. "Was als ein Kampf um Gerechtigkeit begann—nämlich die Schweiz und andere Länder dazu zu bewegen, Milliarden von gestohlenen Geldern an ihre rechtlichen Besitzer zurückzugeben—ist zu einem Wettkampf ausgeartet, bei dem konkurrierende jüdische Interessenten um ihren Teil rangeln."

Viele Überlebende sind angewiesen auf ihre spärliche Sozialhilfe und die Entschädigungsgelder, die sie aus Deutschland erhalten. So auch Aaron Stern, 85, Überlebender des Warschauer Ghettos. Er lebt in Florida und kann seine eigene Miete nicht mehr bezahlen. Gelder aus dem humanitären Entschädigungsfonds stehen ihm jedoch nicht zu.

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Der 5 Milliarden Dollar umfassende Entschädigungsfonds für Zwangs- und Sklavenarbeiter, der im Jahre 2000 zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ausgehandelt wurde, sollte eigentlich individuelle Klagen gegen deutsche Firmen in der Zukunft ausschliessen.

Aber Simon Rozenkier, 75, aus Staaten Island, New York, will sich nicht an die Vereinbarung halten. Mengeles medizinische Versuche in Auschwitz machten ihn steril. Rozenkier erhielt für seine Qualen insgesamt 8.000 Dollar Entschädigung und hat jetzt gegen Bayer und Schering (damals eine Division von IG Farben), die Drogen und Medikamente nach Auschwitz geliefert hatten, Klage eingereicht.
IG Farben setzte nach Schätzungen 83.000 Sklavenarbeiter ein. "Sie müssen bestraft werden", fordert Rozenkier. Eine weitere Gruppe von ehemaligen Zwangsarbeitern trat im Januar in Berlin an die Öffentlichkeit, und forderte, dass ihnen ein Teil der 2.2 Milliarden Dollar der IG Farben, die in Schweizer Banken aufgetaucht sind, "moralisch zustehe".

Der amerikanische Chefunterhändler Stuart E. Eizenstat, der die Entschädigungen an Zwangsarbeiter mit Deutschland ausgehandelt hatte, meint, Rozenkiers Klage sollte eingestellt werden, denn sie könnte den Entschädigungsvertrag unterminieren und dem Vertrauen zwischen Deutschland und den USA schaden. Ein anderes Abkommen mit Deutschland habe man nicht aushandeln können, so Eizenstat zum Forward, sondern nur "ein Mindestmass an Gerechtigkeit" erreichen können. "Wir wussten, dass wir nicht allen gerecht werden. Aber das Abkommen sei wirkungsvoller als individuelle Klagen, die verjähren oder leicht abgewiesen werden können. Wir haben eine Formel gesucht, um so vielen Überlebenden wie nur möglich ein Mindestmass an Entschädigung zu ermöglichen."

Auch viele Vertreter amerikanischer jüdischer Organisationen stehen nicht hinter Rozenkiers Forderung. Sie haben Angst, eine individuelle Klage könnte Deutschland verärgern und gegebenfalls weitere Entschädigungsverhandlungen zunichte machen.


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Eva Mozes Kor, 69, aus Terre Haute im Bundesstaat Indiana, ist eine starke Frau. Sie und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden von Mengele misshandelt. Miriam starb 1993 an Krebs, und Eva Mozes Kor ist sicher, dass die medizinischen Experimente die Gesundheit ihrer Schwester zerstört hatten. Die gesamte Familie, 117 Menschen, wurde im Holocaust ermordet.

Mozes Kor vergab den Nazis. Und sie sagt, sie wird auch dem Brandstifter vergeben, der am 18. November 2003 ihr Holocaustmuseum niederbrannte. Das kleine Museum, das Mozes Kor 1995 aufgebaut hatte, trägt den Namen C.A.N.D.L.E.S. (Kerzen)—ein Akronym für "Children of Auschwitz-Nazis' Deadly Lab Experiments Survivors". Es wurde völlig zerstört; fast alle Ausstellungsexponate und Memorabilien verkohlten. "Erinnert euch an Timothy McVeigh", schmierte der Täter an die Wände (McVeigh verübte am 19. April 1995 einen Anschlag auf ein öffentliches Gebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen starben. Er wurde am 12. Juni 2001 in Terre Haute hingerichtet).

Der Brandstifter habe nicht erreicht, was er vorhatte, sagte Mozes Korin einem Interview mit der New York Times. "Die Welt hat von unserem kleinen Museum erfahren. Der Täter wollte unsere Botschaft zerstören—aber er hat genau das Gegenteil erreicht". Ein Verdächtigter, ein in der Gegend bekannter Rechtsextremist, wurde bereits festgenommen; er bestreitet jedoch die Tat.

Der Anschlag hat die Stadt erschüttert. Mozes Kor erhielt über 140.000 Dollar, Mahnwachen wurden für sie abgehalten und Kinder organisierten Geldspenden. Sie plant das Museum—es war das einzige Holocaustmuseum im Staate Indiana—noch in diesem Jahr wieder aufzubauen. Vier Architekten haben auf eigene Kosten Baupläne für den Neubau ausgearbeitet, von denen einer von einer Jury ausgewählt werden wird. Hass habe das Museum zerstört, so Mozes Kor, und mit Liebe werde es wieder aufgebaut.

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Die juristische Fakultät der New Yorker Yeshiva University hat eine Schenkung von 2.25 Millionen Dollar erhalten. Das Geld ist Teil eines Entschädigungsfonds, der im August 2002 mit der Investitionsbank J.P. Morgan Chase & Co. sowie 12 weiteren amerikanische Firmen ausgehandelt worden war. Die Firmen wurden beschuldigt, während des Zweiten Weltkrieges Niederlassungen im besetzten Frankreich aufgebaut und Gelder von Juden beschlagnahmt zu haben.

Mit den Geldern der Schenkung hat Yeshiva University jetzt einen neuen Lehrstuhl eingerichtet, das "Center for Holocaust and Human Rights Studies". Hier werden junge angehende Juristen über die "Justiz" unter den Nazis aufgeklärt und darauf vorbereitet, Menschenrechts-
verletzungen frühzeitig zu erkennen und mit juristischen Mitteln zu bekämpfen. Die Studenten sollen lernen, dass es ihre ethische und professionelle Pflicht ist, rechtlichem Missbrauch entgegenzutreten, bevor dieser anderen Menschen schade. Juristen haben aus der Geschichte zu lernen, um nicht die gleichen Fehler zu begehen.

"Selbst in einer Diktatur braucht ein Jurist nicht freiwillig zu marschieren", meint Eric Freedman vom Simon Wiesenthal Center, der erste benannte Professor des neuen Lehrstuhls.

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Und wieder geht es um das Passionsspiel. Wie im letzten USA Tagebuch schon erwähnt, ist Mel Gibsons Kostümdrama, die Verfilmung der Kreuzigung Jesu, heftig kritisiert worden. Doch Vertreter amerikanischer jüdischer Organisationen, die jetzt den Film sehen konnten, sind sich uneinig ob er wirklich antisemitisch ist.

Viele fanden den sehr brutalen Film geschmacklos. Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles war "erschüttert" über den Film. Gibson habe, trotz lauter Proteste, Filmszenen beibehalten, die den Eindruck hinterlassen, Juden wären Schuld an der Kreuzigung Jesu. Der Film könne, so Abraham Foxman, Direktor der Anti Defamation League (ADL) in New York, durchaus Antisemitismus schüren. Die Juden in Gibsons Film haben alle dunkle Bärte und dunkle Augen, verriet Rabbi Hier der New York Times, und "sehen alle aus wie Rasputin".

So schlimm sei es doch gar nicht, meint David Elcott, Direktor für zwischenreligiösen Dialog des American Jewish Committee (AJC). "Der Film wird keine Pogrome auslösen", beschwichtigte er die Leser der Jewish Week in einem Interview. "Das heisst jedoch nicht, dass wir nicht enttäuscht und frustriert sind", fügte er hinzu.

Der Film wird ein Kassenschlager werden, der die Filmtrilogie "Der Herr der Ringe" in den Schatten stellen wird, prophezeit Rabbi Joseph Ehrenkranz, Direktor des Zentrums für Christlich-Jüdische Verständigung in Connecticut. "Das wird Mel Gibsons grösster Hit".

Das AJC hat jetzt eine 47 Seiten umfassende Broschüre mit Richtlinien herausgegeben und organisiert Diskussionsrunden in jüdischen Gemeinden, um so viele Besucher wie möglich auf den Film vorzubereiten.

Die ADL plant keinen Boykott oder öffentlichen Protest. Vielleicht kann Gibsons Passionsspiel dennoch dazu führen, dass Juden und Christen zueinander finden, um miteinander zu diskutieren. "Etwas Besseres könnte uns gar nicht passieren", meint eine Sprecherin der ADL.

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Eine Mehrheit der Amerikaner glauben, dass die amerikanische Regierung auch weiterhin Israel und die jüdische Diaspora unterstützen sollte, so geht aus einer Studie der Anti-Defamation League hervor, selbst wenn dadurch die Gefahr von Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten anstiege. Die amerikanische-israelische Allianz sollte weiterbestehen.

Drei Viertel der Befragten stimmen der Behauptung zu, dass zwischen Israel und den USA ein besonderes Verhältnis bestehe, da beide Länder für Freiheit und Demokratie einstehen. 61 Prozent sehen in Israel einen loyalen Partner. Die Mehrheit der Befragten, 57 Prozent, glauben, die USA haben eine "moralische Pflicht", Antisemitismus weltweit zu bekämpfen und 40 Prozent stimmen der Aussage zu, Antisemitismus habe in der Welt eine der gefährlichsten Stufen seit den 30er Jahren erreicht—was 46 Prozent nicht glauben.


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Die USA Notizen sollen auch hier wieder mit der dritten Generation der selbstbewussten jungen amerikanischen Juden enden, die ihre Religion als Popkultur ansehen und für die Assimilation ein Dorn im Auge geworden ist. Diese alternative Bewegung bereitet sich in den grossen Metropolen immer weiter aus und zieht auch nicht-Juden in ihren Bann.

Nur wenige junge Juden sehen im traditionellen Judentum—sei es konservativ, reform und erst recht orthodox—eine Zukunft. Hipp sein ist "in", sagen sie, jüdisch sein ist "cool". Man kämpft gegen die Assimilation der Eltern und provoziert mit Nasenringen und T-Shirts mit Aufdruck "Jewcy" (juicy ist English für saftig) oder "Shalom Scheisser!"

Die alternative jüdische Szene "klezmert" nicht mehr. Bagels, Jiddisch und Woody Allen-Neurosen sind nicht mehr gefragt. Jüdische Rapmusik und Hip-Hop verdrängen "Hava Nagila", "Heveinu Shalom Aleichem" und andere israelische Volkslieder.

Gefragt sind provozierende jüdische Magazine (wie Heeb, siehe letzte USA Notizen oder die online Publikation Jewsweek), freche Modedesigner und junge jüdische Schriftsteller, die den Philip Roths, Chaim Potoks und Saul Bellows ostentativ den Rücken drehend neue jüdische Literatur produzieren und feixend auf den Bestsellerlisten landen.

Man ist stolz, Jude zu sein. Time Out New York, die New Yorker Bibel über die Kulturszene der Stadt, veröffentlichte unlängst eine Titelgeschichte "The New Super Jews" (Die Neuen Super Juden): "Nebbich ist out—der hinternversohlende Jude ist in". Und richtig, jüdische und nicht jüdische Schauspieler stellen stolze, selbstbewusste Juden dar, die sich nichts vorschreiben und erst recht nicht eine Opferrolle aufdrängen lassen wollen. Die Zeiten haben sich geändert.

Judentum wird in der Literatur, im Film und in der bildenden Kunst nicht mehr als eine Kuriosität beschmunzelt oder als Makel angesehen—das von der Assimilation durchtränkt meist komische persönliche Identitätskrisen heraufbeschwört—sondern als ein Geschenk, das von Juden wie auch nicht-Juden gefeiert werden muss.
Jüdische Komödianten werden wie Rock 'n' Roll Helden gefeiert, junge Juden mit aufgeklebten Schläfenlocken tanzen halbnackt in den Nachtklubs, in denen man sich tagsüber und am Schabbat auch zum "Shmooze" trifft. Jüdische Musikfirmen, wie "Jewish Alternative Music" gewinnen an Einfluss, und das zweitägiges Musik- und Komödienfest "Jewsapalooza" gab an Weihnachten jungen Juden "etwas zu tun".

Amerikanische Fernsehserien reservieren prominente Rollen für Juden und behandeln sehr oft "jüdische" Themen. Kurse über Kabbala und jüdische Mystik sind bei Hollywoodschauspielern beliebt, denen Yoga zu langweilig und die Kirche zu konservativ geworden sind.

Und sogar eine koschere Biersorte von der "Shmaltz Brewing Company" in San Francisco wird vermarktet: "He'Brew" (brew ist Englisch für Gebräu), auch bekannt als "das auserwählte Bier".

 

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