Home Articles in English Articles in German Articles in Hebrew Editorial Services Facebook Page The Media Blog Message Board Links Client Testimonials About Contact Blog-Ed: Opinion Page Who Am I? Home Articles in English Articles in German Articles in Hebrew New York Stories Raoul Wallenberg German-Jewish Dialogue Global Headlines Exchange Ideas Who Am I? Links Contact


USA Notizen

 

2012

Dezember 2012

September 2012

Juni 2012

März 2012

2011

Dezember 2011

September 2011

Juni 2011

März 2011

2010

Dezember 2010

September 2010

Juni 2010

März 2010

2009

Dezember 2009

September 2009

Juni 2009

März 2009

2008

Dezember 2008

September 2008

März 2008

2007

Dezember 2007

September 2007

Juni 2007

März 2007

2006

Dezember 2006

September 2006

Juni 2006

März 2006

2005

Dezember 2005

September 2005

Juni 2005

2004

Dezember 2004

September 2004

Juni 2004

März 2004

2003

Dezember 2003

September 2003

 

Artikel auf Deutsch

 

Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

Home Page > Artikel in Deutsch > Notizen aus den USA

TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.


Juni 2011
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Osama Bin Laden
Quo Vadis Nahohstfriedensprozess?
Fatah und Hamas vereint
Machtwechsel in Ägypten
Goldstone Report widerrufen
J-Street 2.0
Ein neuer Präsident für die Reformbewegung
Jonathan Pollard
Wer Ist Jude in Amerika?

Brauchen US Juden und Israelis einander noch?


Die Überführung und Tötung Osama bin Ladens wurde im ganzen Land mit unbeschreiblicher Genugtuung aufgenommen. Der Sieg über den verhassten Mann wurde mit einer enormen Erleichterung und Befreiung, mit Stolz und national-patriotischem Gusto gefeiert. Die USA habe ihr Wort gehalten, das sie sich und der Welt nach den Anschlägen vom 11. September gab: Den Verursacher zu jagen und unschädlich zu machen. "Long live USA".

Für Präsident Obama ist die kaltblütige und höchst erfolgreiche Aktion des Geheimdienstes — der seit Monaten den Einsatz geplant hatte und der mit der Tötung Bin Ladens durch eine Truppe von Elite Soldaten der US Navy Seals im verschlafenen pakistanischen Kurörtchen Abbottabad endete — ein enormer innenpolitischer Erfolg.

Die Rede zur Nation, die Obama zu später Stunde hielt, war eine Wahlkampfrede: Er, Obama, habe schon zu Beginn seiner Amtszeit seinen Militärstab beauftragt, das Hauptaugenmerk auf die Erfassung Bin Ladens zu lenken (sprich: Bush habe das nicht getan und dafür lieber den Irak angegriffen). Er, Obama, habe die Arbeit des US Sicherheitsdienstes seit letztem August aktiv begleitet; und er, Obama, habe schließlich den höchst risikoreichen Befehl gegeben, den Unterschlupf Bin Ladens mit Bodentruppen (und nicht aus sicherer Entfernung aus der Luft) anzugreifen — ohne Mitwissen Pakistans. Was für ein Krieger, raunt es im Land. Während sich die Kinder noch um die Geburtsurkunde und die Nationalität des Vaters stritten, führte dieser sie zum Sieg über das Böse.

Obama, der von den Republikanern im Wahlkampf 2008 als unerfahren und weich abgetan wurde, schaffte, was selbst Bush und Cheney mit ihren Foltertechniken nicht konnten. Und Obamas Fähigkeit, selbst in den nervenaufreibendsten Krisenmomenten die Ruhe zu bewahren, nimmt den wenigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten jetzt gänzlich den lauen Wind aus den Wahlkampfsegeln. Politische Kommentatoren sprechen sogar schon davon, dass die Tötung Bin Ladens, Obama die Wiederwahl garantiere. Warten wir es ab. Sicher ist, dass der US Präsident mit dieser Aktion in die Geschichte des Landes eingehen wird.

Man ist stolz. Osama bin Laden war ein Symbol des Bösen und der eigenen Verwundbarkeit. Dass die Aktion auf dem Boden eines souveränen Staates, eines Verbündeten (dem man jedoch nicht mehr zu trauen scheint), durchgeführt wurde, ist ganz besonders denen, die den 11. September in New York und Washington hautnah miterlebt haben, gleichgültig. Wer einmal wegen Bin Laden Todesängste ausstand, sieht manches mit anderen Augen.

Die amerikanischen Juden sind wie alle Amerikaner stolz auf ihr Land. Der American Jewish Congress war die erste Organisation, die Stellung nahm. Und dass der Schlag gegen Bin Laden am Holocaustgedenktag durchgeführt wurde, sah man als besonderes Symbol an. Doch ganz besonders unter den amerikanischen Juden wächst jetzt die Sorge, wie sich das Attentat auf ihre eigene Sicherheit und auf die Sicherheit jüdischer Institutionen im Inn- und Ausland auswirken wird, und ob Israel das Ziel einer Gewaltwelle wird. Man erinnert daran, dass Hamas die Militäraktion der Amerikaner aufs Schärfste verurteilt hat. Und Hamas sitzt vielleicht bald — obgleich widerwillig — mit Fatah am anderen Ende des israelisch-palästinensischen Verhandlungstisches.

Dennoch, unter der Überschrift "Stolz und Recht" resümierten die Redakteure des Forward in ihrem ersten Kommentar nach dem Anschlag: "Wir fühlen uns sicherer. Nicht vollständig sicher, aber immerhin."

*

 

Man könnte meinen, die Obama Administration hätte den Nahostfriedensprozess verdrängt. Präsident Barack Obama hatte im September 2010 noch eine Frist von einem Jahr gestellt, bis dahin sollten Israelis und Palästinenser zu einer Einigung kommen. Dieser Versuch scheiterte vorerst. Dann wurde es still.

Wenn die Administration ihren eigenen Zeitplan einhalten will, muss sie jetzt ihre Aufmerksamkeit von Ägypten, Libyen, Afghanistan und dem Irak auf den Nahen Osten verlegen. Ganz besonders jetzt, wo die rivalisierenden politischen Fraktionen der Palästinenser — Hamas im Gazastreifen und Fatah in der West Bank — sich geeinigt haben, eine Übergangsregierung zu gründen und innerhalb eines Jahres gemeinsame Wahlen durchzuführen.

Obama scheint seinen Zeitplan immer noch erreichen zu wollen, obwohl der Einigungsvertrag zwischen Fatah und Hamas seinem Vorhaben Steine in den Weg legen könnte. Anfang April bekräftigte der US Präsident noch, dass die Revolutionswelle, die über Nordafrika hereingeschwappt ist, die Wiederaufnahme der Friedensgespräche zwischen Palästinensern und Israelis noch dringender mache. Aber es wird schwierig werden, dieses Ziel zu erreichen. Hatte doch US Außenministerin Hillary Clinton kurz nach ihrer Ernennung 2009 gesagt, dass eine US Kooperation mit den Palästinensern ausgeschlossen ist, die Hamas miteinschließt.

"Nichts Gutes wird herauskommen solange die USA sich nicht wieder aktiv um die Wiederaufnahme der Gespräche bemüht", schrieb die New York Times in einem Kommentar. "Es liegt bei Obama — in Zusammenarbeit mit Europa, Russland und den Vereinten Nationen -, konkrete Vorschläge auf den Tisch zu legen." Und das bevor die Palästinenser, wie angekündigt, im September unilateral ihren eigenen Staat ausrufen — was Israel und die USA zwar als Theater abtun, was aber die UN voraussichtlich ratifizieren würde (und Israel dann noch mehr isolieren könnte). Sollte die Obama Administration jedoch gegen die Staatsgründung das Veto einlegen, würde auch sie scharf kritisiert werden.

Im März besuchte Robert Gates, als erster US Verteidigungsminister, die West Bank, und bekräftigte die Unterstützung Amerikas für eine zwei Staatenlösung. Doch Obamas Nahostfriedensbeauftragter, George Mitchell, war seit Dezember nicht mehr zu Besuch im Heiligen Land. Gates bekräftigte, dass angesichts der Revolutionswelle in der arabischen Welt jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, eine zwei-Staatenlösung voranzubringen. "Wir hoffen", so die New York Times, "dass auch Obama auf ihn hören wird."

*

 

Mit dem überraschenden Einigungsvertrag zwischen Fatah und Hamas (die letztere eine Organisation, die die US Administration auf die schwarze Liste als Terrororganisationen gesetzt hat), ist die US Regierung jetzt in der unbequemen Position, ihre bisherige finanzielle Unterstützung für die Ausbildung palästinensischer Sicherheitskräfte zu überdenken. Seit 2005 haben die Palästinenser von Amerika 542 Millionen Dollar für den Aufbau und das Training ihrer Sicherheitskräfte in der West Bank erhalten, davon 150 Millionen Dollar alleine in diesem Jahr.

Eine Streichung der Militärunterstützung aus politische Gründen ist nichts Neues: 2006 blockierte der US Kongress die Zahlung von Geldern an den Libanon, als sich die libanesische Armee auf die Seite von Hisbollah stellte, einer Gruppe, die auch auf der US Terrorliste steht.

*

 

Der Machtwechsel in Ägypten wurde von den meisten jüdischen Organisationen positiv, als einen historischen Moment, aufgenommen. Dennoch, "wir warten weitere Schritte erst einmal ab", bekräftigte Nathan J. Diament von der Union der Orthodoxen Jüdischen Organisationen in Amerika. Einige Vertreter jüdischer Organisationen sind dagegen skeptisch, und berufen sich darauf, was nach den Wahlen im Iran und dem Gazastreifen geschah: eine politische Legitimation der politischen Extremisten und eine Eskalation der Gewalt in der Region.

Dass jetzt jedoch die arabische Bevölkerung auf der Straße, und nicht die Staatsoberhäupter (mit denen Israel ein besseres Verhältnis hatte), Einfluss auf die Politik nehmen, sorgt für Beunruhigung. In Ägypten hatte Israel ein stabiles Verhältnis mit dem Mubarak Regime, der Status Quo zwischen beiden Ländern war dagegen bei der breiten Bevölkerung eher verpönt. Obwohl die ägyptische Übergangsregierung des Militärs versichert, die Friedensverträge mit Israel weiterhin anzuerkennen, die Gefahr besteht, dass eine gewählte Regierung dieses nicht so ohne weiteres tun wird.

Ägypten hat darüber hinaus erklärt, dass es sich aktiver in der Region engagieren werde, um die politische Stimmung unter der Bevölkerung zu vertreten und Ägyptens Einfluss in Nordafrika zu stärken, den es mit dem Friedensvertrag mit Israel und dem Bündnis mit den USA 1979 einbüßen musste. Unter Ägyptens Schirmherrschaft wurde dann auch Ende April das geheime Abkommen zwischen Fatah und Hamas ausgehandelt. Ägypten plant darüber hinaus die Blockade zum angrenzenden Gazastreifen aufzuheben sowie die Beziehungen zum Iran zu normalisieren. Nicht nur Israel wartet mit Anspannung auf die politischen Folgen der Post-Mubarak Außenpolitik.

Doch die amerikanischen Juden wissen, dass das Militär in Ägypten nichts unternehmen wird, was die Beziehungen zu Israel richtig gefährden könnte: die 1,3 Milliarden Dollar, die Ägypten von den USA jährlich erhält, würden dann nämlich gestrichen.

Pro-Israel Aktivisten müssen jetzt lernen, im Dialog mit ihren Verhandlungspartnern und Kollegen in der arabischen Welt, die finanziellen Vorteile eines Friedensabkommens mit Israel hervorzuheben, sowie die gemeinsamen demokratischen Freiheitswerte zu betonen. "Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass Israel bald nicht mehr die einzige Demokratie im Nahen Osten' ist", schreibt Nathan Guttman im Forward, "sondern ‚nur' noch ‚die stabilste Demokratie' in der Region."

Und Ägypten wird jetzt vor die Wahl gestellt, zwischen einer etwaigen Konfrontation mit Israel und wirtschaftlichem Wachstum zu wählen. Die meisten Ägypter wissen, dass der Aufstand gegen das Mubarak-Regime wirtschaftliche Gründe hatte und sich gegen die Korruption und Arbeitslosigkeit im Lande richtete; nur 3 Prozent gingen auf die Straße, um gegen Ägyptens Beziehungen zu Israel zu protestieren.

Der Amerikanische Jüdische Kongress (AJC) hatte gute Kontakte zu Mubarak; er wird sich jetzt bemühen, auch mit den neuen Machthabern, auf der Basis gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen, zusammenzuarbeiten. Die amerikanischen Juden sind darüber hinaus bemüht, die Errungenschaften der ägyptischen Revolution zu preisen — ohne vorrangig ihre Sorge über eine etwaige politische Eskalation in der Region zu betonen. Und das wird ihnen nicht leicht fallen.

*

 

Nachdem Richard Goldstone, der Autor des 2009 erschienenen kontroversen U.N. Reportes mit gleichem Namen (in dem Israel neben Hamas beschuldigte wurde, in der Gaza Offensive 2008-2009 wissentlich Kriegsverbrechen begangen zu haben) verkündete, er stehe nicht mehr zu den Befunden, werden Stimmen innerhalb der Obama Administration laut, der Bericht müsse von der U.N. in seiner Gesamtheit widerrufen werden. Der südafrikanische jüdische Richter hatte den Report mitverfasst und im April überraschend in einem Artikel in der Washington Post erklärt, er würde ihn heute so nicht mehr formulieren. Goldstone ist der einzige unter den vier Mitverfassern des Reportes, der seine Meinung geändert hat.

Es ist unklar, warum sich Goldstone von seiner Behauptung, Israel hätte absichtlich palästinensische Zivilisten im Gazastreifen angegriffen, so abrupt distanziert hat; vermutet wird, dass die heftige Kritik gegen ihn — und gegen Israel —, die der Report ausgelöst hatte, sowie ein Treffen mit Vertretern der südafrikanischen jüdischen Gemeinden der Auslöser war. Susan Rice, U.S. Botschafterin bei der U.N. hat jetzt verlangt, dass die Beschuldigungen gegen Israel vollständig zurückgenommen werden müssten.

Unter der Überschrift "Goldstones Neue Töne" kritisierte der Forward "die rücksichtslosen Anschuldigungen gegen Israels Armee und gegen den Staat Israel, die Israel mit Hamas gleichsetzten. Es ist eine Untertreibung zu glauben, mit der Relativierung des Reportes könnte Goldstone seinen guten Ruf wiedererlangen." Trotz allem fordert der Forward Israel auf, die Revidierung Goldstones spreche den Staat nicht davon los, weitere interne Investigationen in der Armee vorzunehmen und publik zu machen. "Israel kann sich eine retroaktive Siegeserklärung nicht leisten."

Der US Senat hat Mitte April den UNO Menschenrechtsrat in einer Resolution aufgerufen, den Goldstone-Report vollständig zurückzunehmen und UNO Generalsekretär Ban-Ki-moon aufgefordert, den Menschenrechtsrat zu reformieren, damit "Israel nicht mehr regelmäßig, unfair und unproportioniert beschuldigt werde, Menschenrechte zu verletzen". Warten wir es ab.

*

 

Die linksgerichtete pro-israelische politische Aktionsgruppe J-Street, die 2008 als eine liberalere Alternative zum American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) in Washington gegründet wurde [Siehe USA Notizen vom Dezember 2006], ist in der letzten Zeit des Antizionismus beschuldigt worden. Sie hat sich jetzt entschlossen, ihre Stimme zu mäßigen (und nicht offen gegen Israels Interessen zu handeln, wie zum Beispiel als sie Obama aufrief kein Veto gegen eine UN Resolution gegen Israels Siedlungspolitik einzulegen). Der Grund für den Sinneswandel: J-Street will Kongressmitglieder und amerikanische Juden, die politisch in der Mitte liegen, nicht verprellen.

AIPAC stellt sich geschlossen hinter jede Regierung Israels. Dagegen wollte J-Street eine weitaus liberalere Position einnehmen, die daraufhin von Kritikern des Öfteren als "antiisraelisch" oder "anti-zionistisch" kritisiert wurde. Die Organisation wurde außerdem beschuldigt, sie würde die jüdische Gemeinschaft zu einer Zeit spalten, in der uneingeschränkte Solidarität mit Israel wichtig sei; und sie hätte Obama bei seinem Amtseintritt in seiner unbeugsamen Position gegenüber Israel im Nahostfriedensprozess bestärkt.

Dennoch, J-Street wird ein Magnet bleiben für die vielen amerikanischen Juden (und deren Zahl wächst), die nicht immer automatisch ihre Loyalität mit Israel bekunden wollen.

*

 

Ein New Yorker Rabbiner, der für seine Offenheit bekannt ist, neue Ideen in seiner Gemeinde durchzusetzen, wird Präsident der Reformbewegung in den USA. Rabbiner Richard Jacobs ist Rabbiner des Westchester Reform Temple in Scarsdale, New York, eine der größten Reformgemeinden Nordamerikas. Er wird ab Juli 2012 die Union of Reform Judaism leiten — die 1,5 Millionen Mitglieder hat, rund 900 Synagogen umfasst und einen Budget von 27 Millionen Dollar verwaltet. Jacobs löst Rabbiner Eric Yoffie nach 16 Jahren ab, der in die Reformbewegung wieder traditionellere Werte einfließen ließ.

Jacobs, 55, war früher Tänzer und Choreograf, und ist für seinen humanitären Einsatz in Darfur bekannt, den Bau einer "grünen", umweltbewussten Synagoge und seinem Bemühen, Familien in den Schabbatgottesdienst einzubeziehen. Synagogen müssen die junge Generation ansprechen, um überleben zu können, so sein Kredo, und sie müssen sich weniger abschotten von denen, die keine Mitglieder sind. Jacobs vertritt darüber hinaus die Meinung, dass das Reformjudentum einen neuen Weg einschlagen muss, "weil die Welt heute eine andere ist als noch vor einigen Jahren. Wir müssen herausfinden wie der nächste Abschnitt für die nordamerikanische jüdische Gemeinschaft aussehen soll."

Die Reformbewegung ist seit 2000, vor dem konservativen Judentum, die größte jüdische Bewegung in Amerika, hat aber in den letzten zwei Jahren angesichts der Finanzkrise stark an Mitgliedern verloren. Die Präsidenten der Reformbewegung sind traditionell viele Jahre im Amt und haben einen enormen Einfluss auf das liberale amerikanische Judentum.

"Jacobs ist ein Modell für einen modernen Reformrabbiner", schreibt Josh Nathan-Kazis im Forward. Er sucht, und findet, immer wieder neue Wege. Seine Ernennung ist eine "weise und mutige Wahl", schreibt der Forward in einem Kommentar. Jacobs "besitzt die richtige Mischung aus intellektuellem Wissen, Charisma und sozialem Fingerspitzengefühl. Und er glaubt, dass Synagogen ihren zentralen Platz in den Gemeinden beibehalten werden — doch sie müssen für Außenstehende attraktiver werden".

Auch das konservative Judentum ist damit beschäftigt, sich neu zu definieren. Bei ihrem Jahrestreffen kamen rund 300 konservative Rabbiner in Las Vegas im März zusammen und diskutierten über die Gründe, warum die Bewegung Mitglieder verliere und welche Richtung sie einschlagen sollte. "Reformrabbiner sprechen positiv über die Reformbewegung, kritisieren aber ihre Gemeinden, während konservative Rabbiner ihre Gemeinden preisen aber das konservative Judentum kritisieren", spöttelte ein Gesandter. Die konservative Bewegung stützt sich auf drei Einrichtungen — dem Jewish Theological Seminary, dem Rabbinic Assembly und der United Synagogue — die über 100 Jahre alt sind und dringend reformiert werden müssen.

*

 

In den letzten Wochen wurden immer mehr Stimmen in Israel und den USA laut, den 1987 wegen Spionage an Israel zu lebenslanger Haft verurteilten Jonathan Pollard zu begnadigen.

Hochrangige demokratische und republikanische US Kongressabgeordnete, sowie frühere Politiker — unter ihnen die ehemaligen US Außenminister Henry Kissinger und George Shultz und der frühere Direktor der CIA James Woolsey — haben Präsident Obama jetzt dazu aufgefordert, eine Begnadigung Pollards in die Wege zu leiten. Unter ihnen sind auch Politiker, die sich bisher vehement gegen eine Freilassung Pollards ausgesprochen hatten.

Im Januar hatte der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu, als erster israelischer Premier, Obama offiziell um eine Begnadigung gebeten, und Präsident Shimon Peres überreichte dem US Präsidenten ein Schreiben von Pollard, in dem dieser um seine Freilassung bat. Bisher wurden alle Begnadigungsgesuche Pollards abgewiesen.

*

 

Die Frage "Wer ist Jude?" ist wieder in aller Munde, seitdem Israel beschlossen hat, dass das orthodoxe Rabbinat für im Ausland orthodox konvertierte Neueinwanderer zuständig ist, und ihnen gegebenenfalls die israelische Staatsbürgerschaft verweigern kann. Bisher war das Innenministerium in Israel für Neueinwanderer zuständig; die neuen Regelungen betreffen besonders Amerikaner, die in den USA in orthodoxen Gemeinden konvertierten, die vom israelischen Rabbinat nicht anerkannt werden.

In den USA wird die neue Regelung als Beweis angesehen, wie sehr sich das israelische orthodoxe Judentum in die Angelegenheiten der Diaspora einmischen will. Schon seit einiger Zeit besteht eine Kluft zwischen der amerikanischen und der israelischen orthodoxen Bewegung. Seit fünf Jahren entscheiden orthodoxe Rabbiner aus Israel welche orthodoxe Gemeinden in den USA Konvertierungen vornehmen dürfen; und sie alleine entscheiden auch, ob ein orthodox Konvertierter in Israel heiraten darf. Doch bisher hatte ausschließlich das israelische Innenministerium das Sagen, wer letztendlich nach Israel einwandern darf, weil die Aliya unter das israelische Zivilgesetz fällt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Vielen amerikanischen Juden wird es schwer gemacht, nach Israel einzuwandern, entweder weil ihr Judentum nicht anerkannt wird (weil sie zu Reformgemeinden gehören) oder weil sie nicht nachweisen können, dass sie orthodox übergetreten sind. Die Kluft zwischen Israel und der Diaspora wächst. "Israel erwartet von den Gemeinden in der Diaspora Unterstützung", empört sich Rabbiner Seth Farber, der zukünftigen Einwandern nach Israel hilft. "Gleichzeitig aber spricht es den Rabbinern die Autorität ab, zu entscheiden, wer zu ihren Gemeinden gehört. Es ist unerhört und unakzeptabel, dass jetzt eine Handvoll von Rabbinern, die nichts von den Gemeinden in der Diaspora verstehen, das letzte Wort haben."

*

 

Brauchen Israelis und amerikanische Juden einander? Oder sind beide Gruppen zu weit voneinander entfernt, um sich zu verstehen? Aaron Hamburger, ein junger amerikanischer Jude, wirft diese Frage in seinem neuen, auf Hebräisch erschienenen, Buch "Shtetl, Bagel, Baseball" auf. Er fordert darin die Israelis auf, mehr über die amerikanischen Juden und ihre Lebensweise zu lernen, bevor sie von ihnen blinde Loyalität verlangen.

Die Zahlen beweisen es. Nur 41% der amerikanischen Juden hat Israel jemals besucht und nur 28% sagen von sich, sie seien Zionisten. Nur 21% der Reformjuden stehen Israel nahe und nur 56% von ihnen behaupten, sie hätten eine starke jüdische Identität. Und je jünger sie werden, desto weniger definieren sich amerikanische Juden als Zionisten oder wollen Israel besuchen. "Israel ist ein schöner Platz", resümiert Hamburger. "Aber nur wenn wir vorhaben, dorthin auszuwandern, ist es unser Land. Wir müssen zwischen dem biblischen und dem modernen Israel unterscheiden."

Anders ausgedrückt: Israel ist schön. Schön ist auch Italien.

Die meisten amerikanischen Juden sehen Aliya nicht als ihr Ziel. Mehr noch: sie denken darüber gar nicht nicht nach. Und das moderne Israel ist für sie nicht das versprochene Land aus der Bibel. Für sie gibt es kein Zentrum des Judentums mit verstreuten peripheren Diasporen. Es gibt aber, nach Ansicht der meisten amerikanischen Juden, mehrere jüdische Zentren, die alle den gleichen Stellenwert haben. Mit seinem Buch möchte Hamburger den Israelis helfen, die amerikanischen Juden besser zu verstehen. Denn diese finden sich mit der Rolle, die "zweite Geige zu spielen" nicht mehr ab.

Hamburger spricht an was vielen amerikanischen Juden langsam schwant: Israelis sind nicht nur unsere Brüder und Schwestern sondern auch unsere unterschwellige Rivalen: um Führungsrollen, um Ansehen und um die große Frage wie die Zukunft aussehen soll. Die amerikanischen jüdischen Organisationen sehen diese Entwicklung mit Sorge.

Und auch politisch entfernen sich Israelis von den amerikanischen Juden: eine Mehrheit der Israelis sieht Präsident Obama immer noch mit größter Skepsis. Eine Mehrheit der amerikanischen Juden wird ihn dagegen nächstes Jahr wiederwählen.

Gary Rosenblatt schreibt in der Jewish Week, dass besonders in jüdischen Schulen die Skepsis der Schüler gegenüber Israel als die Heimat aller Juden wächst. Ein Grund, so Rosenblatt, ist die uneingeschränkte, fast blauäugige Ideologie der Lehrer, die die Schüler von der Zentralität Israels in ihrem Leben überzeugen wollen. Eine Umfrage unter Schülern an 43 amerikanischen jüdischen Oberschulen hat bestätigt, dass eine Mehrheit der Schüler dies ablehne. "Es wäre besser, man zeigte den Schülern diverse Meinungen über Israel, um der Komplexität der Probleme, die das moderne Israel betreffen, gerecht zu werden", schreibt Rosenblatt. "Schüler müssen sich ihre eigene Meinung bilden."

Und die junge Generation, die mit Zionismus und der — durch die Kriege 1976 und 1973 gegen Israel — ausgelöste Existenzangst ihrer Eltern nichts mehr anfangen kann, kann erst mit dem kritischen, ehrlichen Umgang mit dem modernen, facettenreichen Israel ihre Neugierde zurückgewinnen. Ganz besonders wenn sie das Land bereisen und es aus erster Hand mit gleichaltrigen Israelis kennen lernen.

Und dann werden sie vielleicht über Facebook und Twitter mit einander in Kontakt bleiben.

Home Page > Artikel in Deutsch > Notizen aus den USA