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Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

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TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.

 

September 2007
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Bush entdeckt den Nahostfriedensprozess
Waffenlieferungen an Saudi Arabien und Israel
Ronald S. Lauder neuer WJC interim Präsident
Demokratischer Walhkampf
Den amerikanischen Juden geht es nicht nur um Israel
AIPAC im Abseits?
UJA wird 90 Jahre alt
Archiv Bad Arolsen kommt teilweise nach Washington



Bush und Olmert in Annapolis, November 2007

Ganz unerwartet hat die Bush Administration nach sieben langen Jahren der Zurückhaltung verkündet, sie werde sich wieder verstärkt für einen neuen Nahostfriedensplan zwischen Israel und den von Fatah repräsentierten Palästinensern einsetzen. Ein Tag nach dem Treffen zwischen Mahmoud Abbas und Ehud Olmert in Jerusalem, verkündete der zu Hause immer stärker isolierte und kritisierte U.S. Präsident George W. Bush, dass Amerika wieder eine stärkere Rolle in der Friedensvermittlung spielen werde. Und nachdem sich Fatah von Hamas getrennt habe, werde die USA auch wieder Gelder freigegeben, die mit der Wahl der Hamasregierung letztes Jahr eingefroren wurden.

Im Herbst wird die USA, in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, Russland und den Vereinten Nationen, unter Aufsicht Tony Blairs und U.S. Außenministerin Condoleezza Rice, ein Treffen moderater arabischer Staaten (die eine zwei-Staaten-Lösung unterstützen), sowie Israel und den Palästinensern einberufen. Mit "moderaten" Staaten meint Bush natürlich Ägypten und Jordanien. Beobachter sehen diese Beschreibung auch als eine indirekte Aufforderung an Saudi-Arabiens Teilnahme an der Konferenz an.

Die Reaktion der Amerikaner, und insbesondere der amerikanischen Juden, war eher verhalten. Viel Neues gab es in Bushs Vorschlag nicht. Nur wenige glauben, dass Bush in den letzten Monaten seiner Amtszeit — also als so genannter "lame duck", dessen Regierung von Krisen geschüttelt ist und über den der Irakkrieg wie ein Damoklesschwert hängt — bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2009 noch Produktives im Nahen Osten erreichen kann.

Akiva Eldar schrieb einen beißenden Kommentar in Israels renommierter Zeitung Ha'aretz über das lange Schweigen der Amerikaner im Nahostkonflikt. So trage doch die U.S. Regierung selbst, meint Eldar, die Hauptschuld an der festgefahrenen Situation im Nahen Osten: Bush habe 2006 auf palästinensische Wahlen gedrängt (unter Protesten von Olmert und Abbas), bei der Hamas an die Macht kam. Darüber hinaus habe Bush die so genannte road map, also die Drei-Phasen-Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern, kurzerhand ad acta gelegt. "Wer solche Freunde hat…" stichelt Eldar. "Es gibt keinen anderen amerikanischen Präsidenten, der während seiner Amtszeit den Interessen Israel so viel Schaden zugefügt hat, obwohl Bush als der engste Freund Israels angesehen wurde. […] Die zwei-Staaten-Lösung wird auf den nächsten U.S. Präsidenten warten müssen. Warum also die Eile?" (Ha'aretz berichtet auf seiner Webseite ausführlich über die Konferenz).

Die U.S. Administration bekräftigt jedoch, dass erst jetzt "ein opportuner Moment" gekommen sei (mit der Entzweiung Fatah-Hamas und der Annäherung zwischen Olmert und Abbas), um den Nahostfriedensprozess wieder offiziell mit U.S. Hilfe aufzurollen.

Die Bush Administration wird den Palästinensern mehr als $190 Millionen Hilfsgelder zukommen lassen; diese seien jedoch keine neuen Geldversprechungen, meinen Kritiker, sondern vom Kongress schon ratifizierte Auszahlungen, die nach der Wahl von Hamas eingefroren wurden. Bushs Ankündigung, den Palästinensern im Rahmen seiner neuen Friedensinitiative mehr Hilfsgelder zukommen zu lassen sei also "nur ein Schein", schrieb Nathan Guttman im Forward. Der Kongress wird noch in diesem Jahr über die Höhe der Hilfsgelder an die Palästinenser beraten, die 2008 ausgezahlt werden sollen. Die Summe wird jedoch trotz der Bush Initiative nicht erhöht werden, und zukünftige Auszahlungen werden immer noch nicht direkt an die palästinensische Regierung gehen.

Die Anti-Defamation League begrüßte die Initiative Bushs, meinte aber, dass der Zweitpunkt der Konferenz im Herbst zu früh sei, um den Beteiligten genügend Zeit zu geben, sich vorzubereiten. "Wir glauben, es ist besser, wenn alle Seiten ihre Differenzen individuell miteinander absprechen, bevor diese im Rahmen einer internationalen Konferenz ins Lampenlicht gerückt werden".

Robert Satloff, Direktor des Washington Institute for Near East Policy, beklagt ausserdem, dass Bush keine schärferen Worte zur Verurteilung von Hamas fand, angesichts dessen, dass eine "radikale islamistische Gruppe zum ersten Mal im Nahen Osten einen Militärputsch gegen eine sunnitische politische Regierung" unternommen und gewonnen habe. "Die Intensivierung der Nahostfrage und die Konferenz im Herbst sind genau dann geplant, wenn die U.S. Regierung auch über die zukünftigen Strategien im Irakkrieg entscheiden muss. Washington wird nicht nur einen heißen Sommer, sondern auch einen heißen Herbst erleben".

Die New York Times kritisierte das schwarz-weiße Denken der U.S. Regierung. In seiner Rede habe Bush Hamas mit Al-Qaeda und den Taliban gleichgesetzt. Dieses vereinfachte Schreckensbild ist selbst moderaten Palästinensern — die vor einem Jahr zum Teil auch gegen die korrupte Fatah und für Hamas wählten — fremd. Denn der Ausfall mit Hamas sei viel komplexer, als dass man ihn mit der "Achse des Bösen" erklären könne; auch sei Fatah nicht unschuldig an der prekären Situation. Und habe die Bush Regierung mit ihrem Boykott der Hamasregierung nicht auch selbst dazu beigetragen, dass Hamas regierungsunfähig wurde und die Region ins Chaos stürzte?

Palästinensische Kommentatoren beklagten, dass Bush nicht zwischen dem militanten und dem politischen Zweig der Hamas unterscheide, und letzteren nicht in den Friedensprozess einbeziehe. In Israel wurde die Rede Bushs mit Gelassenheit aufgenommen. Und die Jerusalem Post spekulierte, dass viele Israelis die Initiative der Bush Regierung als eine allerletzte Anstrengung ansehen, "um aus ihrer Regierungszeit noch etwas herauszuholen". Viele neue Ideen gäbe es nicht.

"Der Teufel liegt im Detail", hieß es in einem Kommentar in der New Yorker Jewish Week unter der Überschrift "Schon wieder ein U.S. Friedensplan". "Wenig ist neu an dem Plan, und es werden alles nur unbedeutende Gesten bleiben wenn die Beteiligten nicht ernsthafte und andauernde Initiativen ergreifen. […] In Washington weiß man nicht, ob der Aufruf des Präsidenten einem wirklichen Neuanfang gleichkommt, oder wieder ein Trugbild des Fortschrittes einer Administration ist, die mit anderen Krisen beschäftigt ist. Und nur mit der Teilnahme Saudi-Arabiens wird die Herbstkonferenz ein Erfolg werden".

Vielleicht kann der großzügige Waffendeal mit Saudi-Arabien, den die Bush-Administration ein paar Wochen später verkündete, einen Anstoß in diese Richtung geben?


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Dieser Plan, in den nächsten Jahren Waffen im Werte von $20 Milliarden an Saudi-Arabien und andere Golfstaaten sowie Ägypten zu schicken, wurde in den USA mit Sorge aufgenommen. Saudi-Arabien wird zwar als U.S. Verbündeter im Kampf gegen den Terror gepriesen, aber 15 der 19 Täter der Anschläge vom 11. September kamen aus dem Golfstaat. So könnte Saudi-Arabien durchaus in die Hände islamischer Extremisten fallen, und auch die Zahl der Terrororganisationen, die Saudi-Arabien indirekt fördert oder billigt, wächst.

Zwei demokratische Kongressmitglieder aus New York, Anthony Weiner und Jerrold Nadler, sowie Robert Wexler aus Florida, haben angekündigt, im Kongress einen Gesetzesentwurf gegen den Waffendeal mit Saudi-Arabien einzubringen. Der republikanische U.S. Kongressabgeordnete Roy Blunt vermutete, es werde schwer werden für die Bush-Administration, den Waffendeal im Kongress ratifizieren zu lassen.

Die Waffenlieferungen sollen den Golfstaaten helfen, sich gegen die wachsende Bedrohung Irans zu wappnen. Im Gegenzug erhielt auch Israel Versprechungen, Waffen im Werte von rund $30 Milliarden über die nächsten 10 Jahre verteilt zu erhalten; das sind $9.1 Milliarden mehr als in den letzten 10 Jahren, also ein Anstieg von 25 Prozent. Ägypten wird von den USA Militärhilfen in Höhe von $13 Milliarden in den nächsten 10 Jahren erhalten.

"Das Besondere an [dem Waffendeal mit Saudi-Arabien] ist, dass er von einer Administration ausgeht, die sich nicht nur ihrem Ende zuneigt, sondern auch noch regressiv wird", hieß es in einem Kommentar in der Jerusalem Post. "Iran ist der Feind, das heißt aber noch lange nicht, dass Saudi-Arabien ein Freund ist. Muss man Bush wirklich erst erklären, dass man Diktatoren nicht im Kampf gegen Terroristen stärkt — die sie immer noch, fast sechs Jahre nach dem 11. September, unterstützen — wenn man ihnen Waffen in die Hände legt? Der Westen muss von Saudi-Arabien eine aktivere Mitarbeit im Kampf gegen den Terror fordern".

Im Gegensatz dazu stieß der neue Waffendeal mit Israel auf keine Kritik in den USA: Denn noch nie war die amerikanische Öffentlichkeit in den letzten fünf Jahren Israel gegenüber so freundlich eingestellt wie heute. Einer neuen Umfrage zu Folge haben 66 Prozent der Amerikaner eine sehr gute und warme Beziehung zu Israel, und 65 Prozent stehen auf der Seite der Israelis im Nahostkonflikt. Drei-viertel sind gegen eine Auszahlung von Hilfsgeldern an die Palästinenser, solange die Hamasregierung im Gazastreifen Israel nicht anerkennt und ihre Hasstiraden nicht unterbindet. Und acht von zehn Befragten glauben, dass Israel Amerikas engster Verbündeter sei.

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Der World Jewish Congress (WJC) hat einen neuen interim Präsidenten, und es scheint, dass fünf Jahre interner Querelen, Intrigen und Finanzskandale, die mit der Entlassung Israel Singers und dem Rücktritt Edgar Bronfmans im Frühling dieses Jahres ihren Höhepunkt erreichten, vorerst beigelegt sind. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wählte der internationale Vorstand des WJC — der sich aus 77 Vertretern aus sechs Kontinenten zusammensetzt — in einer demokratischen Wahl einen Präsidenten. Mit grosser Mehrheit wurde am 10. Juni Ronald S. Lauder, 63, zum interim Präsidenten ernannt. Lauder ist Erbe des Kosmetikimperiums Estée Lauder; er ist ein ehemaliger U.S. Botschafter in Österreich, Präsident des Jewish National Fund und ein bekannter Philanthrop, der sich für jüdische Belange in Osteuropa einsetzt.

Lauder wurde mit 59 Stimmen gegen 17 Stimmen gewählt. Die Delegierten aus Osteuropa und Amerika wählten einstimmig für ihn, die Delegierten aus Israel stimmten für den Südafrikaner Mendel Kaplan, und die europäischen und lateinamerikanischen Delegierten waren in ihrer Wahl gespalten. "Wir brauchen jemanden, der in der ganzen Welt und in Amerika Türen öffnen kann", sagte die Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. "Lauder kann das".

In zwei Jahren steht Lauders endgültige Wahl zum Vorsitzenden auf vier Jahre an. Bis dahin wird seine Aufgabe nicht leicht zu bewerkstelligen sein, und grosse Erwartungen werden auf ihn gesetzt: Er muss das Vertrauen in die skandalumwitterte Organisation wieder herstellen sowie die Transparenz ihrer Finanzgeschäfte erhöhen. Geldspenden an den WJC sind im ersten Quartal 2007 um 33 Prozent zurückgegangen, und Lauder muss dafür sorgen, dass wieder mehr Gelder in die Kassen fließen. Edgar Bronfman hatte in den Jahren seiner Amtszeit Schätzungen nach rund $2 Millionen jährlich an den WJC gespendet. Ob mit diesen Geldern weiterhin zu rechnen sein wird ist unklar.

Auch muss sich der WJC neue Ziele setzten und in die Zukunft blicken. Bisher hat sich die Organisation mit der Bekämpfung von Antisemitismus und der Hilfe an Holocaustüberlebende befasst, worauf aber schon andere Organisationen — wie die Anti-Defamation League, die Claims Conference, das American Jewish Joint Distribution Committee und das American Jewish Committee — spezialisiert sind.

Der WJC hat begonnen, auch die neue Generation anzusprechen. Die Wahl um den Vorsitz des WJC ermöglichte jetzt zum ersten Mal die Kandidatur einer Vertreterin der jüngeren Generation, der 36-jährigen Israelin Einat Wilf, einem Mitglied in der internationalen jüdischen Organisation KolDor (www.koldor.org), die die politische Mitsprache jüngerer Juden in jüdischen Organisationen sowie in politischen Positionen fördert. KolDor nahm 2005 an den Debatten zur Änderung der WJC Verfassung teil.

Der WJC muss ausserdem versuchen, seine Exklusivität, sowie die Aura eines Clubs "reicher, alter amerikanischer Juden", die noch immer alle internen Entscheidungen alleine treffen, abzustreifen. In den letzten 70 Jahren wurde der WJC von nur zwei starken Männern geleitet: Nahum Goldman und Edgar Bronfman. Ein Bronfman ist jetzt immer noch dabei: Matthew, Edgar Bronfmans Sohn, wird unter interim Präsident Lauder die Position des Vorsitzenden des WJC Vorstandes einnehmen (was den Vater sicher mit Genugtuung erfüllt). Mit Lauder und Matthew Bronfman an der Spitze, "ist der WJC also in den Händen von nicht nur einem, sondern zwei Milliardären", schrieb Larry Cohler-Esses in der Jewish Week.

Lauder hat angekündigt, dass er auch die Conference on Material Claims Against Germany, in der auch der WJC neben 24 anderen jüdischen Gruppen mit zwei Stimmen vertreten ist, reformieren werde. Obwohl tausende von Holocaustüberlebenden in Israel in Armut leben, habe die Claims Conference ein Budget von zwischen $900 Millionen bis $9 Milliarden zur Verfügung, schreibt Gary Rosenblatt in der Jewish Week. Lauder will die Transparenz der Konferenz erhöhen, "weil es niemand sonst tun will". Der Präsident der Claims Conference (und ehemalige WJC Mitarbeiter), Israel Singer, trat schon vor der Wahl Lauders zurück. Der WJC wird in der Zukunft auch verstärkt seine Relevanz in den USA und Israel ausbauen müssen; die Organisation ist heute hauptsächlich in Europa und Lateinamerika tätig.

Die Schwäche des WJC liegt aber auch an der internen amerikanischen politischen Struktur, und das wird auch Lauder nicht ändern können: Amerikanische Juden haben keinen staatlichen Zentralrat, der ihre Belange vertritt, so wie es in anderen Ländern üblich ist. Das liegt an der amerikanischen Verfassung, die es verbietet, dass eine offizielle religiöse Organisation auf Regierungsebene anerkannt wird. Daher gibt es in den USA unzählige kleine, miteinander konkurrierende private Organisationen, die alle eigenständig — und unabhängig voneinander — die Belange ihrer lokalen jüdischen Gemeinden vertreten. Das führt dazu, dass die amerikanischen Juden nicht mit einer autoritären Stimme sprechen können. Der WJC ist zwar legitimer Repräsentant der jüdischen Gemeinden in der Welt — nicht aber der einen Gemeinde, die den grössten Einfluss auf alle anderen Gemeinden hat (und den WJC leitet): der jüdischen Gemeinschaft in Amerika.

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Der Wahlkampf der demokratischen Präsidentschaftskandidaten ist im vollen Gange. Hillary Clinton liegt mit ihren Parteispenden, die sie von Seiten jüdischer demokratischer Wähler erhält, deutlich vorn. Clinton macht Israel und die U.S. Aussenpolitik gegenüber Israel und den gesamten Nahen Osten zu einem zentralen Thema ihrer Wahlkampagne. Ausserdem vertritt die Senatorin seit sechs Jahren New York, den Staat mit dem grössten Anteil jüdischer Wähler; sie steht im ständigen Kontakt mit jüdischen New Yorkern und ist mit deren politischen und sozialen Belangen vertraut.

Alle Kandidaten haben in ihren politischen Karrieren positive Kontakte zu den jüdischen Organisationen gepflegt, was ihnen jetzt wohl zu Gute kommen wird. Wie die Präsidentschaftskandidaten über Israel denken ist für viele jüdische Wähler immer noch ausschlaggebend. Was auch ins Auge gehen kann: Man denke nur daran, dass vor sieben Jahren, George W. Bush als der Israel freundlichste Präsidentschaftskandidat par excellence gepriesen wurde.

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Dass die amerikanischen Juden aber nur an dem Thema Israel interessiert sein sollen (oder sind), stößt bei vielen auch auf Unmut. Der New Yorker "Jewish Funds for Justice" (www.jewishjustice.org/) steht auf dem Standpunkt, dass amerikanische Politiker allzu oft andere wichtige Themen ausklammern, in ihrem Eifer, jüdische Wähler zu gewinnen. Die Organisation setzt sich aus mehr als 20 Gruppierungen (auch jüngerer Juden) zusammen, die sich von den grossen jüdischen Organisationen, wie dem American Jewish Committee, der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations und dem American Israel Public Affairs Committee in Washington (AIPAC) nicht adäquat repräsentiert fühlen.

Der Funds of Justice hat es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, Politiker — und Sprecher jüdischer Organisationen — davon zu überzeugen, sich auch um andere Themen zu kümmern und lokale Probleme anzusprechen, die den jüdischen Wählern genauso am Herzen liegen, wie zum Beispiel Soziales, Wirtschaft, Kultur und Innenpolitik. Politiker machen es sich einfach zu leicht, wenn sie in ihrer Wahlpropaganda und beim Spendeneinsammeln nur für Israel plädieren.

Die Organisation hat Besucher ihrer Webseite dazu aufgerufen, für 10 politische Themen zu stimmen, die für sie am wichtigsten sind. Die Liste soll dann in den politischen Diskurs zwischen jüdischen Wählern und Politikern eingebracht werden. Beim Schreiben dieser Zeilen sind 8.500 Besucher dem Aufruf gefolgt: 87 Prozent gaben das marode Gesundheitssystem in Amerika als das Thema an, über das sie von den Politikern und Präsidentschaftskandidaten mehr hören wollen. An zweiter Stelle: Umweltschutz (84 Prozent). Von Israel keine Rede. Die Frage ist nun, ob sich dieser Trend in den nächsten Jahren auch auf die Arbeit der grossen jüdischen Organisationen auswirken wird.

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Apropos grosser jüdischer Organisationen: Es wird in letzter Zeit immer heftiger diskutiert ob die neokonservative Organisation AIPAC, die in der Mehrheit liberal eingestellten Juden (87 Prozent stehen den Demokraten nahe und 77 Prozent sind gegen den Irakkrieg) noch vertreten solle. Viele amerikanische Juden kritisieren, dass AIPAC einen Einfluss auf die U.S. Nahostpolitik hat. Sie akzeptieren AIPAC als ihr de facto Sprecher nicht mehr. AIPAC vertrete nur diejenigen, die sich auf eine konservative Israelpolitik konzentrieren — und die sind, obwohl wenig und meist älter, immer noch am lautstärksten. Viele AIPAC Befürworter definieren ihr Judentum nicht über jüdische Religion oder Kultur (die ihnen eher fremd sind), sondern über ihre uneingeschränkte, passive Unterstützung Israels; sie sehen das als ein Gegenpol zu ihrer vollkommenen Assimilation an. Und sie glauben, dass sie als in der Diaspora lebende Juden, Israel ihre uneingeschränkte Loyalität und Standfestigkeit schulden.

Yair Sheleg sprach in Ha'aretz unlängst dieses Dilemma an: "Was wiegt schwerer [für die amerikanischen Juden]: Ihre Integration, ihr Status in der allgemeinen Gesellschaft sowie Akzeptanz in der Umgebung — oder die Bewahrung ihrer jüdischen Identität? Es ist an der Zeit zuzugeben, dass dieses Dilemma Spannungen auslösen muss. Und die amerikanischen Juden sind das Paradebeispiel für die Existenz dieser Spannungen".


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Die UJA Federation feierte am 19. Juni ihr 90-jähriges Bestehen. "Viel hat sich in dieser Zeit in der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft getan", schreibt Doug Chandler in der Jewish Week. "Vieles aber ist gleich geblieben. Die Gemeinschaft ist das Wichtigste, und alle Juden sind füreinander verantwortlich". Von den damals 26 Gruppierungen, die die UJA ausmachten, ist noch die Hälfte innerhalb der UJA aktiv. Darüber hinaus gibt es heute 100 neue lokale Gruppierungen, sowie neun nationale und zwei internationale Organisationen in der UJA Federation. Und wurden vor 90 Jahren rund $2.2 Millionen an bedürftige Juden im Inn- und Ausland verteilt, ist die Summe heute auf $145 Millionen im Jahr angestiegen.

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Archiv Bad ArolsenTeile des Internationalen Archivs Bad Arolsen — des grössten Archivs der Welt mit Millionen von geheimen Dokumenten und Daten über den Holocaust und Informationen über rund 19 Millionen Holocaustopfer und Überlebende — werden demnächst nach Washington, in das United States Holocaust Museum, verlagert werden. Zunächst werden im Herbst 13,5 Millionen elektronische Dateien — Zeugnisse und Ablichtungen von Dokumenten und Listen aus den Konzentrationslagern — nach Washington gehen; ein weiterer Teil kommt nach Yad Vashem in Jerusalem. Im nächsten Jahr werden dann Daten über Zwangsarbeiter und danach Dokumentationen aus den DP-Lagern nach Washington verlagert werden. Dort werden die Dokumente für die historische Forschung der Öffentlichkeit zugängig gemacht.

Der genaue Zeitpunkt der Öffnung des Archivs in Washington wird von der Ratifizierung der 1955 unterzeichneten "Bonner Verträge" durch alle elf Mitgliedstaaten abhängen. Bisher haben acht Staaten die Änderungsverträge unterzeichnet. Bis zum Schreiben dieser Zeilen fehlen noch die Unterschriften von Griechenland, Belgien und Frankreich.

Holocaustüberlebende und andere Interessierte an den Dokumenten beanstanden jetzt, dass das Holocaust Museum in Washington keinen uneingeschränkten Zugang zu den Dateien gewähren werde: Nur auf Anfrage werden Museumsarbeiter das Archiv durchsuchen. Holocaustüberlebende können also nicht per Internet oder per Computerdatenbanken an verschiedenen Orten, die Dokumente aus ihrer Vergangenheit selbständig einsehen. Vielen Holocaustüberlebenden wird es beschwerlich sein, per Telefon oder Brief, Anfragen an das Museum zu leiten. Die meisten Überlebenden wohnen in New York, Kalifornien und Florida, und sie sind zu alt und gebrechlich, um nach Washington zu reisen.

Man fordert nun, dass die Daten auch an anderen Stellen im ganzen Land, in Museen, Universitäten, Rathäusern und Büchereien, eingesehen werden können. Darüber hinaus wird argumentiert, dass Informationen und geschichtliche Zusammenhänge manchmal nur dann herausgefiltert werden können, wenn der Betroffene die Daten mit eigenen Augen durchforscht, wenn ihm ermöglicht wird, "zwischen den Zeilen" zu lesen, oder wenn er, zum Beispiel, mehrere Schreibweisen eines Namens ausprobieren kann.

"Fakt ist, dass alle Anfragen an Museumsmitarbeiter weitergeleitet werden müssen und ein unabhängiges Suchen nicht möglich sein wird", beklagt Leo Rechter von der National Association of Jewish Child Holocaust Survivors. "Wir können beim besten Willen nicht verstehen, wie das der ‚schnellstmöglichste Weg' sein soll, dass die Holocaustüberlebenden an die Informationen gelangen. Es geht um unsere ermordeten Familienmitglieder. Das Material ist in erster Linie unser Vermächtnis. Das Museum hat kein Urheberrecht darüber, noch ist es die Erbschaft der Museumsarbeiter. Wir fordern, dass uns die Dokumente direkt zugänglich gemacht werden. Wir haben lange genug auf diese Informationen gewartet. Sie schenken uns Trost".

 

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