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Artikel auf Deutsch

 

Unmenschliche Forschung

Der Aufbau: “Unser Aller Tagebuch”

350 Jahre Amerikanisches Judentum

Israelische Soldaten im Kreuzfeuer

Weimar am Pazifik: Juden in Los Angeles

Das Deutschlandbild in den USA

New York—Das Herz der Welt

Judentum ist mehr als Bagel und Lachs

Sprache als Brücke

Paul Celan Rezensionen

Portrait: Ellen Auerbach

“Der Entschluß zum Attentat war sehr schwer”

Der Fall Wallenberg ist lösbar

In Gedenken an Hans Litten

Die “Kosher Nostra” — Moses der Unterwelt

Berlin: Speers braun ummiefte Protzbauten

 

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TribueneDiese Kolumne erscheint regelmäßig in der Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Meine Kolumne beleuchtet das amerikanische Judentum, sowie deutsch-amerikanische und amerikanisch-israelische Beziehungen. Einzelne Tribüne Ausgaben/Abonnement kann man beim Verlag hier bestellen.

 

September 2003
Notizen aus den USA

Von Tekla Szymanski

Man buhlt um jüdische Stimmen
Ein Jude im Weissen Haus?
Amerikanische Juden und die "road map"
Arm, alt und orthodox in New York
Amerikanische Juden zieht es wieder nach Israel
Enthüllungen um Harry S. Truman
Rechtssprechung zu Crown Heights
Skandal um einen Poeten
Jayson Blair und die jüdischen Leser
Mel Gibsons peinliches Passionsspiel
Yiddisch schwarz auf weiss in Webster's

 


Bush lights Chanukkah candlesWenn in den Vereinigten Staaten gewählt wird, wird auch um die Stimmen der amerikanischen Juden, der "Jewish vote", gebuhlt. Man umgarnt sie, versucht sie für sich zu gewinnen. Politiker besuchen Israel (wie es der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg mit seiner 94-jährigen Mutter Charlotte für Ende des Jahres plant), fahren nach Auschwitz (wie Präsident George W. Bush), oder nehmen sich demonstrativ dem israelischen-palästinensischen Friedensprozess an.

Die Unterstützung von Seiten der jüdischen Wähler ist für amerikanische Politiker besonders wichtig, weil Juden traditionell in höherer Zahl zu den Wahlurnen gehen (obwohl sie nur 2% der Gesamtbevölkerung, jedoch einen grossen Teil der Wähler in so wichtigen Staaten wie Florida, Kalifornien und New York ausmachen). Außerdem spenden Juden grosszügiger für die Kandidaten und Partei ihrer Wahl.

Doch Präsident Bush hat es nicht leicht: Juden, traditionell demokratisch eingestellt, trauen ihm nicht so recht. Bei seiner Wahl im November 2000 erhielt Bush nur 19% der jüdischen Stimmen. Und selbst nachdem seine "approval rate" nach dem 11. September 2001 in der Gesamtbevölkerung anstieg, die jüdischen Wähler blieben skeptisch. Bei der U.S. Administration "wäscht eine Hand die andere", nach dem Motto: "Ich gebe Euch die 'Road Map' und ihr gebt mir Eure Stimme".

Paradoxerweise scheinen jetzt ausgerechnet die liberalen jüdischen Wähler gewillt zu sein, Bush zu unterstützen, da der Präsident sich für eine baldige Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ausgesprochen, einen Palästinenserstaat befürwortet und von Israel Konzessionen verlangt hat. Einige gehen sogar soweit zu behaupten, es wäre undankbar, Bush diesmal nicht zu wählen, sei er doch "ein Freund Israels" und der Israel-freundlichste Präsident überhaupt. Dennoch: Nach einer unabhängigen Ipsos/Cook Studie würden heute 46% der amerikanischen Wahlberechtigten ganz bestimmt für Bush wählen, aber nur 25% der jüdischen Wähler. Und einzigartig unter den weissen Wählergruppen ist, dass über 71% der amerikanischen Juden heute demonstrativ gegen Bush stimmen würden.

*

 

Und wie steht es um den jüdischen demokratischen Präsidentschaftkandidaten Joe Lieberman? Die Wahlkampagnen der zehn Demokraten, die darum ringen, im nächsten Jahr gegen den Präsidenten anzutreten, sind im vollen Gange. Das Lieberman Jude ist macht das eher fade Rennen etwas interessanter: Wird er am Shabbat Hände schütteln und vor Sonnenuntergang zur Podiumsdiskussion erscheinen? Nein, er wird nicht. Der orthodoxe Jude lebt sein Judentum im Rampenlicht. Am Shabbat schüttelt er keine Hände, sondern bleibt zu Hause.

Holocaustüberlebende sind unsicher, ob sie Lieberman wählen sollen, aus Angst, ein jüdischer Präsident könne Antisemitismus schüren. Dagegen sind viele junge Juden stolz, ihn als möglichen ersten jüdischen Präsidenten ins Amt wählen zu können. Andere wiederum sagen die Zeit sei noch nicht reif für einen jüdischen Präsidenten. Lieberman erhält nicht mehr Wahlspenden von amerikanischen Juden als andere demokratische Kandidaten.

Wie dem auch sei, die amerikanischen Wähler werden durch Lieberman in die Geheimnisse der jüdischen Gebote eingeführt. Jano Cabrera, Liebermans Sprecher, der kürzlich in der New York Times zitiert wurde, meinte dazu freudig: "Ich hab' schon eine Menge gelernt. Es gibt Sonnenuntergang und Sonnenuntergang; also, einmal, wenn die Sonne untergeht und einmal, wenn der Shabbat endet. Da gibt es einen Unterschied!"

*

 

Die "road map" ist in aller Munde, aber was denken die amerikanischen Juden über Bushs Initiative? Eine Diskussion ist im Gange ob und wie man auf die amerikanische Politik gegenüber Israel reagieren soll. Viele Amerikanische Juden sind skeptisch gegenüber der neuen Palästinensischen Regierung, besonders nach dem Zusammenbrechen des Oslo Akkords und der erneut aufflammenden Gewaltwelle, aber sie fühlen sich verpflichtet, an der Diskussion teilzunehmen.

Eine neue Organisation, "Brit Tzedek v'Shalom" (Jewish Alliance for Justice and Peace) wurde Anfang des Jahres ins Leben gerufen, und ihre Aufgabe wird es sein, den Dialog innerhalb der jüdischen Organisationen zu fördern. Öffentlich halten sich amerikanische Juden jedoch zurück mit ihrer Kritik: sie würden einer Politik, die Israel befürwortet, nie im Wege stehen. Doch die überwältigende Mehrheit von ihnen favorisiert eine zwei-Staaten-Lösung.

Dann wiederum werden Stimmen laut, es liege jetzt an den amerikanischen Juden auszusprechen, was die Regierung Sharon aus diplomatischen und politischen Gründen nicht ansprechen kann oder will. Martin Raffel, Associate Executive Director des "Jewish Council of Public Affairs", erklärte in diesem Zusammenhang der Jewish Telegraph Agency (JTA): "Vielleicht sind wir idealistischer und weniger pragmatisch eingestellt als die Israelis, da wir nicht täglich dem ausgesetzt sind, was die Israelis erleben". Amerikanische Juden sind pessimistischer als Israelis. "Wir haben Bedenken", so Malcolm Hoenlein, Vice Chairman der "Conference of Presidents" gegenüber der JTA. "[Die road map] scheint uns zu riskant".

Und tatsächlich: Nach einer neuen Studie des American Jewish Committee, glauben 82% der amerikanischen Juden, das Ziel der Palästinenser sei nicht, die besetzten Gebiete zurückzuerhalten, "sondern die Zerstörung Israels". Doch viele Juden sind es leid, dass ihre Religion-auch von Seiten jüdischer Organisationen-immer wieder automatisch mit der amerikanischen Aussenpolitik gegenüber Israel oder mit Israels Friedenspolitik in Zusammenhang gebracht wird. Ganz so, als fülle Israel ein spirituelles, religiöses Vakuum.

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Nach einer neuen Studie der UJA-Federation in New York mit dem Titel "Jewish Community Study of New York", ist die Zahl der Juden im Grossraum New York erstmals in diesem Jahrhundert unter die 1 Millionen Grenze gefallen. "Arm, alt und orthodox", so der Aufbau, seien die New Yorker Juden, deren Zahl seit 1991 um 5% gesunken ist und deren Armutsrate sich verdoppelt hat.

Dennoch, jeder achte New Yorker ist Jude und der jüdische Charakter der Stadt ist unverändert geblieben. Die Zahl der jüdischen Bewohner New Yorks wäre noch mehr gesunken, wären in den letzten Jahren nicht 186.000 russische Juden nach New York übergesiedelt. 202.000 Russische Juden leben heute in der Stadt. Der Grossteil von ihnen wohnt in Brooklyn, im sogenannten "Little Odessa" bei Brighton Beach, und 91% von ihnen sind arm.

Unter der jüdischen Gesamtbevölkerung in New York lebt jeder fünfte Jude in Armut (21.2%), und der Anteil der orthodoxen Juden ist auf 19% angestiegen. Aber auch der Anteil der säkularen Juden ist gewachsen: Von 3% auf 10%. Ein kürzlich in New York eingerichtetes Zentrum, "The Center of Cultural Judaism", will sich jetzt verstärkt um diesen wachsenden Teil der jüdischen Bevölkerung kümmern, der zwar nicht religiös ist, für den aber die kulturellen Seiten des Judentums von Bedeutung sind.
Insgesamt leben 972.000 Juden im Grossraum New York (Manhattan, Staten Island, Bronx, Queens, Brooklyn). 1957 waren es 2 Millionen Juden, und sie bildeten damals die grösste jüdische Gemeinde in der Geschichte der Stadt. Die zweitgrösste jüdische Gemeinde ist immer noch in Los Angeles zu Hause.

Der sinkende Anteil der Juden unter den New Yorkern wird sich langfristig auf die Politik der Stadt auswirken: Russische Juden sind konservativer eingestellt als die liberaleren, in Amerika geborenen, Juden. Dennoch ist die jüdische Gemeinschaft in New York heute heterogener als je zuvor.

Insgesamt leben in den Vereinigten Staaten 5.2 Millionen Juden (1990 waren es noch 5.5 Millionen). Die USA sind somit nach Israel die grösste jüdische Gemeinschaft der Welt. "Hier ist es auf jeden Fall besser als in der Sowjetunion", meint Ilya Gelman-ein russischer jüdischer Einwanderer, der in sehr bescheidenen Verhältnissen in Brooklyn lebt-in einem Interview mit dem Aufbau. "Ich habe alles was ein intelligenter Mensch zum Leben braucht".

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Man kann es fast eine "neue Bewegung" nennen: Die Zahl der amerikanischen, meist religiös-konservativ eingestellten Juden, die sich zur Aliyah nach Israel entschliessen, hat seit Beginn der zweiten Intifadah, im Oktober 2000, um 30% zugenommen. Rund 1.000 amerikanische Juden sind in diesem Sommer nach Israel gezogen-eine Rekordzahl. Noch in den letzten Jahren hatte nur ein Bruchteil der amerikanischen Juden den Wunsch geäussert, Israel überhaupt zu bereisen.

69% der Auswanderer sind orthodox, obwohl deren Anteil gesunken ist. In vergangenen Jahren entschlossen sich jährlich nur rund 1.400 amerikanische Juden zu einer Aliyah. Letztes Jahr waren es 2.020, die, wie die Wochenzeitung Jewish Week es ausdrückte, an diesem "wachsenden Exodus" teilnahmen. Eine Rekordzahl von Juden, besonders aus Florida, packt ihre Koffer. Aber für viele wird es schwer sein, in Israel zu bleiben, da besonders für sie dort die Verdienstmöglichkeiten wegen der schlechten Wirtschaftslage schlecht sind.

"Ich bin sehr enttäuscht", klagt Bracha Rutner, die nach Israel auswanderte und jetzt desillusioniert in die USA zurückkehren wird, in einem Interview mit der Jewish Week. "Es gibt einen Witz, der davon handelt, dass 'eine Aliyah jeden von seinem glühenden Zionismus heilen kann'. So genau ist es mir ergangen".

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Wenige Präsidenten werden von den amerikanischen Juden so geschätzt wie Harry S. Truman, den Nachfolger von Präsident Franklin D. Roosevelt. Ihm allein sei es zu verdanken, dass Amerika 1947 den Staate Israel anerkannt habe. Als die Washington Post im Juli enthüllte, dass bisher unbekannte Tagebücher von Truman mit antisemitischen Bemerkungen aufgetaucht seien, war das Erstaunen gross.

Doch viele Juden blieben unerschüttert. Truman habe nur dieselben antisemitischen Vorurteile widergespiegelt, die damals gebräuchlich waren. So habe man nun mal gedacht. Vielen jüdischen Zeitungen war diese Eröffnung nicht einmal einen Kommentar wert.

In Trumans Tagebuchnotizen hiess es: "Die Juden, finde ich, sind sehr, sehr selbstsüchtig. [...] Juden haben keinen Sinn für Verhältnismässigkeit und kein Urteilsvermögen bezüglich internationaler Angelegenheiten. [...] Sie bewegt es nicht, wie viele Esten, Letten, Finnen, Polen, Jugoslawen oder Griechen ermordet oder als DP (displaced persons) misshandelt werden, wenn sie nur als Juden ihre besondere Behandlung bekommen. Wenn sie aber Macht besitzen, ob physischer, finanzieller oder politischer Art, haben ihnen weder Hitler noch Stalin an Grausamkeit oder schlechter Behandlung des Underdogs etwas voraus. Kommt ein Underdog nach oben, spielt es keine Rolle, ob er den Namen eines Russen, Juden, Negers, Unternehmers, Arbeitnehmers, Mormonen, Baptisten trägt-er dreht durch. Ich habe sehr, sehr wenige gefunden, die sich, wenn der Wohlstand kommt, ihrer früheren Verhältnisse erinnern".

"Es ist unfair, anhand dieser wenigen Zitate zu behaupten, dass Truman ein Antisemit oder gar judenfeindlich war", kommentierte Mitchell Bard in der Jewish Week. "Wichtiger ist, dass sich Truman, trotz aller Verärgerung, die er gegen Juden verspürt habe könnte, für den jüdischen Staat eingesetzt hat und die richtigen Entscheidungen traf. Es ist zweifelhaft, dass Israel ohne Truman existieren würde". Trotz der Tagebuchaufzeichnungen, so meint auch Arthur Berger vom Holocaust Memorial Museum in Washington, werden Historiker ihre gute Meinung von Truman beibehalten. "Was er getan hat war ausserordentlich", sagte Berger in einem Interview mit der Londoner Times. "Er hat die Geschichte verändert". Auch Berger wies darauf hin, dass in den 30-40er Jahren derartige antisemitische Floskeln weit verbreitet waren.

Und Abraham Foxman, Direktor der Anti-Defamation League in New York, schrieb in einem Essay in der jüdischen Wochenzeitung Forward, unter der Überschrift "Harry Truman, mein angeschlagener ("flawed") Held": "Was auch immer Trumans Meinung über Juden war, sein Beitrag zur jüdischen Geschichte ist außerordentlich und zeitlos. Gegenüber seiner Entscheidung, den jüdischen Staat anzuerkennen […] verblassen die Kommentare in seinem Tagebuch. […] [Aber] es soll uns eine Lehre sein, jedes Aufflammen von Antisemitismus in Amerika ernst zu nehmen. Ich bin ein Holocaust-Überlebender. […] Harry Truman war mein Held, und 1950, als meine Eltern und ich als DPs nach Amerika kamen, war es für uns Truman persönlich, der das möglich gemacht hatte. Ich bin traurig, dass selbst Truman nicht makellos war. [Er] war ein Produkt seiner Zeit. Der Antisemitismus in seinem Tagebuch befleckt seinen guten Ruf. Dennoch: Truman bleibt Israels Held".

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Und wieder brachen alte Wunden auf, kam es erneut zu Spannungen zwischen Juden und Afro-Amerikanern: Zwölf Jahre nach den Ausschreitungen in Crown Heights, Brooklyn, den sogenannten "Crown Heights Riots" von 1991 zwischen Afro-Amerikanern und Juden, bei denen der Yeshiva Schüler Yankel Rosenbaum niedergestochen und getötet wurde, ist es im Mai diesen Jahres zu einer endgültigen Rechtsprechung gekommen.

1992, beim ersten Mordprozess, war der Hauptverdächtigte, der 17-jährige Afro-Amerikaner Lemrick Nelson Jr., für nicht schuldig erklärt worden, Rosenbaum vorsätzlich ermordet zu haben. 1997 wurde Lemrick dann in der Berufung für schuldig befunden, Rosenbaums Zivilrechte verletzt zu haben. Doch das Urteil wurde letztes Jahr revidiert, nachdem sich herausstellte, dass der Richter die Zusammensetzung der Jury beeinflusst hatte, und somit seine Kompetenzen überschritten hatte.

Es kam zu einem neuen Prozess: Dieses Mal ging es um die Frage, ob Lemrick Rosenbaum erstochen hatte, weil dieser Jude war. Im Mai diesen Jahres entschied die Jury, dass Lemrick nicht aus rassistischen Beweggründen gehandelt habe, sondern nur weil er angetrunken war und vom Mob angestachelt wurde. Er habe Rosenbaums Zivilrechte verletzt, hiess es in dem Urteil, sei aber nicht direkt für dessen Tod verantwortlich.

Die New Yorker Juden nahmen das Urteil fast wie beiläufig auf. "Crown Heights symbolisierte alles was falsch gelaufen ist in der Beziehung zwischen Juden und Schwarzen", kommentierte Samuel G. Freedman in der New York Times. "Jetzt stellt sich heraus, wie unwichtig unsere Beziehung zueinander wirklich ist. Der schwarz-jüdische Abschnitt in der Geschichte ist beendet. […] Wir, Juden und Afro-Amerikaner, sind endlich-voller Trauer-befreit von unserer moralischen und politischen Partnerschaft, aber wir sind auch befreit von unserer einzigartigen Fähigkeit, uns gegenseitig zu quälen".

New Yorker Juden und Schwarze suchen den Dialog nicht mehr als Repräsentanten ihrer ethnischen Zugehörigkeit, sondern, wenn überhaupt, als Amerikaner, die gemeinsame Ziele verfolgen. Die Zeiten, in denen Juden und Schwarze Hand in Hand auf die Barrikaden gingen, um als Minderheiten für Zivilrechte zu kämpfen, scheinen vorbei zu sein.

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Der Poet Aimara Baraka, der im August letzten Jahres vom Staate New Jersey zum offiziellen "Poet Laureat" ernannt worden war, bot bald darauf Peinliches: "Wer hat gewusst, dass das World Trade Center bombardiert werden wird? / Wer hat den 4.000 Israelis, die dort arbeiten, geraten, an diesem Tage zu Hause zu bleiben? / Wo war Sharon?" las Baraka kurz nach seiner Ernennung in einer öffentlichen Rede aus einem seiner Gedichte.

Die Empörung war gross, doch schnell stellte sich heraus, dass kein Politiker die Befugnis hatte, Baraka seinen Titel abzusprechen. Und dieser weigerte sich, freiwillig abzutreten. Jetzt, fast ein Jahr nach dem Eklat, hat die Kommunale Regierung von New Jersey ein Gesetz verabschiedet, das die Position "Poet Laureat" im Staat New Jersey eliminiert.

Nur so konnte man Baraka, der ein Stipendium von $10.000 erhalten hatte, auf legalem Wege loswerden.

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Der Skandal um Jayson Blair in der New York Times hat Auswirkungen auf die amerikanischen Juden, behauptet Ari L. Goldman von der Jewish Week. Blair, ein 27-Jahre alter aufsteigender Reporter der New York Times, wird des Plagiats beschuldigt. Der charmante Schreiberling habe ganze Reportagen erfunden und somit dem guten Ruf der Zeitung geschadet. Zwei leitende Redakteure mussten daraufhin ihr Amt niederlegen.

Jetzt werden die Herausgeber und Redakteure der Times, mehr noch denn je, auf Genauigkeit und Ausgewogenheit bedacht sein, was Auswirkungen haben wird auf die politische Berichterstattung aus und über Israel. "Über die Geschehnisse im Nahen Osten wird jetzt sorgfältiger und genauer berichtet werden", kommentierte die Jewish Week.

Der New York Times ist schon des öfteren vorgeworfen worden, unausgewogen über den israelisch-palästinensischen Konflikt zu berichten. Die Organisation "Camera" (Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America) hat die Zeitung schon oft wegen ihrer unausgewogenen Berichterstattungen über Israel angeprangert. "Es geht dabei nicht um Fehler", behauptet Camera, "sondern um ein individuelles Messen mit zweierlei Maß".

"Als orthodoxer Jude bin ich in der Minderheit, die glaubt, die Berichterstattung der Times ist fair", kontert Ari L. Goldman in der Jewish Week. "Doch nach der Jayson Blair Affäre wird die Zeitung mehr auf kritische Stimmen ihrer Leser hören, Briefe an die Redaktion beantworten und Beschwerden überprüfen. Das ist gut für Israel, und gut für die Juden".

 

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Das Oberammergauer Passionsspiel hat nicht den Ruf, Juden freundlich gesinnt zu sein. Doch wie verhält sich Hollywood zum Thema? Mel Gibsons Produktion "The Passion", ein blutrünstiges Kostümdrama über die Kreuzung Jesu auf Aramäisch und Latein, das nächstes Jahr in die Kinos kommen wird und von Gibson produziert und zum grössten Teil selbst finanziert wird, sorgt bereits jetzt für Aufregung.

Die Anti-Defamation League (ADL) hat im April neun jüdische und katholische Historiker von mehreren angesehenen amerikanischen Universitäten gebeten, einen Blick in Gibsons Drehbuch zu werfen, und zu prüfen, ob der Film, wie befürchtet, antisemitisch sei und Judenhass schüre. "Ja, er könne", war der Konsensus. Ein katholischer Historiker ging so weit zu sagen, das sei der antisemitischste Text, der ihm seit langem unter die Augen gekommen sei. Außerdem strotze das Drehbuch vor historischen Ungenauigkeiten.

Die ADL hatte daraufhin an Gibson einen Brief mit ihren Befunden geschickt, der vom Schauspieler jedoch brüsk zurückgewiesen wurde, mit der Begründung, das Drehbuch sei noch in Bearbeitung und ohne Befugnis eingesehen worden. In ihrem Schreiben hatte die ADL Gibson daran erinnert, dass er "als internationales respektiertes Filmidol eine große Verantwortung trägt an der Botschaft, die der Film mit sich bringt. Eine Botschaft, die hoffentlich positiv ausfallen wird".

Gibson behauptet, sich strikt an das Neue Testament zu halten, man munkelt aber, das Drehbuch stütze sich auf die Aufzeichnungen zweier Nonnen, die für ihre antisemitischen Ansichten bekannt sind: Mary of Agreda (1602-1665) und Anne Catherine Emmerich (1774-1824).

Die Befunde der ADL Kommission haben jüdische und katholische Gruppierungen zerstritten. Im Juni veröffentlichten das "Bishop's Committee for Ecumenical and Interreligious Affairs" und die "United States Conference of Catholic Bishops" (letztere war am Verfassen des Berichtes beteiligt) eine Erklärung, in der sich beide von der ADL distanzierten. Gibson, für seine tiefe Religiosität bekannt, hat gedroht zu klagen. Er nehme jedoch Abstand von den Aussagen seines Vaters, Hutton Gibson, den Christopher Noxon im Sonntagsmagazin der New York Times im März zitierte: Mel Gibsons Vater bezweifelt nämlich, dass 6 Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden.

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"Oy" und "bubkes" werden endgültig offiziell in den amerikanischen Sprachsatz aufgenommen, obwohl Jiddische Worte wie diese schon seit Ende des letzten Jahrhunderts, zumindest in New York, weit verbreitet sind. In dieser Stadt, in der "Spritz" und "Schmutz" zum Alltag gehören, ist das keine Besonderheit. Nicht so in Oklahoma City oder Denver.

Jetzt hat das angesehene amerikanische Wörterbuch "Webster's" nach zehn Jahren endlich wieder eine Neuauflage herausgegeben, und "oy" und "bubkes" sind mit dabei. Kathleen Doherty, Associate Editor bei Merriam-Webster (mit Sitz in Massachusetts) macht populäre Fernsehsendungen wie "Seinfeld" dafür verantwortlich, dass Jiddische Wörter, oder, wie sie es nennt, "Stetl Slang", als Teil des offiziellen amerikanischen Sprachgutes angesehen werden.

"Wie dem auch sei", kommentiert Ross Schneiderman im Forward, " 'bubbe' und 'zayde' wussten schon immer, wovon sie sprachen".

 

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