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Home Page > Artikel in Deutsch > Juden in Los Angeles


Dieser Artikel erschien in Heft 162, 2002, der
Tribüne — der “Zeitschrift zum Verständnis des Judentums”, die dreimonatlich in Frankfurt erscheint. Der Artikel kann auch bei hagalil.com gelesen werden.



Juden in Los Angeles

Weimar am Pazifik,
Palmenidyll am Meer

Von Tekla Szymanski


MGMIn Kalifornien "hängt an jedem Zitronenbaum ein kleines Preisschildchen", spöttelte Bertolt Brecht, der in den frühen 40er Jahren in Los Angeles im Exil lebte. Und Igor Stravinsky fand, Los Angeles schenke jedem eine "wunderbare Isolation". Ganz im Gegensatz zu New York war Los Angeles eine tropische Enklave, ein mexikanisches Städtchen im Wilden Westen, das erst am 4. April 1850 von Amerika annektiert wurde. Damals lebten 8.624 Einwohner in der Stadt-unter ihnen 295 "gringos" (weisse, Englisch sprechende Amerikaner) und acht Juden: Abraham Jacobi, 25, und Morris Michaels, 19, beide aus Polen, sowie Morris L. Goodman, 24, Phillip Sichel, 28, Augustine Wassermann, 24, Felix Bachmann, 28, Joseph Plumer, 24, und Jacob Frankfort, 24: Sie alle kamen aus Deutschland.

Dieses Wüstenländchen, in denen zu Anfang die Goldgräber ihr Unwesen trieben, wuchs innerhalb weniger als 100 Jahren zu einer Metropole an, in deren Traumfabrik, Hollywood, Juden das Image Amerikas formten und in die Welt exportierten, und wo heute die drittgrösste jüdische Gemeinde der Welt—nach Israel und New York—zu Hause ist.

Juden waren von Anfang an aktiv dabei, diese Stadt aufzubauen, doch ihre Beweggründe, nach Kalifornien zu ziehen, waren andere als die der armen Stetl-Bewohner, die in Ellis Island bei New York an Land kletterten. Juden zog es über die Jahre nach Kalifornien der Sonne wegen, weil sie ein neues, sorgenfreies Leben aufbauen wollten. Ihre Eltern und Grosseltern hatten Europa verlassen, waren Pogromen und Elend entkommen, und hatten sich nach New York eingeschifft. Jetzt verliessen ihre Kinder New York, um den engen, armseligen Wohnverhältnissen zu entfliehen, in denen sie aufgewachsen waren; sie kamen, weil sie ihren Lebensabend in Ruhe geniessen wollten, und sie kamen, weil sie einfach die Neugier trieb.

Ein neues Leben aufbauen hiess für Juden, wie für alle anderen auch, die Fesseln der alten Generation abzustreifen. Denn in Los Angeles erwartete sie kein starres Klassensystem, jeder war hier vorerst "fremd"—selbst die in Amerika geborenen. Und jeder hatte die gleichen Chancen. In Los Angeles trafen sich Exilanten aus Deutschland, meist Schriftsteller, die einen Neuanfang suchten. Und mit Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten junge amerikanische Kriegsveteranen Los Angeles, die während des Krieges im Pazifik stationiert waren und auf den Weg dorthin auch Kalifornien zum ersten Mal durchreist hatten. Es zog sie zurück in die Sonne. Unter ihnen waren viele der 550.000 Juden, die an der Seite Amerikas gegen Deutschland gekämpft hatten—sie kehrten gerne Brooklyn, Chicago und Philadelphia den Rücken, um, ausgerüstet mit den Kriegsabfindungen, die sie erhalten hatten und gestärkt mit neuem Selbstbewusstsein, ihre Familien an der abgeschiedenen, malerischen Westküste zu gründen—weit weg von den miefigen Wohnslums ihrer Eltern, die in ihren Augen nie richtige Amerikaner geworden waren.

Die Jungen entdeckten eine neue Welt, wo ihr Judentum nicht als selbstverständlich angesehen wurde. Sie entdeckten eine Welt, in der Rassendiskriminierung und Vorurteile nicht mehr mit Bagel und Lachs verdrängt wurden. Ehemalige New Yorker Juden wurden hier zur Minderheit—weil sie weiss waren. Sie waren nicht mehr in erster Linie Juden, sondern sie waren weiss. Denn die Mehrheit der Bevölkerung war mexikanisch und indianisch. Die jüdische Religion war nicht mehr ausschlaggebend für ihre Identifikation.

 

I. Am Anfang waren es acht

1850 ging es den wenigen Juden, die aus Deutschland an die Westküste gekommen waren, relativ gut. Sie waren angesehen, betätigten sich als Kaufleute, und standen gut mit der hauptsächlich mexikanischen und indianischen Bevölkerung. Ihre kaufmännischen Kenntnisse trugen dazu bei, die Stadt aus ihrer Isolation zu heben. Die Juden lernten schnell Spanisch und füllten bald Schlüsselpositionen in der Stadt. Einige kehrten nach Deutschland zurück, um dann wieder nach Los Angeles zu reisen, sobald ihnen das Geld in der Alten Welt ausging.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der erste jüdische Friedhof, die erste jüdische Gemeinde und 1854 die "Hebrew Benevolent Society" gegründet—die erste jüdische Hilfsorganisation unter Samuel K. Labatt. 1902 wurde das erste jüdische Krankenhaus, das Kaspare Cohn Hospital für tuberkulöse Kranke eröffnet. Antisemitismus gab es nicht. Denn nicht die Juden waren ein Dorn in den Augen der Mexikaner und Indianer—sondern die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen hatten.

1857 kamen schwere Zeiten auf Los Angeles zu: Eine Dürreperiode, gefolgt von Überflutungen und einer Masern Epidemie machten der Bevölkerung zu Schaffen. Mit dem Bau der Eisenbahnlinien 1870 ging es langsam aufwärts: Zum ersten Mal machten Neuankömmlinge die Mehrheit der Bevölkerung aus. Aber sie kamen nicht direkt mit dem Schiff aus ihren Heimatländern, sondern via New York, Boston und anderer Hafenstädte. Einige verhalfen während der Pogrome in Osteuropa (1906-07) ihren osteuropäischen Familien nach Kalifornien. Man empfing sie mit Nasenrümpfen. Den mit Streimeln (Fellmützen) bekleideten orthodoxen osteuropäischen Juden wurde von Alteingesessenen Juden hämisch hinterhergerufen, sie seien in Los Angeles und nicht in Sibirien.
Zu dieser Zeit erreichten auch 2.200-2.300 arbeitslose jüdische Arbeiter aus New York die Stadt. Die meisten kamen aus der Bekleidungsindustrie. Sie waren von dem von Baron de Hirsch ins Leben gerufenen "Industrial Removal Office" nach Los Angeles geschickt worden—einer Organisation, die den Juden aus dem überfüllten New York an der Westküste Arbeit vermittelte.

1900 gab es 2.500 Juden in Los Angeles; 1927 waren es 65.000 (1.5 Millionen Juden lebten zu dieser Zeit in New York). Die meisten Juden in Los Angeles waren nicht religiös—weniger als die Hälfte von ihnen gehörten in den 1930er Jahren der jüdischen Gemeinde an. Ganz im Gegensatz zu der jüdischen Bevölkerung, die es aus Osteuropa nach New York trieb: Sie brachten ihre Bräuche und Traditionen mit und transferierten sie in die Neue Welt. An der Lower East Side in Manhattan ging das Stetldasein erst einmal weiter, in Frömmigkeit. Die Juden in Los Angeles waren dagegen junge, idealistische Kaufleute. Sie kamen, weil sie es zu etwas bringen wollten. Freiwillig. Und sie waren erfolgreich.

 

II. Hollywood: Die ganze Mischpoche vereint

Von 1890 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges überkam Los Angeles eine puritanische Zeit. Mehr und mehr konservative, christliche Auswanderer zog es aus dem mittleren Westen nach Los Angeles. Juden wurden an den Rand gedrängt, Antisemitismus flammte auf. Doch die Juden fanden einen Anlaufpunkt, den ihnen niemand streitig machen sollte: Hollywood. Osteuropäische Juden bauten die Traumfabrik auf, leiteten sie exklusiv über 30 Jahre lang und setzten dem amerikanischen Selbstbewusstsein für immer ihren Stempel auf. Sie gründeten die Filmgesellschaften, jüdische Rechtsanwälte vertraten die Bosse der Filmindustrie und es waren ausschliesslich Juden, die Filme produzierten. Unter ihnen war auch Curt Siodmak, der Anfang September 2000 verstarb, und den die Neue Zürcher Zeitung (8.9.2000) in ihrem Nachruf einen "der letzten grossen Autoren und Filmkünstler der Nazi-Emigration" genannt hatte, den Hollywood verloren habe. "Ich wurde als Jude geboren und trug mein Leben lang den unsichtbaren Davidstern", habe Siodmak gesagt. Und nie konnte er, wenn er Englisch sprach, seine sächsische Herkunft verleugnen.

So wie Siodmak, fanden viele jüdische Flüchtlinge in der Filmbranche Unterschlupf. Diese neue Machtposition der Juden wurde vielen suspekt: In diesen Jahren nahm der Antisemitismus in Kalifornien zu. Die sogenannten "Hollywood Jews" bildeten eine homogene Gruppe. Es waren arme Einwanderer aus Osteuropa: Carl Laemmle gründete Universal Pictures; Adolph Zukor baute Paramount Pictures auf; William Fox gründete die Fox Film Corporation; Benjamin Warner gründete Warner Brothers; und Louis B. Mayer rief Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) ins Leben, das Spötter "Mayer's Gunsa Mischpocha" (Mayers ganze Familie) nannten, da er dort seine ganze Familie zu beschäftigen pflegte. Allen gemeinsam war der eiserne Wille, ihre bettelarme Vergangenheit zu vergessen, und sie adoptierten ihre neue Heimat mit glühend patriotischer Hingabe.

Sie wollten Amerikaner werden, bauten Multi-Billion-Dollar Industrien auf, und erschufen ein Amerika nach ihren Idealen: eine Traumwelt, wo jeder frei war, das Böse bekämpft werden konnte und das Gute am Ende immer siegte. Viele gaben ihre jüdisch klingenden Namen auf—so wie es auch viele Schauspieler taten. Einige revidierten sogar ihr Geburtsdatum (Mayer ernannte den 4. Juli, Amerikas Unabhängigkeitstag, zu seinem Geburtstag). Man streifte die osteuropäische Vergangenheit wie einen ausgebeulten Schuh ab, sprach ausschliesslich Englisch und zog sich mehr und mehr aus seinem Judentum zurück.

Die "Hollywood Jews" trafen den Geschmack ihres Publikums genau, weil sie selbst das Publikum waren. Auch sie waren Einwanderer, die sich in Amerika, in Los Angeles, neu definieren wollten. Sie kannten die Träume und Sehnsüchte ihres Publikums—es waren die Ihrigen. Sie erfanden Amerika auf der Leinwand. Amerika war Hollywood, und Hollywood spiegelte Amerikas künstliche, etwas kitschige Ideale und einen naiven Patriotismus wider. So ist es bis heute geblieben.

Eifrig produzierten sie Filme, die zerstreuten. Kritische Behandlungen über Antisemitismus, den Krieg oder Nazi-Deutschland schmähten sie. Filme, die die Realität der Juden nicht durch eine rosarote Brille sahen, wurden erst viel später, von Nicht Juden gedreht (so zum Beispiel "A Gentleman's Agreement", 1947, unter Regie von Elia Kazan, über Antisemitismus in Amerika). Hollywood wurde zu einem jüdischen Machtmonopol, über das der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald sagte, es wäre ein "jüdischer Traum und eine nicht-jüdische Tragödie."

Bis heute sind vier der fünf grössten amerikanischen Filmgesellschaften unter jüdischer Leitung. "Dreamworks", gegründet im Oktober 1994 von Steven Spielberg, David Geffen und Jeffrey Katzenberg, ist eine moderne Reinkarnation der "Hollywood Jews" und mittlerweile zu einem der einflussreichsten Filmstudios aufgestiegen. Und auch heute noch ist Fairfax, westlich von Hollywood, der Stadtteil in Los Angeles, in dem die meisten Juden der ersten Generation wohnen.


III. Exil unter Palmen

"Als ich das erste Mal nach Los Angeles kam", erinnerte sich der jiddische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer, "hatte ich das Gefühl ich wäre im Paradies gelandet. Zu erst einmal die Palmen. Wo hätte ich denn sonst in meinem Leben Palmen gesehen? Und der erste Schluck [Orangensaft] war ein Göttertrank!" Die dritte große Einwanderungswelle erreichte Los Angeles zwischen 1936 und 1943—unter ihnen waren zahlreiche deutsche Exilschriftsteller, Schauspieler und Regisseure, Juden wie nicht Juden. Und nach dem Krieg kam eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge an die Westküste, die den Krieg in Shanghai überlebt hatten.

Obwohl Los Angeles die Exilanten von ihrem Schicksal abzulenken vermochte, die Trauer, die Heimat verlassen zu haben, konnten auch Palmen und azurblauer Ozean nicht wegwischen. "Hier, in Los Angeles, kann man nicht laufen," klagte die Schriftstellerin Vicki Baum. "Das ist ein Grund warum ich mich im Exil fühle." Und Bertolt Brecht schrieb in seinem Gedicht "Nachdenken Über Die Hölle" (1941-47): "[...] Ich, der ich nicht in London lebe, sondern in Los Angeles, finde, nachdenkend über die Hölle, sie muss mehr Los Angeles gleichen. [...] Die Häuser in der Hölle sind nicht hässlich. Aber die Sorge, auf die Strasse geworfen zu werden, verzehrt die Bewohner der Villen nicht weniger als die Bewohner der Baracken.[...]"

Während des Zweiten Weltkrieges wurde Pacific Palisades, westlich von Los Angeles, die Hauptstadt der deutschen Exilliteratur. Dieses "Weimar am Pazifik",—und insbesondere die Villa Aurora, das Domizil der Feuchtwangers,—wurde zum Treffpunkt der Exilanten. 130.000 deutschsprachige Flüchtlinge kamen aus Europa und liessen sich zwischen 1933-1945 in Los Angeles und Umgebung (Brentwood, Westwood, Pacific Palisades) nieder, unter ihnen Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann, Franz Werfel, Alfred Döblin, Leon Feuchtwanger, Arnold Schoenberg und Walter Mehring. Nicht wenige—darunter Brecht, Werfel, Albert Einstein, Thomas Mann, Feuchtwanger, Döblin, Erich Maria Remarque, Emil Ludwig, Vicki Baum und Ludwig Marcuse—erregten das Misstrauen des FBI, das nach "un-american", sprich kommunistisch-gefärbten Aktivitäten und linken Weltanschauungen forschte, und den geflohenen Deutschen nicht selten feindlich gegenüberstand, ja, einige sogar ausser Landes wies.

In den 1940 Jahren kamen jeden Monat 16.000 Juden in Los Angeles an. 1946 strömten täglich 500 Juden in die sonnendurchflutete Stadt. Viele kamen als Touristen—und blieben. Wieder andere suchten das therapeutisch milde Klima Kaliforniens—und blieben. Juden machten jetzt 13% der Einwohnerzahl Los Angeles aus. Die jüdische Abwanderung (besonders aus dem mittleren Westen) verdoppelte die Gesamtbevölkerung der Stadt, von 130.000 vor dem Zweiten Weltkrieg, auf 500.000 um 1950.


Erst hundert Jahre zuvor hatten nur acht Juden in der Stadt gelebt.

 

IV. Eine Metropole wächst

Immer mehr New Yorker Juden zog es an die Westküste; es waren Einwanderer der zweiten Generation. 70% liessen sich in Los Angeles nieder. Um 1948 lebten 150.000 Juden in Los Angeles. 1950 machten die in Los Angeles geborenen Juden nur 8% der Bevölkerung aus. Los Angeles transformierte sich, nach Tel Aviv und New York, zu einer Metropole mit der drittgrössten jüdischen Einwohnerzahl in der Welt. Das Durchschnittsalter der Juden in Los Angeles lag 1959 bei 33. Im selben Jahr wurde die Dachorganisation der Juden in Los Angeles gegründet: "The Jewish Federation Council of Greater Los Angeles."

Jeden Neuankömmling erwartete ein Ferienparadies. Die Stadt war nicht mit lähmender Geschichtslast beladen, war anders als die Städte, die man an der Ostküste zurückliess. Los Angeles forderte von niemandem totale Anpassung. Hier konnte man sich neu entfalten, alte Familienbande abstreifen, oder auch nicht, mit der Stadt wachsen und sich neu definieren. Jeder Zweite war ein Neuankömmling, viele kamen allein: ob in Amerika geborene, Europäer oder Lateinamerikaner. Hier wurden Neueinwanderer automatisch zu Amerikanern—schnell, schmerzlos, unter blauem Himmel. Man wurde zum Neu-Amerikaner, weil man sein Schicksal selbst in die Hand nahm. Man improvisierte und nahm Risiken. Hier war das Land der jungen Leute, die in die Zukunft blickten—ganz im Sinne amerikanischer Ideale.

 

V. Hand in Hand mit den Latinos

Juden wurden zu einem voll integrierten Teil der Stadt. 1974 erreichten jüdische Einwanderer aus der Sowjetunion Los Angeles. Russische Juden bilden heute die grösste ethnische Gruppe unter der jüdischen Bevölkerung. Die zweite Gruppe sind persische Juden, die nach der Absetzung des Schahs 1979 nach Los Angeles immigrierten. Heute leben rund 35.000 iranische Juden in Los Angeles, und bilden die grösste iranisch-jüdische Gemeinde ausserhalb Israels. Die dritte ethnische Gruppierung in der Stadt sind junge Israelis, die es aber vorziehen, nicht "zu sehr aufzufallen"; man nennt sie die "Unsichtbare Gemeinde". Ihre Zahl wird auf rund 15.000 geschätzt.

Insgesamt leben heute etwa 500.000 Juden in Los Angeles— in New York sind es rund 1.13 Millionen. Und immer noch sind 45% der Juden in Los Angeles Auswanderer, oder Kinder von Einwanderern. Lebten die meisten Juden anfänglich in Fairfax (westlich von Hollywood, wo immer noch eine große Anzahl von älteren Juden und Holocaustüberlebenden lebt) oder Boyle Heights (das jetzt vollständig von Latinos bewohnt ist), so ziehen jetzt immer mehr junge Juden nach West Los Angeles, zwischen Beverly Hills und dem Pazifik. Im Gegensatz zu New York, wo es eine zentrale jüdische Gemeinde gibt, sind Juden in Los Angeles in kleinen Splittergemeinden über das gesamte Stadtgebiet verstreut. Nur wenige sind Mitglieder einer Synagoge.

Die Mehrheit der Juden in Los Angeles ist Reform, und nur die iranische Gemeinde ist traditionell religiös. Los Angeleser Juden sind zum grössten Teil liberal-demokratisch eingestellt (1993: 82%), und nur die iranischen Juden stehen den Republikanern näher. Juden in Los Angeles bilden eine enorm wichtige Wählergruppe, denn 93% von ihnen gehen wählen. Das steht im krassen Gegensatz zum amerikanischen Trend mit seiner allgemeinen Wahlbeteiligung von unter 50%. So kam es, dass 15% der Wähler in der Bürgermeisterwahl 1997 in Los Angeles Juden waren—obwohl Juden nur rund 6% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Nur ein Kandidat, der um die jüdische Wählerschaft buhlt, kann in Los Angeles eine Wahl gewinnen.

Juden und Schwarze haben seit den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren eine lange Geschichte guter Zusammenarbeit hinter sich. Sie verhalfen 1973 gemeinsam dem schwarzen Bürgermeister von Los Angeles, Tom Bradley, ins Amt. Doch die guten Beziehungen änderten sich schlagartig 1992 mit den Rassenunruhen in der Stadt. Juden wurden in den Augen der Afro-Amerikaner wieder zu "Den Weissen" degradiert.

Trotz des Einflusses, den die Juden in der Geschichte der Stadt ausgeübt hatten, wurde der erste jüdische Politiker erst 1953 in die Kommunalbehörde der Stadt gewählt. 1976 hatten Juden 16 der 100 höchsten politischen Posten in Los Angeles inne. Doch der Trend nimmt ab: Seit Mitte der 80er Jahre—besonders nach 1993 mit der Abwahl Bradleys—ist ihr Anteil in der Stadtpolitik um 30% gesunken.

Heute sind es Juden und Latinos, die gemeinsam, da demokratisch eingestellt, das politische Klima der Stadt bestimmen. Der Kandidat, der es schafft, Juden und Latinos zu überzeugen, wird gewählt. Latinos machen 60% der Gesamtbevölkerung der Stadt aus, und Juden sehen sich jetzt als eine weisse Minderheit innerhalb der weissen Minderheit. Die jüdischen Gemeinden haben deshalb in den letzten Jahren verstärkt den Dialog mit Latinos gesucht—und die Beziehungen werden immer enger.

 

VI. Los Angeles—New York

In New York gehörten die Juden einem Kollektiv an. Von je her organisierte man sich in Gemeinden, Familien lebten eng beieinander. In Los Angeles wurden Juden zu Individuen. Die eigene Religiosität praktizierte man, wenn überhaupt, zu Hause. Das jüdische New York ist ein Produkt seiner (ost)europäischen Vergangenheit. Das jüdische Los Angeles dagegen ist das Produkt einer neu definierten amerikanisch-jüdischen Symbiose. Es zieht die amerikanischen Juden immer noch gen Westen: Zwischen 1930 und 1994 ist die jüdische Bevölkerung in Kalifornien um 730% angestiegen; die jüdische Bevölkerung an der Ostküste sank dagegen um 16%. Los Angeles wurde zum "Ellis Island of the West".

Die Stadt entwickelte sich erst spät. Als New York schon längst etabliert und Zentrum der Finanz war—eine glitzernde Einwanderstadt, die den Massen den amerikanischen "way of life" versprach—war Los Angeles ein staubiges, rauhes Fleckchen, eine Stadt der Saloons und Cowboys. Bis 1880 war Los Angeles eine Grenzstadt im Wilden Westen, wo Gangster und Goldgräber ihr Unwesen trieben. Eine Stadt, die nicht ernst genommen, ja, grösstenteils sogar übersehen wurde. Während man in New York schnell "New Yorker" werden wollte und auch heute noch werden will, blieb und bleibt man in Los Angeles Texaner, Kantonese oder Deutscher aus Wahl.

New Yorker und Kalifornier bleiben sich fremd. Die Bewohner der Ostküste und der Westküste unterscheiden sich in ihrer Lebenseinstellung. New Yorker Juden nennen Los Angeles spöttisch "La La Land", kulturlose Heimat einer seichten, meist neureichen Gesellschaft, die in ihren hässlichen Villen nur ans eigene Amüsement denkt. "Für die Bewohner von Los Angeles ist es unwichtig was man über sie schreibt—Hauptsache der Name stimmt", spöttelt der Schriftsteller Paul Vangelisti in "L.A. Exiles: A Guide to Los Angeles Writing". Und Orson Welles hatte einmal über Los Angeles gesagt: "Das Furchtbare an L.A. ist, dass man sich mit 25 hinsetzt—und wenn man wieder aufsteht ist man 62."

Juden in Los Angeles wiederum sind davon überzeugt, dass sie alleine die grösste Reformgemeinde aufgebaut haben, freier und mehr gewillt sind, ihr Judentum so zu leben, wie sie es wollen. Juden in New York seien da viel orthodoxer als sie. Juden in Los Angeles würden überall wohnen—bloss nicht in New York. "Es lebt sich besser in Los Angeles, man hat mehr Freiheit, mehr Privatsphäre, die Lebensqualität ist höher als in New York", resümiert H.Z., 73, der in der Bronx in New York aufwuchs und nach seinem Militärdienst an der Westküste in Los Angeles geblieben ist. "Ich hab' nichts gegen New Yorker. Sie sollen bloss an der Ostküste bleiben, weit weg von unseren freeways!"

Viele Juden in Los Angeles teilen seine Meinung. Auch sie sind froh, weit weg zu sein von New York—dem brodelnden Anlaufpunkt ihrer Eltern mit seinen stinkenden subways—das immer noch schonungslos an die eigenen Wurzeln erinnert. Ein rauhes Pflaster, wo es im Winter auch noch schneit.

 

Zum Weiterlesen:

Cristopher Hampton: Tales from Hollywood (Faber & Faber, 2002)

Erhard Bahr: Weimar on the Pacific (University of California Press, 2008)

Jean-Michel Palmier: Weimar in Exile: Exile in Europe, Exile in America (Verso, 2006)

Cornelius Schnauber: Spaziergänge durch das Hollywood der Emigranten (Arche Verlag, 1992)

"When Weimar Luminaries Went West Coast", David Laskin,
New York Times
, 5. Oktober, 2008.

Feuchtwanger Memorial Library, University of Southern California

 

 

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